Erklärungen

Jeder Mensch ist wertvoll

Kolpingwerk Deutschland zur Debatte um eine Zulassung des Bluttests auf Trisomie 21: Selektionsinstrumente dürfen nicht zur gesellschaftlichen Normalität werden

Der umstrittene vorgeburtliche Bluttest auf das Down-Syndrom wird künftig von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Zumindest gilt dies für Schwangerschaften mit „besonderen Risiken“, wie die Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen in ihrer Sitzung am 19.09.2019 entschieden haben. Das Bundesgesundheitsministerium muss noch zustimmen. Das Kolpingwerk Deutschland nimmt dies zum Anlass, mit Blick auf die Frage nach einer Kassenzulassung des Bluttests auf Trisomie 21 auf den hohen Stellenwert des Schutzes des menschlichen Lebens hinzuweisen. Das Kolpingwerk warnt davor, dass eine Finanzierung des Bluttestes in „begründeten Einzelfällen“ nicht eine Entwicklung initiieren darf, an deren Ende ein solches Selektionsinstrument als Regelleistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird.

Seit März 2017 hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) die neuen Tests, die nach einem Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten und Krankenkassen (GBA) Kassenleistung werden könnten, analysiert. Im April 2019 hat sich der Bundestag in einer Orientierungsdebatte mit dem Thema vorgeburtliche genetische Bluttests befasst. Worum geht es im Kern der Diskussion?

Aktuell können sich Eltern bei sogenannten Risikoschwangerschaften für eine Fruchtwasseruntersuchung entscheiden, die von der Gesetzlichen Krankenversicherung gezahlt wird. Damit können jedoch nicht nur genetische Abweichungen (wie etwa Trisomie 21) festgestellt, sondern beispielsweise auch Fehlbildungen und Infektionen diagnostiziert werden. Allerdings ist diese invasive Methode mit Risiken – wie etwa der Gefahr einer Fehlgeburt – behaftet. Der nichtinvasive Pränataltest (NIPT) – also der Bluttest – ist hingegen für Mutter und Kind ungefährlich und bietet eine sehr verlässliche Prognose darüber, ob eine genetische Abweichung vorliegt. Angeführt wird neben diesem medizinischen Argument für den nichtinvasiven Test auch jenes der Gerechtigkeit: Darf ein risikofreier Test jenen Eltern vorenthalten werden, die nicht das Geld haben, ihn selbst zu bezahlen? Zudem – so wird argumentiert – könnte die Kostenübernahme des Bluttestes mit einer verpflichtenden psychosozialen Beratung einhergehen.

Das Kolpingwerk stellt dazu erneut fest, dass der Bluttest auf Trisomie 21 keinerlei therapeutischen Zwecken dient, sondern ausschließlich ein Selektionsinstrument zur Feststellung des Down-Syndroms bei Ungeborenen darstellt, das nicht therapierbar ist. Es geht ausschließlich um die Information darüber, ob eine Trisomie 21 beim Kind vorliegt. In neun von zehn Fällen führt diese Annahme erfahrungsgemäß zu einem Schwangerschaftsabbruch.

Eine größere Form der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung ist kaum vorstellbar. Unsere Gesellschaft darf nicht den Blick für die Grenzen zwischen dem technisch Machbaren und dem ethisch Vertretbaren verlieren. Neue Methoden dürfen nicht zu einer Diskriminierung und zu einer Selektion führen, welches Leben lebenswert sein soll und welches nicht.[1]

Das menschliche Leben ist als fundamentalstes Gut zu schützen. In diesem Sinne sind selbstverständlich auch die Grundrechte und die Menschenwürde ungeborenen Lebens zu respektieren und zu bewahren. Das Kolpingwerk betrachtet mit Sorge einen gesellschaftlichen Werte- und Bewusstseinswandel, der auch das Verständnis von Elternschaft berührt, sodass ein Kind nur dann angenommen wird, wenn bestimmte Eigenschaften erfüllt sind. Damit einher geht die Gefahr der bewussten Konstruktion menschlichen Lebens und dessen Verfügbarmachen in Zeiten grenzenlos scheinender diagnostischer und medizinischer Möglichkeiten.

Mit Blick auf die konkrete Fragestellung hat der grundlegende Schutz des ungeborenen Lebens primären Status. Nachrangig ist die Frage danach, ob der entsprechende Test aus finanziellen Gründen allen werdenden Eltern zur Verfügung stehen soll. Ein Test, der in letzter Konsequenz oftmals dazu führt, menschliches Leben in lebenswert oder lebensunwert einzuteilen, darf nicht zur Regelleistung der Krankenkassen und damit zur gesellschaftlichen Normalität werden. Schwangere Frauen sind in ihrer „guten Hoffnung“ zu begleiten und nicht mit einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung zu konfrontieren, ein möglichst gesundes Kind zur Welt zu bringen. Jeder Mensch ist wertvoll, unabhängig von seiner genetischen Disposition. Die positiven Entwicklungen der letzten Jahre, unsere Gesellschaft in Richtung einer inklusiven Gesellschaft weiterzuentwickeln, dürfen nicht durch medizinische Entwicklungen konterkariert werden. Der Wert der Vielfalt allen menschlichen Lebens ist bedingungslos hervorzuheben. Definitionen von „Normalität“ und Kriterien der Leistungsgesellschaft sind zu hinterfragen. An diesen Kriterien muss sich ein solidarisches Miteinander messen lassen, in dem ein jeder Mensch das Recht hat, das eigene Sein zu leben und akzeptiert zu werden.

Für das Kolpingwerk stehen die Würde und die Unverfügbarkeit jedes menschlichen Lebens vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes im Vordergrund. Die Wahrung der Menschenwürde und der Schutz des menschlichen Lebens vom ersten bis zum letzten Augenblick sind vom Grundgesetz garantiert und gehören zu den wichtigsten Aufgaben staatlichen Handelns!

 

Für den Bundesvorstand

Berlin, den 19.10.2019


[1] Memorandum des Kolpingwerkes Deutschland zum Schutz des menschlichen Lebens. Beschlossen durch die Bundesversammlung des Kolpingwerkes Deutschland, Köln im Oktober 2016. Online unter:

http://www.kolping.de/presse-medien/presse/news-archiv/news-details/news/bundesversammlung-beschliesst-memorandum-zum-lebensschutz/

 

Bild:von kropekk_pl auf pixabay.com