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Wüste. Versuchung.

Geistlicher Impuls zum ersten Fastensonntag im von Bundespräses Sebastian Schulz

Dessert zum Frühstück. Ein Glas Wein mehr als zuträglich. Ein freier Nachmittag, obwohl die To-do-Liste etwas anderes sagt … Es gibt Versuchungen, die schmecken einfach nach Leben.

Oskar Wilde hat das treffend in einen Satz gegossen: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“ Das klingt charmant und spöttisch zugleich. Und wie so oft bei Wilde: nicht ganz ohne Wahrheit.

Aber nicht jede Versuchung ist genussvoll. Manche haben es wirklich in sich. Davon erzählt auch das Evangelium des ersten Sonntags der Fastenzeit: Jesus zieht sich 40 Tage lang in die Wüste zurück. Er ist dort ganz allein, fastet und betet. Am Ende dieser Zeit begegnet ihm der Versucher. Drei Angebote legt der ihm vor. Jedes davon klingt verlockend, und jedes berührt eine tief menschliche Sehnsucht.

Zuerst schlägt der Versucher vor, Jesus solle aus Steinen Brot machen.

Wer hungert, hat schließlich ein Recht, sich zu versorgen.

Doch es geht um mehr. Es geht letztlich um die Versuchung, Mangel nicht auszuhalten. Um den Reflex, innere Leere sofort zu füllen. Auch heute greifen wir schnell zu Ablenkung, Konsum oder Essen, wenn etwas in uns leer ist.

Jesus antwortet darauf: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot.“

Er sagt damit: Es gibt ein tieferes Genährtsein, das nicht aus dem Machen, sondern aus dem Vertrauen kommt.

Dann zeigt der Versucher Jesus die Reiche der Welt. Es geht um Macht, um Einfluss und Ansehen. Jesus muss ihn nur anbeten, und schon gehört alles ihm. Auch das klingt verführerisch.Wer Einfluss hat, kann Gutes tun. Doch Macht hat ihre eigene Dynamik. Sie will oft zum Selbstzweck behalten werden. Und wer ihr dient, verliert oft den inneren Kompass und Ruft neue Götter auf die Bühne.

Jesus bleibt klar: „Du sollst Gott allein anbeten.“ Das heißt doch: Nicht die eigene Größe zählt, sondern die Größe Gottes, aus der deine Freiheit erst erwächst.

Schließlich fordert der Versucher Jesus auf, sich vom Tempel zu stürzen und sich dabei selbst aufzufangen. Er will ein Zeichen, ein Wunder, einen Beweis dafür, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist. Das ist die Einladung zur religiösen Selbstdarstellung, die Versuchung, Glaube zur Bühne zu machen.

Jesus lehnt das ab. Er will kein Spektakel, keine Show. Ruhig und gelassen sagt er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“

Allen drei Versuchungen widersteht Jesus nicht mit Kraft oder Überlegenheit, sondern mit Vertrauen. Denn er weiß, wer er ist und wer ihn trägt. Bei seiner Taufe im Jordan hat er die Zusage des Vaters gehört: „Du bist mein geliebter Sohn.“ Diese bedingungslose Liebesbekundung gibt ihm in der Anfechtung Stärke und Halt.

Ich denke, die Fastenzeit könnte genau da beginnen: Mit der Vergewisserung, dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Und mit dem Vertrauen, dass seine bedingungslose Liebe tragen kann.

Und ja, manche Versuchungen kommen tatsächlich nicht wieder. Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen, nicht um ihnen blind nachzugeben, sondern um zu erkennen, was sie in uns berühren. Denn wer Versuchungen durchschaut, wird nicht ärmer, sondern freier.