Vor einigen Wochen bebten die Straßen Amerikas. Von New York bis San Francisco, von Chicago bis Washington: Millionen Menschen gingen durch die Städte. In ihren Händen selbstgemalte Schilder, auf denen nur zwei Worte standen: „No Kings“. In der Hauptstadt, auf der National Mall, standen sie dicht an dicht. Es waren Lehrerinnen, Verwaltungsangestellte, Rentner und Studierende. Manche trugen gelbe Bandanas, die Farbe des Widerstands. Andere hielten Freiheitsstatuen aus Pappe in die Höhe, mit Tränen aufgemalt.
Das war kein Straßenfest. Es war ein stiller Aufschrei. Ein Protest gegen den wachsenden Machtanspruch Einzelner, gegen autoritäre Töne in der Demokratie. Menschen machten sich Sorgen um ihr Land, ihre Freiheit und um den Geist der Demokratie selbst.
Dieser Ruf „No Kings“ wirkt nach. Auch hier in Europa. Auch bei uns. Denn es scheint, als hätten wir wieder Sehnsucht nach starken Führungspersonen mit klaren Worten. Nach einfachen Lösungen. Nach Führung, notfalls mit harter Hand. Es sind nicht immer Könige, die sich da in Szene setzen. Aber die Muster ähneln sich: Kontrolle statt Vertrauen. Machtspiele statt Miteinander. Lautstärke statt Zuhören.
Und genau in diese Zeit hinein feiert die Kirche: Christkönigssonntag.
Was auf den ersten Blick wie ein Relikt mittelalterlicher Symbolik klingt, ist in Wahrheit ein Gegenbild zur Versuchung der Macht. Denn dieser König, den wir feiern, ist alles andere als ein Machthaber. Er trägt keine Krone aus Gold, sondern eine aus Dornen. Kein Zepter, sondern ein Kreuz. Er bring keine Armee in Stellung, sondern zeigt seine Wunden.
Sein Weg führt nicht auf den Thron. Er führt nach Golgota. Er rettet nicht sich, sondern uns.
Am Kreuz wird sichtbar, wie Gott Macht versteht. Nicht über Menschen, sondern für Menschen. Nicht durch Zwang, sondern durch Hingabe. Nicht mit Gewalt, sondern mit Vertrauen. Christus ist der König, weil er sich klein macht. Weil er nicht herrscht, sondern dient.
In einer Zeit, in der Machthabende wieder stärker hofiert werden, in der Populismus die leisen Stimmen übertönt, in der politische Kräfte gezielt mit Angst operieren, ist dieses Fest ein notwendiger Einspruch. Ein Widerspruch gegen jede Ideologie, die Würde kleinredet und Spaltung sät. Deshalb hat Kolping Deutschland in der Bundesversammlung in Köln eine klare Haltung formuliert: Die Zugehörigkeit zu einer politischen Kraft, die spaltet, verachtet und demokratische Grundwerte untergräbt, lässt sich nicht mit einer Mitgliedschaft bei Kolping vereinbaren. Nicht aus Parteipolitik. Sondern aus Prinzip. Weil die Menschenwürde für uns nicht verhandelbar ist. Weil wir wissen, auf welchem Fundament wir stehen: Freiheit, Solidarität, Mitgestaltung. Denn wer Christus zum König bekennt, stellt sich auf die Seite derer, die klein gemacht werden. Wer Christus folgt, folgt nicht der Logik der Macht, sondern der Logik der Liebe. Das ist der Geist von Kolping: Verantwortung übernehmen. Gemeinschaft leben. Demokratie schützen. Nicht abwarten, sondern mitgestalten. Nicht nur glauben, sondern handeln.
Christkönig ist deshalb nicht nur Abschluss des Kirchenjahres. Es ist vor allem ein Aufbruch. Eine Erinnerung daran, dass wir Christen jeden Tag gefragt sind. Nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern mit Haltung im Herzen. Nicht mit populistischen Parolen, sondern mit der Wahrheit des Evangeliums.
Am Ende ist die Frage nicht, ob es Könige geben soll. Die Frage ist: Wem geben wir unser Vertrauen? Und: Wer darf Maßstab für unser Tun sein?
Ich weiß, wem ich folge:
Dem König, der sich nicht selbst rettet, sondern mich.
Dem König, der mich frei macht, damit ich Verantwortung übernehme.
Dem König, dessen Macht Liebe ist.
Dem König Jesus Christus.
Treu Kolping!
Sebastian Schulz, Bundespräses von Kolping Deutschland
Weitere Geistliche Impulse zum Nachlesen und Stöbern findest du in der Kolpingwerkstatt.
