Aylin verreist jedes Jahr über Silvester. Nicht, weil sie unbedingt etwas erleben will, sondern weil sie dem Druck entkommen möchte: den Erwartungen, der gezwungenen Stimmung, der Frage, ob man das alte Jahr „richtig“ abschließt. Früher war sie mit ihrem Freund unterwegs. Dieses Jahr ist alles anders. Die beiden haben sich getrennt. Und trotzdem oder gerade deshalb wollte sie die Tradition fortführen. Sie fährt allein nach Bologna. Ohne große Pläne. Vielleicht trifft sie Menschen, vielleicht bleibt sie für sich. Es geht ihr nicht ums Feuerwerk, sondern darum, irgendwo zu sein, wo sie atmen kann.
Ich habe ihre Geschichte in einem Artikel gelesen. Und ich musste länger darüber nachdenken, als ich geahnt hätte. Vielleicht, weil sie etwas ausdrückt, das viele spüren: die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man neu anfangen kann.
Auch Adolph Kolping kannte diese Sehnsucht. So wie Aylin in Bologna einen Ort zum Atmen aufsucht, suchte er immer wieder einen Ort auf, an dem sein Vertrauen wachsen konnte. Nicht speziell zum Jahreswechsel, aber immer dann, wenn das Leben unübersichtlich wurde, wenn Entscheidungen anstanden, wenn er neue Kraft suchte.
Er ging in die Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse in Köln. Dort betete er zur Schwarzen Muttergottes. Dieser Ort hat ihn getragen, weil Maria ihm ein Vorbild war. Sie hat zu Gottes Plänen Ja gesagt, ohne zu wissen, wohin das führt. Nicht, weil sie alles verstanden hat, sondern weil sie vertraut hat, dass Gott mitgeht.
Dieses Vertrauen brauchen auch wir, gerade dann, wenn wir ins Neue, Unbekannte aufbrechen. Alfred Delp, der 1945 von den Nationalsozialisten in Plötzensee hingerichtet wurde, hat es eindrücklich so formuliert: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“
Ich denke, wichtiger als der Ort selbst ist der Raum, der sich dadurch öffnet. Ein Moment der Stille. Ein Gebet. Ein Gedanke, der trägt. Vielleicht entsteht er in einer Kirche. Vielleicht auf einer Reise. Vielleicht zu Hause, beim Blick aus dem Fenster. Oder ganz woanders…
Entscheidend ist nicht, wo wir sind, sondern ob wir uns berühren lassen. Ob wir einen Punkt finden, an dem Vertrauen ins Leben wachsen kann.
Was wir mitnehmen ins neue Jahr, liegt nicht nur in unseren Händen. Aber wir können uns fragen, wie wir hineingehen wollen: Gehen wir getrieben ins neue Jahr oder getragen? Misstrauisch oder mit einem Herzen, das dem Leben vertraut?
Im Namen des gesamten Kolping-Bundesvorstandes wünsche ich Euch für das Jahr 2026:
Orte, an denen ihr aufatmen könnt.
Worte, die euch Mut machen.
Menschen, bei denen ihr euch nicht verstellen müsst.
Wege, die euch weiterführen, auch wenn ihr noch nicht wisst, wohin.
Und vor allem die Gewissheit:
Dass ihr nicht allein seid.
Dass euch mehr trägt, als ihr ahnt.
Dass Gott mitgeht in allem, was kommt.
