Vor ein paar Monaten, es war noch Spätsommer, erlebte ich bei einer größeren Kolping-Veranstaltung einen Vortrag über künstliche Intelligenz. Der Speaker stand auf einer großen Bühne, sprach rasant, witzig, voller Energie. Und immer dann, wenn er die Aufmerksamkeit steigern wollte oder wenn irgendetwas nicht ganz rund lief, griff er in seine Jackettasche, holte eine Handvoll goldenen Glitters hervor, warf ihn mit Schwung vor sich in die Luft und rief: „Stimmung!“
Das Publikum lachte, reagierte, ließ sich kurz mitreißen. Doch echte Stimmung entstand nicht. Der Effekt verpuffte schneller, als der Glitter seine Hand verlassen hatte.
Ganz ähnlich wirkt auf den ersten Blick der Name des dritten Adventssonntags. „Gaudete - freut euch!“ Das klingt groß und hell, fast wie ein liturgisches „Jetzt aber fröhlich!“. Und doch landet dieser Ruf in einer Zeit, in der vieles schwerer geworden ist. Freude lässt sich nicht anschalten wie eine Lichterkette. Gerade deshalb irritiert dieser Ruf zunächst. Er klingt wie ein kurzer Effekt, ein Wort, das mehr Glanz verspricht, als die Wirklichkeit hergibt.
Aber der Eröffnungsvers dieses Sonntags führt tiefer: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Denn der Herr ist nahe.“ Hier geht es nicht um Stimmung, sondern um den Grund der Freude: Nähe. Die Freude des Advents entsteht nicht aus einem Zuruf, sondern aus einer Zusage: Der Herr ist nahe. Und diese Nähe trägt weiter als jeder kurzlebige Effekt.
In diesen Tagen höre ich deshalb einen anderen Text besonders deutlich mit. Am 7. Dezember 1965, also vor sechzig Jahren, wurde Gaudium et Spes veröffentlicht. Kein adventlicher Text und kein Stimmungsbooster, aber ein Satz daraus leuchtet für mich gerade jetzt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“
Dieser Satz hat nichts von Glitter. Er wirft nichts in die Luft. Er bleibt bei der Wirklichkeit stehen. Er sagt: Kirche lebt nicht von künstlicher Stimmung, sondern von geteilter Menschlichkeit. Sie nimmt die Welt ernst und vertraut zugleich darauf, dass Gott in ihr handelt.
Etwas davon klingt auch bei Adolf Kolping: „Das Menschenherz bedarf des Trostes und der wahren Freude. Auch die Freude ist ein Almosen, und wahrlich nicht das geringste.“ (VK 1852, S. 124f.)
Wahre Freude ist also kein oberflächlicher Glanz, sondern ein Geschenk, das wir einander schulden und das wir selbst empfangen dürfen.
So entsteht Freude im Glauben: nicht als Trick und nicht als Stimmung, sondern dort, wo Menschen spüren, dass der menschgewordene Gott unsere Wege wirklich mitgeht. Und dass wir hoffen dürfen, dass er unser Leben einmal ganz in sein Licht stellt.
Dann wird „Gaudete“ nicht zum glitzernden Zwischenruf, sondern zu einer österlichen Grundhaltung mitten im Advent. Einer Haltung, die sich von der Schwere der Zeit nicht einschüchtern lässt, die weiß, dass Gottes Nähe nicht immer spürbar ist, aber trotzdem verlässlich bleibt. Eine Haltung, die auch in dunkleren Wochen einen Grund zum Aufatmen findet. Vielleicht liegt gerade darin das Entscheidende:
Freude braucht keinen Glitter. Aber sie braucht ein Fundament. Und den Mut, ihr Raum zu geben.
Treu Kolping!
Sebastian Schulz, Bundespräses von Kolping Deutschland
