Zwei Tische. Zwei Zeiten.
Der erste Tisch steht in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Adolph Kolping sitzt daran. Vielleicht mit Tinte an den Fingern. Vielleicht mit Sorgenfalten auf der Stirn. Er schreibt. Nicht für sich selbst, sondern für andere. Er plant. Er hofft. Er sucht Menschen, die mit ihm anpacken. Denn Kolping weiß: Allein kann man viel wollen, aber wenig bewegen.
Der zweite Tisch steht mitten in Köln, im Mai 2025. Es ist der „Orange Table“. Über zwei Kilometer lang. Menschen aus dem ganzen Land sind gekommen. Kinder, Jugendliche, Familien, Ältere, Engagierte, Kolpinggeschwister. Sie stehen beisammen. Sie lachen, sie erzählen, sie hören zu. Es gibt Kaffee, Gespräche, kreative Angebote und Gesichter voller Leben. Wer hinschaut, merkt: Was Kolping einst begonnen hat, lebt hier weiter. Schwarz-Orange-Bunt, vielfältig und kraftvoll.
Im selben Jahr, in dem wir an Kolpings 160. Todestag denken, feiern wir zugleich 175 Jahre Kolping Deutschland. Das ist kein Zufall, sondern ein sprechendes Zeichen. Denn KOLPING war nie nur eine Idee oder eine einzelne Tat. Von Anfang an war da Gemeinschaft. Die ersten Gesellenvereine haben sich nicht locker nebeneinandergestellt. Sie haben sich zusammengeschlossen, organisiert, vernetzt. Daraus wurde der Rheinische Gesellenbund und mit der Zeit ein Verband, der bis heute trägt. Nicht weil sich alles so ergeben hat, sondern weil Menschen ihn lebendig gehalten haben.
Natürlich war nicht jede Zeit einfach. Es gab Epochen, in denen man nicht wusste, wie es weitergehen kann. Während des Nationalsozialismus wurde Kolpingarbeit verboten oder massiv eingeschränkt. Und auch in der DDR war vieles nur im kirchlichen Raum möglich, im kleinen Kreis, meist ohne Öffentlichkeit. Trotzdem blieb die Verbindung bestehen.
Auch in unseren Tagen wurde es auf einmal still. In der Corona-Pandemie blieben Banner im Schrank stehen und Versammlungsräume leer. Keine Gruppenstunden. Keine gemeinsamen Aktionen. Viele Kolpingsfamilien kamen fast zum Stillstand. Und mit der Stille kam mancherorts die vage Frage: Trägt das noch?
Gerade in solchen Momenten zeigt sich die eigentliche Tiefe. Denn Kolping lebt nicht von Programm-Veranstaltungen allein. Kolping lebt von Verbindung. Von Menschen, die füreinander da sind. Von Vertrauen, das bleibt. Auch wenn es einmal ruhig wird. Wie ein Tisch, an dem gerade niemand sitzt, der aber trotzdem seinen Platz im Raum behält. Bereit, jederzeit wieder neu gedeckt zu werden.
Adolph Kolping hat einmal gesagt: „Wir können viel, wenn wir nur nachhaltig wollen. Wir können Großes, wenn tüchtige Kräfte sich vereinen.“
Tüchtige Kräfte. Das sind keine Heldinnen und Helden. Das sind Menschen wie Du und ich. Menschen, die mitdenken, mitfühlen, mitglauben. Menschen, die zuhören können. Die anpacken, ohne lange zu fragen, was sie zurückbekommen. Menschen, die ihr Herz zum Pfande geben. Die ein Lächeln schenken oder ein Gebet sprechen, wenn Worte fehlen.
Der Tisch steht. Seit 175 Jahren. Nicht immer am selben Ort. Nicht immer mit der gleichen Tischdecke. Aber immer mit dem gleichen Geist. Gemeinschaft leben. Glauben teilen. Zukunft gestalten. Heute denken wir an Adolph Kolping. Aber noch mehr danken wir denen, die weitergetragen haben, was er angestoßen hat. Wir schauen auf uns. Und auf die, die nach uns kommen. Denn es braucht auch morgen Menschen, die sich trauen, Stühle dazuzustellen, statt sich abzuwenden. Kolping ist nicht vorbei. Er fängt bei jedem von uns neu an. Nicht irgendwann. Nicht irgendwo. Sondern jetzt. Hier. An Deinem Platz am Tisch. Da treffen wir uns. Denn zusammen sind wir KOLPING.
Treu Kolping wünschen
Maria Adams, Geistliche Leiterin
Sebastian Schulz, Bundespräses
