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Thementag 2015

(DV Köln) Zukunftsfragen in den Blick zu nehmen und sich mit Vordenkern, Freidenkern und Querdenkern zu vernetzen - das ist mittlerweile Tradition auf den Kolping-Thementagen. Am 9. Mai hieß die zentrale Frage: "Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft in der Zukunft - Individueller Überlebenskampf oder solidarisches Miteinander?" Über 60 Gäste folgten der Einladung in die Berufs-Bildungsstätte des Kolping-Bildungswerkes in der Kölner Südstadt, um die Thesen von Professor Dr. Meinhard Miegel zu hören.

Der Mensch ist habsüchtig, gierig und räuberisch
"Der Mensch ist ein Homo Rapax -  ein räuberischer Mensch. Sich auf Kosten anderer zu bereichern, ist seine tiefe Neigung",  so Miegel. "Heute haben wir eine Eigentumsordnung, die einigen Menschen die Exklusivrechte an nicht vermehrbaren Gütern wie Grund und Boden gibt. Das ist Raub!"
Den Beutezug an Umwelt und Natur schätzte Miegel als besonders dramatisch ein: "Bis zur industriellen Revolution haben die Menschen die Erde gebraucht, aber nicht verbraucht. Wir verbrauchen unsere Lebensgrundlagen!"

"Wir leben auf der Insel der Seligen"
Die Folgen dieser Beutezüge seien schmelzende Gletscher, abnehmende Tierpopulationen, ein rasanter Verlust an Biodiversität, so Miegel. „Wir betrachten es als selbstverständlich, dass ein Fünftel Menschen 83 Prozent der erwirtschafteten Güter verbrauchen. Auch wer in Deutschland den Mindestlohn verdient, hat 30fach mehr Kaufkraft als 40 Prozent der Weltbevölkerung. Meine Botschaft ist nicht: Hartz4-Empfänger bekommen zu viel. Meine Botschaft ist: Wir leben auf einer Insel der Seligen. Die Schiffe auf dem Mittelmeer sind nur der Anfang."

Daher lautete Miegels zentrale These: "In der ersten Phase werden wir in einen individuellen Überlebenskampf steuern. Erst wenn die Kämpfenden erschöpft und ausgebrannt sind, wird die Bereitschaft zu einem solidarischen Miteinander zunehmen."
 
Genug Sauerteig?
Nach dieser düsteren Zukunftsprognose gab es lebhafte Fragen aus dem Publikum. Der Diözesanvorsitzende Martin Rose fragte, wie die Kirche und das Kolpingwerk an diesem Paradigmenwechsel mitwirken könne. Meinhard Miegel zog eine Parallele zu Kaiser Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion machte, obwohl nur fünf Prozent der Bevölkerung Christen waren. Doch sie waren "genug Sauerteig, um die Gesellschaft zu durchdringen. Die Frage ist heute: Haben wir genug Sauerteig? Sie reichen, wenn sie wirklich lebendig sind und bereit, etwas zu riskieren!" Das Christentum habe immer die Suffizienz gepredigt. Materielle Güter seien bei der Erlangung des Seelenheils sogar hinderlich, so das Neue Testament. "Doch das haben wir völlig verdrängt! Wir brauchen eine Rückbesinnung auf den Kern christlichen Glaubens", betonte Miegel.

Das macht mir Mut!
Im  idyllischen Innenhof der Ausbildungsstätte ging die Diskussion lebhaft weiter. Ist die Zukunft wirklich so rabenschwarz, wie es Miegel beschrieb? "Wenn ich Kontakt zu Kolpingern weltweit hatte, habe ich oft gehört: Eure Fehler würden wir gern wiederholen!", sagte Sabine Terlau, die stellvertretende Diözesanvorsitzende. "Einfach nur fair einzukaufen - das reicht wohl nicht", sagte Bildungsberaterin Bernadette Streit. "Das war eine düstere Perspektive für die nächste Generation, die Professor Miegel gezeichnet hat. Aber ich sehe so viele tolle Initiativen der Kolpingsfamilien vor Ort - von Ausbildungspaten vor Ort bis zum weltweiten Engagement. Das macht mir Mut."

Das Prinzip Hoffnung
Zum Optimismus trug auch das eindrucksvolle Kolping-Catering bei: Köstliche Aperitifs, mit Blüten geschmückte Saté-Spieße und herrliche Nachspeisen ließen Hoffnung auf eine weniger desaströse Zukunft aufkommen. Gereicht wurden die Köstlichkeiten von Auszubildenden des Kolping-Bildungswerkes.
Die Antworten auf die Frage, wie der Paradigmenwechsel erfolgen kann, ließ Professor Miegel offen. "Vieles, was Professor Miegel angemahnt hat, leben wir schon bei uns im Kolpingwerk", sagte Martin Rose, der Diözesanvorsitzende des Kolpingwerkes DV Köln. "Wir versuchen, die Lebenssituation der Menschen jetzt und hier zu verbessern - und da sehen wir viele Aufgaben vor Ort, zum Beispiel bei der Integration von Flüchtlingen. Auch der faire Handel ist eins unserer Kernthemen. Die Denkanstöße von Professor Miegel haben uns darin bestärkt, unsere Bemühungen weiter zu intensivieren!“, so Rose.

Text und Fotos: Kolpingwerk Diözesanverband Köln/Bettina Weise