Rufino Rodríguez auf dem Weg durch den tropischen Wald. Oben: Ein Delegado im Gespräch mit Gemeindemitgliedern.

Sonntagsgottesdienst mit drei Delegados. Rufino Rodríguez (3.v.l.), Nationalsekretär des Kolpingwerkes Honduras, hat sich vor über 40 Jahren der Laienbewegung angeschlossen.

Nah an den Menschen: Rufino Rodríguez hat als Delegado ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen.

Mitglieder der Kolpingsfamilie Fe y Esperanza (Glaube und Hoffnung) auf dem Weg zur Dorfkapelle.

Bischof José Antonio Canales Motino will die Ausbildung der Delegados noch weiter verbessern. Auf Diözesanebene plant er deshalb eine Zusammenarbeit mit der katholischen Universität.

Rufino Rodríguez beim Samstagabendgottesdienst in Danlí.

Vorbereitung des Wortgottesdienstes.

Bischof Franz-Josef Bode, Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz

Kolpingmagazin

Zeugen des Glaubens

Seit über 50 Jahren verkünden 18.000 Laien in Honduras das Wort Gottes. Ohne sie wäre kirchliches Leben aufgrund des akuten Priestermangels nahezu unmöglich.

Eine Flasche Wasser, ein Stock, und eine Tasche, in der das Bibeltagebuch für das Jahr 2017 steckt. Mehr nimmt Rufino Rodríguez auf dem Weg durch den tropischen Wald im Hochland des honduranischen Departements El Paraíso nicht mit. Alles Weitere wäre nur Ballast auf diesem schmalen, steilen und rutschigen Pfad. Rufino ist ein sogenannter Delegado de la Palabra – ein Beauftragter für die Wort-Gottes-Feier, und er ist der Nationalsekretär des Kolpingwerkes Honduras. Der Weg ist beschwerlich: Erst zwei Stunden mit dem einzigen Auto des Kolpingwerkes Honduras, und als selbst für den Geländewagen der Weg zu steil und zu schmal wird, die dritte Stunde zu Fuß. Oben auf der abgelegenen Finca erwarten ihn Mitglieder der Kolpingsfamilie Nuevo Amanecer con las Familias. Zur Zeit der Kaffee-Ernte leben und arbeiten hier 18 Menschen. Rufino kennt sie seit über 13 Jahren. Im Jahr 2004 wurde die Kolpingsfamilie gegründet; andere Delegados de la Palabra haben damals die Kolpingidee zu den Menschen in die Berge gebracht. Rufino wird hier auf der Terrasse vor dem Haus der Finca mit den Kolpingmitgliedern einen Wortgottesdienst feiern. Eine Kirche gibt es hier oben nicht und auch nicht in der näheren Umgebung; dafür ist die Finca zu abgelegen. Aber auch in den Dörfern mit einer Kirche oder Kapelle besucht nur selten ein Priester die Gläubigen. Von den 8,2 Millionen Einwohnern in dem mittelamerikanischen Land sind ca. 87 Prozent katholisch. Es gibt aber insgesamt nur etwas mehr als 400 Priester. Für die ist es unmöglich, in dem unwegsamen Land alle Gemeinden in ihrem Bezirk regelmäßig zu besuchen. Oft kommt ein Priester nur einmal im Jahr zum Patrozinium. Während seines kurzen Aufenthaltes feiert er dann mit den Menschen die Eucharistie, hört die Beichte, tauft und assistiert bei Trauungen.

In dieser Situation sind die Laien unverzichtbar. Die Delegadobewegung geht zurück auf eine Initiative des kanadischen Prälaten Marcel Gérin, dem späteren Bischof des Bistums Choluteca. Ausgehend von den Impulsen des Zweiten Vatikanischen Konzils suchte Marcel Gérin nach neuen Wegen in der Pastoral. 1966 bereitet er 17 Männer darauf vor, die Kar- und Ostertage in den Gemeinden mitzugestalten und das Glaubensleben zu stärken. Die Initiative ist so erfolgreich, dass ihn die Männer danach um weitere Schulungen bitten, um die Gemeinden auch an den folgenden Sonn- und Feiertagen unterstützen zu können. Dass Laien Wortgottesdienste halten können, ist seit dem II. Vatikanischen Konzil möglich. Und so wächst die neue Bewegung schnell an. Es entwickelt sich die „Pastoral der Wort-Gottes-Feiern“ mit eigens dafür beauftragten Laien. Innerhalb kurzer Zeit kommen in Choluteca neue Delegados hinzu; anschließend übernehmen andere Bistümer das Konzept. Inzwischen gibt es eine nationale, von den honduranischen Bischöfen ins Leben gerufene Struktur: ein „Nationales Team der Pastoral der Wort-Gottes-Feiern“.

Rufino Rodríguez, mittlerweile 59 Jahre alt, hat mit 16 Jahren in seinem Heimatdorf die ersten Delegados kennengelernt. Er erinnert sich noch an die große Armut der Menschen und wie dankbar diese Menschen waren, als die Delegados in ihr Dorf kamen, das Evangelium verkündeten und mit den Menschen Gottesdienst feierten. Und Rufino sah damals auch, wie wichtig sie als Seelsorger für die Menschen sind: Ansprechpartner für alle Sorgen und Ängste des alltäglichen Lebens. Das hat den damals Sechszehnjährigen beeindruckt, und er bat darum, ihm die Teilnahme an einem Kurs zu ermöglichen. Danach folgte für Rufino eine lange Zeit der Ausbildung, wie sie auch heute üblich ist.

Heute gibt es in Honduras rund 18.000 Delegados, für die neun Koordinatoren verantwortlich sind. Rufino ist einer dieser Koordinatoren. In der Diözese Danlí arbeitet er eng mit dem Bischof zusammen; beide sind für den Einsatz, die Betreuung und die Schulung der Laien verantwortlich. Es gibt inzwischen auch zahlreiche Frauen, die sogenannten Delegadas (ca. 30 Prozent), die das Wort Gottes in die abgelegenen Orte zu den Menschen bringen. In der Hauptstadt Tegucigalpa liegt der Anteil der Frauen inzwischen bei ca. 50 Prozent. Anfangs waren es nur Männer, die dieses Laienamt übernahmen. „Der Gottesdienstbesuch war vor 50 Jahren in einer von stolzen Männern geprägten Gesellschaft vor allem Frauensache“, erzählt Rufino. „Das Amt des Delegado bot dann aber die Möglichkeit, Männer in das kirchliche Leben zu integrieren.“ Frauen waren als Katechetinnen und Vorbeterinnen schon lange in den Gemeinden aktiv. Heute gibt es auch Ehepaare, bei denen beide Ehepartner als Delegado/Delegada in den Gemeinden wirken.

Rufino erzählt, wie die Ausbildung abläuft: Am Anfang steht eine Exerzitienzeit, in der die Kandidaten die Möglichkeit haben, ihren Wunsch zu hinterfragen, ein Delegado zu werden. Danach begleiten sie bereits praktizierende Laien, um deren Arbeit näher kennenzulernen. Wer danach weiterhin interessiert ist, durchläuft eine dreijährige Ausbildungszeit, in der die Kandidaten neben ihrer normalen Arbeit an verschiedenen Kursen teilnehmen. Dort werden sie auf den Dienst der Verkündigung und die Arbeit in den Gemeinden vorbereitet. Exegese und Liturgie sind Schwerpunkte in den theologischen Kursen. Zum Schuss folgt dann eine einmonatige Exerzitienzeit. Erst danach erfolgt die Beauftragung durch den Diözesanbischof.

Nach ihrer Aussendung werden die Delegados in der Regel zu zweit oder sogar zu dritt in einer Gemeinde eingesetzt, so dass sie sich untereinander helfen können. Sie treffen sich zudem regelmäßig mit dem zuständigen Pfarrer, um ihn über die aktuelle Situation in der Gemeinde zu informieren. „Der Dienst als Delegado ist ein Ehrenamt“, sagt Rufino. Es gibt keine Bezahlung. Wenn es irgendwie leistbar ist, übernehmen die Gemeinden zumindest die Kosten für benötigtes Arbeitsmaterial. Aber auch das ist längst nicht garantiert, da die Armut groß ist. Auch die Familie der engagierten Laien ist gefordert: Manchmal ist ein Delegado mehrere Tage unterwegs; dann muss der Ehepartner die Arbeiten zuhause komplett übernehmen und z. B. die Felder alleine bestellen. Die Aufgabe, das Wort Gottes zu verkündigen und Menschen zu begleiten, erfordert eine große Begeisterung und die Überzeugung, das Richtige zu tun.

Ohne die Delegados gäbe es wahrscheinlich das Kolpingwerk Honduras nicht, zumindest nicht in seiner jetzigen Größe. Zu Beginn des Jahres 2017 zählte der Nationalverband 1.366 Mitglieder in 161 Kolpingsfamilien. Delegados haben die Kolpingidee zu den Menschen gebracht. Und auch heute sind sie für die erfolgreiche Kolpingarbeit unverzichtbar. Aufgrund des Priestermangels kann das Präsesamt in einer Kolpingsfamilie fast nie von einem Priester übernommen werden. Deshalb steht als Besonderheit in den Statuten des Kolpingwerkes Honduras, dass in den Vorstand einer Kolpingsfamilie ein Priester, eine Ordensschwester, ein Ordensbruder oder ein Delegado gewählt werden muss. Diese Optionen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Und in der Regel sind es dann tatsächlich die Delegados oder Delegadas, die für das spirituelle Leben und die Seelsorge in den Kolpingsfamilien verantwortlich sind. Die Gründung einer neuen Kolpingsfamilie wird oft von den Delegados angestoßen. Sie berichten Rufino bei den regelmäßigen Treffen von Gemeinden, die sich aus ihrer Sicht für die Kolpingarbeit begeistern lassen.

Ende März besuchte Rufino Rodríguez erstmals José Antonio Canales Motiño, den Bischof des Anfang dieses Jahres neu errichteten Bistums Danlí. Bei diesem Gespräch sagte der Bischof Kolping Honduras jegliche Unterstützung zu. Gleichzeitig würdigte er auch die Arbeit der Delegados, die unverzichtbar für die kirchliche Arbeit sei. Bemerkenswert sei, dass aus den Reihen dieser Laien auch immer wieder Männer zum Priesteramt fänden. Zukünftig will der Bischof die Ausbildung der Delegados weiter verbessern. So ist auf Diözesanebene eine Zusammenarbeit mit der katholischen Universität geplant.

Die erfolgreiche Arbeit der Laien ist für die Kirche in Honduras seit langem eine wichtige Hilfe. Im Frühjahr 2016 haben mehr als 15.000 Delegados und Delegadas de la Palabra im Stadion von San Pedro da Suladas 50-jährige Jubiläum der Laienbewegung in Honduras gefeiert.

 

Text und Fotos: Georg Wahl 

 

 

 

 

 

 

 


Kommentar von Bischof Franz-Josef Bode, Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz

Delegados de la Palabra – Diener/Botschafter des Wortes sind aus der lateinamerikanischen Kirche nicht wegzudenken. Weitab davon, nur ein liturgischer Dienst zur Leitung von Wort-Gottes-Feiern zu sein, gibt der Delegado der Kirche Gesicht bis hinein ins kleinste Dorf. Vor einiger Zeit konnte ich selbst in Honduras Kundschafter bei einer sehr armen, aber hoffnungsvollen Kirche sein. Mit wenigen Priestern und hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitern, jedoch mit zahlreichen Getauften, Gefirmten und Beauftragten werden Menschen mit dem lebendigen Wort Gottes vertraut gemacht im Unterricht, in der Sozialarbeit, im Gottesdienst.

Die Gestaltung des Gottesdienstes geschieht durch mehrere Personen, etwa durch den „Diener des Wortes“, den „Diener des Sakraments“ (wenn die heilige Kommunion ausgeteilt wird) und den Lektor. Diese Dienste übernehmen selbstverständlich auch Frauen. So bleibt jedem klar, dass es hier nicht um eine ,kleine Messe‘ geht. Alles ist darauf ausgerichtet, Liturgie, Verkündigung und Sozialpastoral miteinander zu verbinden und nah beim Volk zu bleiben. Und das im engen und guten Zusammenspiel mit dem Pfarrer und dem Bischof.

Diese nach dem Konzil entstandene Netzwerkbildung ist für die Kirche dort ein Aufbruch, denn es gab seit jeher nur wenige Priester. Bei uns nehmen wir solche Entwicklungen zunächst eher als Abbruch war, weil es früher in jedem Dorf einen Priester gab. Dennoch sollten uns Erfahrungen wie die der Kirche in Honduras ermutigen, in unserer derzeitigen Situation das zu entdecken, was sie von uns erfordert: eine Vertiefung und Neugestaltung des gemeinsamen Priestertums aller aus Taufe und Firmung. Wo das mit neuem Leben gefüllt wird durch Christen, die zum Zeugnis bereit sind, wachsen auch Priesterberufungen und andere kirchliche Berufe, weil sich das Klima dafür insgesamt verbessert.