Kolpingmagazin

Übereinstimmung?

Angesichts des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017 lohnt sich die Frage: Wie kam es zu Spaltungen der Christenheit? Wie groß sind heute die Unterschiede wirklich?

Im Jahr 451 treffen sich 600 Bischöfe zum Konzil in Chalcedon, am Schnittpunkt zwischen Europa und Kleinasien. Sie beenden einen theologischen Streit über das Wesen von Jesus Christus. Sie definieren ihn als wahren Gott und wahren Menschen zugleich. Aber der Erleichterung über die Einigung weicht die Ernüchterung: Dieser Beschluss führt auch zur ersten größeren Kirchenspaltung. Die altorientalischen oder orientalisch-orthodoxen Kirchen können die Formel von Chalcedon nicht anerkennen und verlassen deshalb die kirchliche Gemeinschaft. Dazu gehören die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Koptische Kirche (Ägypten), die Armenische Kirche und die Äthiopische Kirche mit heute insgesamt rund 50 Millionen Gläubigen.

Über Jahrhunderte hinweg herrschte „Funkstille“ zwischen der katholischen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen – nicht zuletzt aufgrund der räumlichen Entfernung. Erst im 20. Jahrhundert kam es wieder zu Begegnungen und Gesprächen. „Die Streitpunkte von damals bestehen nicht mehr, sondern sind inzwischen theologisch geklärt“, betont Burkhard Neumann, Direktor am Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn, der wichtigsten katholischen Fachstelle für Ökumeneforschung in Deutschland. „Wir wissen heute, dass beide Seiten das Gleiche bekennen wollten und wollen.“ Die theologische Forschung hat sich inzwischen weiterentwickelt. Noch wichtiger: Die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. haben die Übereinstimmungen in gemeinsamen christologischen Erklärungen mit den Oberhäuptern der orientalisch-orthodoxen Kirchen offiziell anerkannt. Burkhard Neumann: „Der theologische Streit ist nach 1.500 Jahren verbindlich beendet!“

Leider sind damit noch nicht die Probleme beseitigt, die durch die jahrhundertelange Trennung entstanden sind. Trotz dieser theologischen Annäherung hat die Versöhnung auf oberster Ebene bisher kaum Konsequenzen nach sich gezogen. Katholiken wissen in der Regel wenig über die Christen aus altorientalischen Kirchen. Dabei leben gut 100.000 von ihnen in Deutschland – in eigenen Bistümern mit drei Bischöfen in Höxter-Brenkhausen (Kopten), Warburg (Syrisch-Orthodoxe) und Köln (Armenier).

Die zweite große Spaltung der Christenheit zwischen orthodoxer und katholischer Kirche wird am Jahr 1054 festgemacht, beruht allerdings auf einer lange zuvor eingesetzten Entfremdung. Bis heute gibt es sie als getrennt voneinander existierende Konfessionen. Was waren die Ursachen? Bis zum Jahr 330 (n. Chr.) war Rom die Hauptstadt des Römischen Reiches. Dort befand sich auch der Sitz des Papstes, der das Oberhaupt der Kirche war. Kaiser Konstantin ernannte 330 die Stadt Byzanz (das heutige Istanbul) zur zweiten Hauptstadt. Ihm zu Ehren wurde sie Konstantinopel oder auch Ostrom genannt. Die Folge war, dass das Reich politisch in zwei Hälften auseinander fiel.

Auch für die Kirche hatte das Konsequenzen. Während der Papst in Rom sich mehr und mehr als Oberhaupt aller Christen, auch derjenigen in Ostrom betrachtete, sahen die Christen des byzantinischen Reiches ihre jeweiligen Patriarchen als Leiter an.
Dazu kamen kulturelle Unterschiede: in der katholischen Kirche war Latein die gängige Sprache, in den Kirchen Ostroms hingegen Griechisch. Im Laufe der Zeit gab es immer weniger Kirchenführer, die die Sprache der anderen Seite verstanden.

Machtfragen, die nichts mit Glaubensinhalten zu tun hatten, bildeten jedoch das Hauptproblem. Über Jahrhunderte hinweg gab es Streitigkeiten und neue Versöhnungen, doch 1054 kam es zum endgültigen Bruch. Der Gesandte der Papstes und der Patriarch von Konstantinopel stritten sich und schlossen sich gegenseitig aus der Kirche aus. Erst 1965 hoben der katholische Papst und der Ökumenische Patriarch ihre gegenseitigen Kirchenausschlüsse auf.

Bei den Orthodoxen bildeten sich verschiedene Nationalkirchen,die relativ unabhängig voneinander bestehen und denen meist eigene Patriarchen vorstehen. Sie verstehen sich aber dennoch als eine orthodoxe Kirche, und der Ökumenische Patriarch hat einen Ehrenvorrang. Gemeinsam ist ihnen die Verehrung der Gottesmutter Maria und der Heiligen. In den Ostkirchen üben Ikonen eine wichtige Rolle aus. Die Gottesdienste werden feierlicher gestaltet. Weihrauch und Kerzen, Chorgesänge und Hymnen, die prachtvollen Gewänder der Priester, die gold geschmückten Ikonen und eine Vielzahl von Symbolen tragen dazu bei. Der Gottesdienst dauert etwa drei Stunden. Religiöse Feste richten sich nach dem julianischen Kalender; Katholiken gestalten das Kirchenjahr nach dem (neueren) gregorianischen Kalender. Weltweit gehören der orthodoxen Kirche zwischen 160 und 300 Millionen Gläubige an.

Außer im Verständnis des Papstamtes stehen sich die katholische und die orthodoxe Kirche theologisch so nahe, dass die Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von „Schwesterkirchen“ sprechen. Auf oberster Ebene gibt es immer wieder geschwisterliche Begegnungen zwischen den jeweiligen Päpsten und Patriarchen von Konstantinopel, den Papst Franziskus gerne als „Bruder Andreas“ anspricht. Die Rückgabe der Ikone „Muttergottes von Kazan“ durch Papst Johannes Paul II. stellte eine wichtige Geste gegenüber der russischen orthodoxen Kirche dar. Johannes Paul II. lud die anderen Kirchen zu einem ökumenischen Dialog über das Papstamt ein, um ein Hindernis auf dem Weg zur Einheit auszuräumen. Aber auch hier gilt: Was auf oberster Ebene theologisch längst geklärt und versöhnt ist, wirkt sich in der Breite des Gottesvolkes bisher kaum aus.

Gut 500 Jahre nach der Trennung von Ost- und Westrom kommt es zur nächsten kirchlichen Tragödie. Martin Luther war ein tiefgläubiger Mensch. Ihn quälte die Frage, wie der Mensch vor Gott bestehen kann. Erlangt der Mensch durch „gute Werke“ sein Heil? Oder bleibt er trotz allen Strebens nach dem Guten immer ein Sünder, der auf die Gnade Gottes angewiesen ist? Am 31. Oktober 1517 sandte Martin Luther 95 Thesen an Erzbischof Albrecht von Mainz. In diesem Brief brachte Luther ernste Bedenken gegen Predigt und Praxis der Ablässe vor, die nach seiner Ansicht der Frömmigkeit der Christen Schaden zufügen würden. Dabei berief er sich auf die Heilige Schrift. Rom hatte Sorge, dass Luthers Theologie die Lehre der Kirche und die Autorität des Papstes untergraben könnte. Es kam zu einem Prozess, bei dem sich beide Seiten offenbar missverstanden. Martin Luther sah sich in Übereinstimmung mit der Heiligen Römischen Kirche und war nur zum Widerruf bereit, falls er sich irrte.

Schließlich verfasste Papst Leo X. eine Bulle mit einer Verdammung der „Häresien“ Luthers. Dieser reagierte mit deren Verbrennung. Am 3. Januar 1521 wurde er vom Papst exkommuniziert. Martin Luther hatte nicht die Absicht, eine neue Kirche zu gründen, sondern wollte die Kirche von innen reformieren. Die Geschichte nahm eine andere Entwicklung, und auch theologische Verständigungsbemühungen wie das „Augsburger Bekenntnis“(1530) von Philipp Melanchthon konnten dies nicht verhindern.

Aus der Reformation sind zwei protestantische Hauptströmungen hervorgegangen: die Lutheraner (weltweit etwa 68 Millionen Gläubige) und die Reformierten (weltweit etwa 75 Millionen Gläubige), welche sich auf die Schweizer Reformer Zwingli und Calvin berufen. Mittlerweile gehören die pfingstlerisch-charismatischen Gemeinschaften, die sich meist in Freikirchen organisieren, mit rund 500 Millionen Gläubigen weltweit zu den am schnellsten wachsenden Gruppen.

„Über Jahrhunderte hinweg war das Verhältnis zwischen evangelischen und römisch-katholischen Christinnen und Christen von tiefgreifenden Vorbehalten bestimmt, die vom zäh sitzenden Ressentiment bis hin zur unverhüllten Feindseligkeit reichten“, bringt das gemeinsame Wort der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland zum 500-jährigen Reformationsjubiläum in Erinnerung. Beide Kirchen streben deshalb eine „Heilung der Erinnerungen“ an.
Und sie betonen die Gemeinsamkeiten. „Das, was uns verbindet, ist größer als das, was uns trennt“, hatte bereits Papst Johannes XXIII. hervorgehoben. „Wir wissen, dass die Reformation und die katholische Reform, die man oft Gegenreformation nennt, nicht nur Wunden gerissen, sondern dass sie auch das religiöse Leben bereichert und die politische Kultur eines Miteinanders in Vielfalt gefördert haben. Aber wir wollen uns der gemeinsamen Verantwortung stellen,“ heißt es weiter in der gemeinsamen Erklärung der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland zum Reformationsjubiläum.

Nach langer Feindschaft und gegenseitigen Verletzungen zwischen katholischen und evangelischen Christen entwickelte sich seit der Weltmissionskonferenz im Jahr 1910 in Edinburgh eine ökumenische Bewegung eine Trendwende – zunächst innerhalb der evangelischen Kirchen. Positive Signale gingen vom Zweiten Vatikanische Konzil und seinem Dekret über den Ökumenismus mit der Anerkennung der Wahrheit außerhalb der eigenen kirchlichen Strukturen aus. Das Konzil bekräftigte aber auch bisher typisch evangelische Kernelemente als eigene Anliegen: die Wertschätzung der Heiligen Schrift und die Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen.

Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, am 31. Oktober 1999 unterzeichnet vom Lutherischen Weltbund sowie der Römisch-katholischen Kirche, bedeutet wohl den größten ökumenischen Fortschritt. Sie stellt fest, „dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre besteht“ (GE 40). Diese Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre wurde 2006 auch vom Weltrat der Methodistischen Kirche mit unterzeichnet. Voraussichtlich in diesem Jahr wird sich ihr die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen ebenso anschließen wie die Anglikanische Kirche. Das die Reformation auslösende Thema der Rechtfertigung hat somit seine kirchentrennende Bedeutung verloren.

Die Forschung hat auf vielfältige Weise erheblich dazu beigetragen, die Wahrnehmung der Vergangenheit zu verändern und wichtige Korrekturen an der früheren Geschichtsschreibung vorzunehmen. Der Paderborner Ökumene-Experte Burkhard Neumann betont: „Die Theologie hat gelernt, bei Unterschieden sauber nachzufragen: Was hat uns getrennt? Lagen Missverständnisse vor? Drücken wir uns heute mit dem, was damals gemeint war, anders aus?“ Und er hebt hervor: „Bei allen anhaltenden Trennungen, bei denen es um Ämter, Strukturen und Vollmachten geht, ging es nie um die Christologie, also um das Verständnis von Jesus Christus und den Glauben an den dreieinigen Gott.“

Das ist auch der Grund, warum die beiden Glaubensbekenntnisse – teils mit geringen Änderungen – von allen Christen gemeinsam gebetet werden können. Beim „Großen Glaubensbekenntnis, das auf die Konzile von Nizäa und Konstantinopel zurückgeht, verzichten Katholiken beim gemeinsamen Gebet mit orthodoxen Christen ohne Probleme auf drei Worte (es entfallen die Worte „und dem Sohn“, auf den der Heilige Geist zurückgeht), bei evangelischen Christen gibt es keine Änderungen. Und beim Apostolischen Glaubensbekenntnis wird beim gemeinsamen Gebet mit Evangelischen das Wort „katholisch“ durch „allgemein“ ersetzt; Orthodoxe haben damit kein Problem, weil sie das Wort „katholisch“ im ursprünglichen Sinne verstehen und nicht eine Konfession damit gemeint ist.

In Deutschland, dem Ursprungsland der Reformation, gedenken erstmals evangelische und katholische Christen gemeinsam des Beginns vor 500 Jahren. Beide Kirchen haben zum Gedenkjahr ein gemeinsames Hirtenwort verabschiedet. Mit einem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Hildesheimer Michaeliskirche haben die katholische und evangelische Kirche in Deutschland am 11. März eine Umkehr von der Jahrhunderte währenden Geschichte gegenseitiger Verletzungen und Abgrenzung vollzogen. Bei dem Gottesdienst, an dem auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Bundestagspräsident Norbert Lammert teilnahmen, dankten die Kirchen zugleich für das 500 Jahre nach der Reformation sichtbar werdende gegenseitige Vertrauen.

„Das Reformationsgedenken soll ein neuer Anfang sein für einen Weg, der uns als Kirchen nicht mehr voneinander trennt, sondern zusammenführt“, sagte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr .Heinrich Bedford-Strohm, in einer Dialogpredigt mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Ich bin froh, dass wir heute ein Zeichen für ein versöhntes Miteinander setzen“, sagte Kardinal Reinhard Marx.
Zu den bisherigen ökumenischen Höhepunkten des Jubiläumsjahres gehörten auch eine gemeinsame Pilgerreise evangelischer und katholischer Bischöfe ins Heilige Land sowie der Besuch einer gemeinsamen Delegation in Rom mit einer Begegnung mit Papst Franziskus. Den nächsten ökumenischen Schritt bildet eine gemeinsame Veranstaltung am 16. September 2017 in Bochum.

 

Text: Martin Grünewald