Rebecca Bauer.

Interviewtermin in Berlin im Paul-Löbe-Haus neben dem Reichstag.

Thomas Dörflinger (51) ist Vorsitzender des Kolpingwerkes Deutschland und Mitglied des Bundestages.

Manuel Hörmeyer (25) gehört der Bundesleitung der Kolpingjugend an und ist Mitglied der AG "heute für morgen".

Alexander Suchomsky (31) ist jugendpolitischer Bildungsreferent beim Kolpingwerk Deutschland.

Kolpingmagazin

Rente gut, alles gut. – Schön wär's!

Kein prunkvolles Anwesen, keine extravaganten Autos, keine Kaviar-Häppchen mit Champagner. Die meisten wollen im Alter gar keine übertriebenen Luxusgüter, sondern einfach einen gesicherten Lebensstandard. Doch wie sicher ist die zukünftige Rente der jungen Generation überhaupt noch?

Rebecca Bauer stammt aus Hilpoltstein, einer fränkischen Kleinstadt südlich von Nürnberg. In der Kolpingjugend war die 27-Jährige zunächst als Diözesanleiterin im Diözesanverband Eichstätt aktiv und ist inzwischen Mitglied im Beratungsausschuss auf Bundesebene. Die Kinderkrankenschwester hat nach ihrer Ausbildung Pflegepädagogik studiert und macht gerade ihren Master in Bildungsmanagement und Schulführung, nebenher arbeitet sie in Teilzeit weiter in ihrem Beruf. Rebecca zahlt also schon seit fast zehn Jahren kontinuierlich Rentenversicherungsbeiträge in die Rentenkasse, das muss ihr in dem Alter erst einmal jemand nachmachen. Und trotzdem stellt sie sich gelegentlich die Frage, ob die Rente reicht, die sie später irgendwann einmal erhalten wird.

Reichen für was eigentlich? Eine Eigentumswohnung oder ein kleines Eigenheim wäre schon schön, meint sie, auch den ein oder anderen Urlaub will sie sich als Reisefan später leisten können. „Einen teuren Sportwagen oder ähnliches brauche ich nicht“, ist sich Rebecca hingegen sicher. „Das Geld soll einfach für einen gewissen Lebensstandard reichen und nicht an allen Ecken und Enden fehlen.“ Auch wenn es in ihrem Alter noch so weit weg scheint: „Das wichtige Thema Rente muss mehr in den Fokus, gerade auch bei uns jungen Menschen!“

Schon lange ist der Ausspruch „Die Rente ist sicher“ des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm zum geflügelten Wort geworden, auch Rebecca kann längst nicht mehr daran glauben. Die Lebenserwartung hierzulande steigt, Deutschland wird älter. Ein erfreulicher Fakt. Aber Deutschland hat auch zu wenig Nachwuchs, der das Rentensystem in den nächsten Jahrzehnten langfristig und gesichert finanzieren kann. Dieser demografische Wandel stellt das Rentenversicherungssystem infrage – und damit die Alterssicherung der gesamten jüngeren Generation.

"Das wichtige Thema Rente muss mehr in den Fokus, gerade auch bei uns jungen Menschen!"

„Ich verlange mehr Ehrlichkeit bei diesem Thema“, fordert Rebecca. „Politiker sollen realistisch und ehrlich sagen, wenn die gesetzliche Rente für uns nicht mehr ausreichen wird und beispielsweise private Zusatzversicherungen notwendig sind.“ Wenn der Generationenvertrag heute nicht mehr tragfähig sei, müsse eben über andere Finanzierungsmodelle gesprochen werden, meint Rebecca. Beispielsweise, ob es denkbar ist, nicht nur das Arbeitseinkommen rentenversicherungspflichtig zu besteuern. Wichtig ist ihr, dass Gleichberechtigung und Fairness für alle gelten und in Berlin schon heute nachhaltige Politik für morgen gemacht wird. „heute für morgen“ ist auch der Name einer Arbeitsgruppe der Kolpingjugend, die sich unter anderem das Thema Generationengerechtigkeit auf die Agenda geschrieben hat. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen die Aktualität der Debatte bewusst zu machen und gleichzeitig aktiv Lösungsvorschläge zu erörtern, die im Sinne des Kolpingwerkes als generationenübergreifendem Sozialverband allen gerecht werden.

 

Das Kolpingmagazin hat mit Thomas Dörflinger, Alexander Suchomsky und Manuel Hörmeyer drei Kolping-Experten zum Thema Rentenpolitik in Berlin getroffen und mit ihnen gesprochen.

Das Thema Rente steht in der Politik immer wieder auf der Tagesordnung, hat in weiten Teilen der jungen Generation aber nur wenig Brisanz, obwohl es um die eigene Alterssicherung geht. Warum ist das so?
Thomas Dörflinger: 
Die Rententhematik ist für viele Jugendliche und junge Erwachsene einfach noch sehr weit weg. Zunächst steht nach dem Schulabschluss die Frage des Studienfaches oder Ausbildungsplatzes im Vordergrund, dann muss ein Job gefunden werden. Klar, dass man erst danach an die Altersvorsorge denkt.
Manuel Hörmeyer: Mir ist das Thema auch immer noch nicht stark genug in der Öffentlichkeit präsent, gerade mit Blick auf die junge Generation. Ich wünsche mir mehr Strahlkraft der Debatten nach außen, die in Berlin geführt werden.
Alexander Suchomsky: Früher war man im Idealfall ein ganzes Berufsleben lang beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt und hatte Verlässlichkeit und Kontinuität auf dem Weg zur Rente. Heute schaffen beispielsweise Praktika und befristete Zeitarbeitsverträge immer mehr Unsicherheit beim Berufseinstieg. Damit müssen sich junge Leute zunächst befassen, ehe sie sich Gedanken um ihre Rente machen können. Meiner Meinung nach sollte das Rentensystem auch im Schulunterricht viel stärker besprochen werden, um für die Thematik zu sensibilisieren.

Was fehlt Euch in der politischen Debatte?
Thomas Dörflinger: 
Ich sehe zwei grundlegende Problemfelder: Man hat erstens im Zuge der letzten politischen Reformen viel Vertrauen in die Rentenpolitik zerstört und zweitens den demografischen Wandel erst viel zu spät ernst genommen und berücksichtigt.
Alexander Suchomsky: Die Debatten bewegen sich häufig in einem abgesteckten Rahmen: wie weit man das Rentenniveau absenken oder Versicherungsbeiträge steigen lassen kann. Hilfreich wäre ein Blick ins Ausland – zum Beispiel in die skandinavischen Länder – bei der Frage, wie man das Renteneintrittsalter flexibilisieren und an die steigende Lebenserwartung koppeln kann. Die Kolpingjugend hat Ende 2015 die Arbeitsgruppe(AG) „heute für morgen“ gegründet,die sich mit der Generationengerechtigkeit und dem demografischen Wandel befasst.

Wo genau liegen die Probleme und wie ist die AG entstanden?
Alexander Suchomsky: 
Einer steigenden Zahl von Rentnern steht eine weniger stark wachsende Anzahl Erwerbstätiger gegenüber. Vor 50 Jahren gab es pro Rentenempfänger etwa sechs Erwerbstätige, die Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Heute sind es nur noch zwei. Durch diese deutliche Änderung der Verhältnisse entstehen im Rentensystem grundlegende Finanzierungsprobleme.
Manuel Hörmeyer: Nachdem uns als Kolpingjugend die Problematik bewusst wurde, ist die AG entstanden, die einen klaren rentenpolitischen Schwerpunkt hat. Ihr gehören insgesamt zehn Mitglieder aus ganz Deutschland an. „heute für morgen“ – den Slogan findet man auch im Namen der Kolping-Aktionskampagne zur anstehenden Bundestagswahl wieder.

Was können das Kolpingwerk als Sozialverband und insbesondere die Kolpingjugend konkret tun, damit das Rentensystem wieder generationengerecht wird?
Thomas Dörflinger:
Zunächst ist es wichtig, dass sich der Gesamtverband ausführlich mit der Thematik beschäftigt und die Kolpingjugend natürlich mit am Tisch sitzt. Genauso entscheidend ist, dass das Thema über die Kommunikationskanäle der Kolpingjugend in den Verband hineinstrahlt, denn die Thematik betrifft vor allem die junge Generation.
Manuel Hörmeyer: Wir als AG wollen die Diskussion im gesamten Verband anstoßen und die Menschen zum Nachdenken und Reden bringen. Bevor man neue Lösungswege aufzeigt, geht es zunächst darum, dass vor allem die Kolpingjugend ihren Mitgliedern die Wichtigkeit der Debatte verdeutlicht.
Alexander Suchomsky: Kolpingwerk und Kolpingjugend müssen vor allem das Interesse am Thema wecken und der jungen Generation folgende Fragen vor Augen halten: Was erwartet Ihr von Eurer Rente? Soll sie lediglich Grundsicherung sein oder einen einigermaßen guten Lebensstandard bieten?

Welche Stärken und Schwächen haben das Rentenmodell der katholischen Verbände und das vor einigen Monaten von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles vorgestellte Konzept der doppelten Haltelinie?
Manuel Hörmeyer: 
Das Rentenmodell der katholischen Verbände basiert auf drei Stufen: einer solidarischen Sockelrente für alle, einer Arbeitnehmer-Pflichtversicherung, deren Höhe beitragsabhängig ist, und einer ergänzenden betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Ein meiner Meinung nach interessanter und ausbaufähiger Ansatz,der weiterdenkt, auch wenn der Name fälschlicherweise suggeriert, dass es sich um das einzige Rentenmodell katholischer Institutionen handelt.
Thomas Dörflinger: Richtig. Fünf katholische Verbände mit insgesamt rund einer Million Mitgliedern stehen hinter diesem Modell: Die Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), die Frauengemeinschaft (kfd), der Familienbund (FDK),die Landvolkbewegung (KLB) und das Kolpingwerk. Das Zentralkommitee der deutschen Katholiken(ZdK) und die Deutsche Bischofskonferenz haben hingegen eigene Modelle. Damit wird deutlich, dass selbst innerhalb der katholischen Organisationen unterschiedliche Vorstellungen existieren. Grundsätzlich stellt sich auch immer wieder die Frage nach der Finanzierbarkeit der Sockelrente, und es wird deutlich, dass man grundlegende Dinge am Rentensystem ändern muss. Wir haben bisher immer nur Korrekturen am System vorgenommen und nicht Korrekturen des Systems!
Alexander Suchomsky: Andrea Nahles‘ Konzept der doppelten Haltelinie sieht vor, dass das Rentenniveau langfristig mit 46 Prozent relativ stabil bleibt, während allerdings die Rentenbeiträge auf bis zu 25 Prozent steigen sollen. Das bedeutet eine spürbare Mehrbelastung der Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber, ohne dass sich eine nachhaltige Lösung der demografischen Herausforderungen ergibt.

Unsichere Aussichten und negative Prognosen: Wie blickt Ihr persönlich in die Zukunft?
Thomas Dörflinger:
Das Rentensystem hat seit der Einführung durch Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts viel erlebt, unter anderem zwei Weltkriege und etliche Öl-, Finanz-und Wirtschaftskrisen. Es hat sich als relativ krisenresistent herausgestellt. Deshalb glaube ich, dass wir auch die aktuellen Probleme meistern werden,wenngleich der demografische Wandel eine große Herausforderung für uns alle bedeutet.
Alexander Suchomsky: Positiv ist zu bewerten, dass das auf dem Umlageverfahren basierende Rentensystem unabhängig vom Zinsniveau ist und damit Krisen an den Kapitalmärkten standhält. Wir haben in Deutschland immer noch ein vergleichsweise hohes Rentenniveau, auch wenn man künftig immer wieder die Frage stellen muss, ob die Rente mehr als nur Grundsicherung sein soll. Die Wichtigkeit des Themas muss vor allem bei der Jugend ankommen und es braucht stets engagierte Jugendliche und Erwachsene, die unsere Rentenreformen kritisch begleiten und wenn nötig lautstark Vorbehalte äußern.

 

Text und Fragen: Matthias Böhnke