Rein ins Abenteuer: Im Tuk-Tuk, der günstigsten Taxi-Version Perus, wagen sich die Jugendlichen in Limas Straßenverkehr.

Tag 1: Besuch in Limas Altstadt. Die 12 Kolping-Jugendlichen aus Deutschland und Thomas Jung von Adveniat (5.v.l.) schauen sich die Altstadt von Lima an, bevor es in den kommenden Tagen zu den Projekten geht.

Franziska beim Besuch in einem Armenviertel von Corrillos/Lima.

Padre Juan Goicochea ist in seiner Gemeinde in Chorrillos/Lima als Seelsorger verantwortlich für über 80.000 Katholiken.

Abends schaut die Jugendgruppe aus Deutschland von draußen auf das Männergefängnis San Juan de Lurigancho. Zuvor hatten sie den ganzen Tag innerhalb der Gefängnismauern verbracht, mit Gefangenen gesprochen und einen Eindruck von der Situation der Menschen bekommen.

In der Casa de los talentos – dem Haus der Talente – können Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Vierteln von Chorrillos/Lima spielen, lernen und vieles ausprobieren – auch das Laufen auf Stelzen.

„Unterstütze den besten Bürgermeister von Peru!“, steht auf dem Wahlplakat. Der Kandidat posiert dort vor dem Rathausbrunnen. Gleichzeitig wird aber das Wasser für die Bewohner des Viertels rationiert.

Felicia (im Spiegel links) erzählt dem Besuch aus Deutschland von ihrem Alltag. Ihr Sohn Yair (links) und ihre Tochter Diana (ganz rechts) leiden beide unter Zerebralparese. Diana wird mit sechs Jahren bald sterben.

Hans von der Kolpingjugend im Diözesanverband Fulda hilft bei den Hausaufgaben.

Nach der Begegnungsfahrt haben die Kolping-Jugendlichen aus Deutschland noch als Gäste an der Generalversammlung von Kolping International teilgenommen. Dort konnten sie die Internationalität des Verbandes erleben.

Kolpingmagazin

Rein ins Abenteuer – Wie leben Menschen in Peru?

Jugendliche aus Deutschland haben Peru auf eher unübliche Weise erlebt: Auf einer Begegnungsreise haben sie mit jungen Menschen im Gefängnis gesprochen, sie haben in Familien gelebt und sie haben hautnah erfahren, was Armut tatsächlich ist.

Durch das erste Tor auf dem Weg ins Gefängnisdarf die Jugendgruppe aus Deutschland nochmit dem Kleinbus fahren. Dann parkt GefängnisseelsorgerNorbert Nikolai den Wagen nebenden Gefangenentransportern. Die Jugendlichen steigenaus und müssen hier noch die letzten elektronischenGeräte im Auto zurücklassen: Smartphone, Kameras– alles verboten; Taschenmesser selbstverständlichauch. Dann öffnet ein Sicherheitsbeamter eineschmale Stahltür in einem hohen schwarzen Stahltor.An einem Schalter müssen alle ihre Reisepässe abgeben.Im Gegenzug erhält jeder eine Messingplakettemit einer Nummer, und die Männer bekommen nocheinen Stempel auf ihren rechten Unterarm gedrückt.Nach einer Leibesvisitation gibt es noch einen zweitenStempel auf den Unterarm. Erst dann öffnet ein weitererSicherheitsbeamter eine vergitterte Tür undschließt sie hinter allen wieder sorgfältig ab. Und jetztist die Gruppe mittendrin im Männergefängnis SanJuan de Lurigancho in Lima. Fast 10 000 Männer sindhier inhaftiert, und anscheinend können sich diemeisten Gefangenen außerhalb ihrer Zellen aufhalten– Männer laufen in Gruppen über die breiten Wege,andere telefonieren in einer Passage, an der über 50Münztelefone nebeneinander aufgehängt sind. Es gibtsogar einen überdachten, sehr engen Markt mit kleinenStänden, an denen es, wie außerhalb der Mauernund Stacheldrahtzäune, fast alles zu kaufen gibt.Sechs junge Erwachsene (vier Frauen und zweiMänner) sind hier mittendrin im peruanischen Gefängnisalltag.San Juan de Lurigancho gilt als eines dergrößten und gefährlichsten Männergefängnisse Südamerikas.Und die Jugendlichen, Teilnehmende einerBegegnungsreise, veranstaltet von der KolpingjugendDeutschland und dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat,haben hier ganz besondere, einmalige Begegnungen.Wenn Deutsche in ihrer Freizeit nach Perureisen, besuchen sie eher die Andenstadt Cusco, dieRuinenstadt Machu Picchu und andere herausrahengende Sehenswürdigkeiten Perus. Ganz anderes interessiertdiese Jugendgruppe, sie leben für einige Tagebei Norbert Nikolai, Priester aus Deutschland undGefängnisseelsorger in Lurigancho. Fünf andere Jugendlicheleben zeitgleich bei Comboni-MissionarPadre Juan Goicochea in Chorrillos, um dort einenEinblick in den Alltag der Menschen zu bekommen.Beide Gruppen wollen nicht das schöne, herausgeputztePeru kennenlernen, das oft nur als Fassade vorder Realität des peruanischen Alltags steht, sondern siewollen die andere, viel größere Wirklichkeit kennenlernen,in der die Armut das Leben bestimmt. Im Gefängnistreffen die Jugendlichen auf die in der GesellschaftGescheiterten. Viele sind aufgrund ihrer Armut undfehlender Lebensperspektiven (mangelnde Schulbildung,Arbeitslosigkeit, etc.) in die Kriminalität abgerutscht.Da ist der Weg zu Drogenkonsum und Drogenhandelnicht weit. Gefängnisseelsorger NorbertNikolai arbeitet in der Capellanía (Kaplanei) des Gefängnisses.Dort können bis zu 60 Gefangene leben, dievon der Drogensucht loskommen wollen und gleichzeitigeinen Ausweg aus der Kriminalität suchen. Betreutwerden sie hier von Ordensschwestern und ehrenamtlichenHelfern. Immer wieder kommen dieJugendlichen beim Rundgang durch das Gefängnis mitGefangenen ins Gespräch. Sie erzählen von ihren langenHaftstrafen (15 Jahre und mehr sind hier keineSeltenheit) und von ihrem Alltag und ihren Problemen.Franziska, eine der Teilnehmerinnen, wird später berichten,dass viele Gefangene gesagt haben „Meine Familiehat mich vergessen“. Hoffnung machen da dieProjekte wie die Capellanía oder eine kleine von Adveniatunterstützte Küche in der Gefängnisklinik. Hierkochen zwei Gefangene für HIV- und Tuberkulosepatientenein besseres Essen als das übliche Gefängnisessen,damit die Kranken zu Kräften kommen. DieGefangenen sind dankbar, diese sinnvolle Arbeit tunzu dürfen. Zum Abschied bittet einer der beiden Köchedie Jugendlichen, seine im Sterben liegende Mutterin ihr Gebet einzuschließen. Er weiß, dass er sienicht mehr lebend sehen wird. Erst wenn sie gestorbenist, darf er am Gefängnistor von ihrem Leichnam Abschiednehmen.In Chorillos/Lima hat Padre Juan die anderen Jugendlichenin Familien unterbringen können. Sie könnenalle kein Spanisch, und die Gastfamilien sprechenkein Deutsch und auch kein Englisch. Doch beide Seitensind kreativ. Mit Gesten, mit der Google TranslateApp und mit etwas Geduld und wohl auch viel Freudegelingt die Verständigung ganz gut. Hans hat sich innerhalbkürzester Zeit so gut eingelebt, dass er morgensimmer als letzter zum Treffpunkt ins Gemeindezentrumkommt, da er gerne auf dem Markt einkauft.Schon am zweiten Tag bekommt er dort Rabatt. „Eigentlichhatte ich damit gerechnet, dass man mir alsreichen Europäer das Geld aus der Tasche ziehen will“,sagt er lachend.Padre Juan ist viel unterwegs, seine Gemeinde mitüber 80 000 Katholiken fordert seine Anwesenheit anvielen Orten. Doch zwischendurch lässt er sich im-mer wieder an verschiedenen Stationen blicken, andenen die Jugendlichen den Alltag der Menschen inder Gemeinde kennenlernen. Eine ehrenamtliche Gemeindemitarbeiterinnimmt sie mit in einen armenStadtteil, der an einem Steilhang außerhalb des Stadtzentrumsliegt. Hier leben die armen Familien, diesich aus zusammengesuchtem Material Baracken gebauthaben. Über steile Treppen, gebaut aus mit Sandgefüllten Autoreifen, steigen die deutschen Besucherauf zum Haus von Felicia und ihrer Familie. FeliciasMann ist als Maler ohne feste Arbeit. Von Tag zu Tagmuss er hoffen, dass jemand ihm Arbeit anbietet. Dieälteste Tochter Chris (12) spielt mit Yair (9). Der Jungeleidet wie die drei Jahre jüngere Schwester Diana anZerebralparese, einer Lähmung, verursacht durch einefrühe Hirnschädigung. Während Yair noch lacht,wenn Besuch kommt und auch auf Ansprache reagiert,liegt Diana nur noch apathisch im Bett. „Sie wird baldsterben“, sagt die Mutter. Ein städtischer Beamter seimal bei ihr gewesen, um zu fragen, was die Familie anHilfe benötige, erzählt Felicia. „Doch danach hat ersich nicht mehr blicken lassen.“ Für Therapien undmedizinische Versorgung fehlt Felicia das Geld. Immerhinsteht direkt vor ihrer Baracke ein riesigesWahlplakat, auf dem steht: „Unterstütze den bestenBürgermeister von Peru!“ Der Kandidat posiert aufdem Plakat vor dem Rathausbrunnen, dessen riesigeAusmaße auf dem Bild nicht zu erkennen sind. DieWasserspiele, mit LED-Beleuchtung in verschiedenenFarben erwecken den Eindruck einer reichen Stadt inder Wüste. Doch oben erzählt eine andere Frau, Juana,Mutter von zwei Kindern, dass sie zweimal die Wocheden steilen Berg hinunterläuft, weil sie dann an einerVerteilstelle die Pumpe betätigen darf, um Wasser inden Tank neben ihrem Haus zu leiten. Damit muss siesehr sparsam umgehen. Das sind die Gegensätze, diedie Jugendlichen hier hautnah erleben. So erschüttertsie sind von den Lebensbedingungen, so begeistert erzählensie wenige Tage später bei der Auswertung derBegegnungsreise von Menschen, denen sie begegnetsind, die anderen Menschen helfen. In Chorillos gehenEhrenamtliche zu den Armen und zu den Kranken,denen sonst niemand hilft bzw. helfen kann. Beeindruckendauch die Casa de los talentos – das Haus derTalente. Padre Juan hat dieses Haus der offenen Türaufgebaut. Hier können Kinder und Jugendliche ausden umliegenden Vierteln sich ausprobieren und ihreTalente entdecken. Während auf dem Sportplatz Kinderauf Stelzen herumlaufen und abenteuerliche akrobatischeKunststücke zeigen, üben zwei Jungen in derCasa Breakdance, auf der zweiten Etage findet gleichzeitigBallettunterricht für Kinder statt.Nach den bewegten Tagen beschreibt eine Teilnehmerinihr „Chaos im Kopf“: Viele Eindrücke, viel Erschütterndes,aber auch viel Hoffnung machendes müssesie jetzt sortieren. Zuhause werden sie jetzt von ihrenErlebnissen berichten, und vielleicht auch Themen der„Einen Welt“ in ihre Kolpingarbeit integrieren.