In Deutschland gibt es große Fortschritte in der gegenseitigen Taufanerkennung. – Im Bild die Taufe von Elisabeth von Thold in der vergangenen Osternachtsfeier durch Pfarrer Josef Kaiser am berühmten Papst-Taufstein, wo genau 90 Jahre zuvor Papst em. Benedikt XVI. dieses Sakrament empfangen hatte. Der Täufling ist das jüngste Mitglied der Kolpingsfamilie Marktl.

Kolpingmagazin

Ökumene leben

Evangelische, katholische und orthodoxe Christen nähern sich seit Jahrzehnten an. Die wichtigsten theologischen Streitpunkte wurden ausgeräumt. Dennoch mangelt es 500 Jahre nach der Reformation häufig noch an gelebter Ökumene vor Ort.

"Laudate omnes gentes“ klingt es durch den mit bunten Tüchern geschmückten Kirchenraum. Einfühlsam, mit innerer Kraft und Tiefe wird das Lob Gottes von den meist jugendlichen Teilnehmenden in Taizé angestimmt. Viele tausend Menschen kommen jährlich an den bekannten Ort in der französischen Bourgogne, dessen „erste ökumenische Brüdergemeinschaft der Kirchengeschichte“ seit Jahrzehnten eine enorme Anziehungskraft ausübt. Hier treffen Christen aus nahezu allen Konfessionen aus vielen Teilen Europas zusammen. Hier wird Ökumene ganz praktisch erlebbar.

Gemeinsam wird das Lob Gottes angestimmt, gemeinsam wird gebetet und in der Bibel gelesen, gemeinsam tauschen sich die Teilnehmenden in Kleingruppen über Glaubensfragen aus. Nur das Abendmahl feiern sie bis heute als evangelische, katholische und orthodoxe Christen getrennt.

Wie beliebt Taizé ist, belegen auch die Youtube-Videos, die teils millionenfach angeklickt werden. Liegt es eher an der besonderen Spiritualität oder stärker an der ökumenischen Offenheit? Wahrscheinlich trägt beides zur besonderen Anziehungskraft bei; jedenfalls bildet Taizé ein gelungenes Beispiel, wie Ökumene praktisch gelebt werden kann und wie traditionelle Schranken kein Hindernis bleiben müssen.

500 Jahre nach der Reformation stellt sich die Frage: Was trennt uns noch? Was haben wir gemeinsam? Was kann jeder Christ praktisch für die Ökumene tun?

Die Anlässe für die Kirchenspaltungen sind gegenüber den Orthodoxen in allen Punkten und gegenüber den Protestanten in der wichtigsten Frage längst theologisch aufgearbeitet und befriedet (vgl. Kolpingmagazin Mai/Juni 2017). Damit kehrt die Einheit aber nicht automatisch zurück.

Burkhard Neumann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn, empfiehlt den getrennten Christen, voneinander zu lernen. Dazu fordere das 2. Vatikanische Konzil ebenso auf wie Papst Johannes Paul II. in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“.

Was haben Katholiken bereits von ihren evangelischen Mitchristen in den letzten Jahrzehnten gelernt? Es lassen sich wichtige Anstöße Martin Luthers aufzählen, die das 2. Vatikanische Konzil aufgegriffen hat:

  • die Verwendung der Muttersprache in der Liturgie,
  • die Betonung des Wortgottesdienstes,
  • das Hervorheben des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen,
  • die Bedeutung der Heiligen Schrift, deren Autoritätauch das Lehramt unterstellt ist,
  • die Bereitschaft, sich als Kirche ständig erneuern zu wollen.

Papst Johannes Paul II. hat die anderen christlichen Kirchen zu einer Diskussion über das Papstamt eingeladen, um nach einer Form zu suchen, die gemeinsam und auf Dauer von allen Konfessionen gewünscht wird. Eine lutherisch-katholische Theologengruppe („Gruppe von Farfa Sabina“) hat sich diese Aufforderung zu eigen gemacht und dazu bereits Vorschläge erarbeitet.

Haben auch die evangelischen Mitchristen von den Katholiken gelernt? Ja, bekräftigt der Ökumeniker. Die Bedeutung der Liturgie wachse. „Es ist heute in der Regel kein Problem mehr, in einer evangelischen Kirche eine Osterkerze aufzustellen“, berichtet Burkhard Neumann. „Zeichen und Symbole werden von Evangelischen bereitwilliger wahrgenommen. Vielfach werden Vorurteile aufgegeben.“ Die Wertschätzung des Abendmahls zeige sich auch darin, dass es inzwischen von Evangelischen häufiger gefeiert werde als früher. Das Petrusamt, verstanden als universeller Dienst an der Einheit, werde als Herausforderung wahrgenommen. Dass die evangelischen Kirchen die neue „Einheitsübersetzung“der Bibel nicht mehr mitgetragen haben, sei kein bedeutender Rückschritt. „Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat zuvor die Übersetzung des Neuen Testamentes und der Psalmen mitgetragen und bei ökumenischen Anlässen verwendet. In evangelischen Gottesdiensten wurde aber weiterhin die Lutherbibel verwendet, deren Bedeutung wir als Katholiken wohl kaum emotional nachvollziehen können“, sagt Burkhard Neumann.

Große Fortschritte gibt es in Deutschland wie in einer Reihe von anderen Ländern bei der gegenseitigen Taufanerkennung. Vor zehn Jahren trafen sich in Magdeburg Vertreter von elf Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), um sich ihr gemeinsames Grundverständnis der Taufe gegenseitig feierlich zu bestätigen. Auch diejenigen, die wie etwa die Baptisten oder die Mennoniten nur die Erwachsenentaufe praktizieren und die gemeinsame Erklärung darum nicht unterzeichnen konnten, würdigten in einem gemeinsamen Grußwort diesen Schritt.

In der ACK gibt es ein wichtiges Instrument der Ökumene, das nicht nur bundesweit, sondern auch regional und in vielen Fällen sogar örtlich vorhanden ist. In der ACK in Deutschland treffen sich Vertreter von 17 Kirchen zur gegenseitigen Information, Beratung und Zusammenarbeit im gemeinsamen Zeugnis, zum Dienst und Gebet sowie zur Förderung des theologischen Gesprächs, zur Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben und zur Vermittlung bei Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen Mitgliedern.

Die Lebendigkeit der Ökumene vor Ort hängt immer von der Bereitschaft der Handelnden ab, aufeinander zuzugehen und das Gemeinsame zu suchen. Falls es vor Ort noch keine spürbaren ökumenischen Aktivitäten gibt, kann die Initiative auch von einer Kolpingsfamilie ausgehen. Sie kann persönliche Kontakte knüpfen, Begegnung und ein Miteinander organisieren. Die Beteiligten können voneinander lernen und sich gegenseitig bereichern.

Viele ökumenische gemeinsame Aktionen sind bereits seit Jahren verbreitet: der Weltgebetstag der Frauen, die Gebetswoche für die Einheit der Christen, der Ökumenische Jugendkreuzweg, die Ökumenische Bibelwoche, die Woche für das Leben oder der Tag der Schöpfung. Dazu gibt es meist ein großes Angebot an Arbeitsmaterial, was die praktische Umsetzung vor Ort sehr erleichtert. In Frankfurt findet im Jahr 2021 der dritte Ökumenische Kirchentag statt. In vielen Projekten, zum Beispiel in der Arbeit für Geflüchtete, arbeiten evangelische und katholische Christen zusammen. Der Religionsunterricht bleibt zwar grundsätzlich konfessionell, im Hinblick auf die Situation vor Ort wird der Anteil einer gemeinsamen ökumenischen Verantwortung voraussichtlich zunehmen.

Für Burkhard Neumann ist es von großer Bedeutung, wie die Christen übereinander denken und sprechen; ob sie also einander ausgrenzen, herabsetzen und Vorurteile pflegen oder ob sie der Aufforderung des Konzils entsprechen und „der Wahrheit gemäß und in wohlwollender Gesinnung“ (Ökumenismusdekret Nr. 9) einander kennenlernen.

Praktizierte Ökumene besteht nach seiner Ansicht aus drei einfachen Schritten:

  • Das Gemeinsame und Verbindende in den Vordergrund stellen; alles noch Trennende ist aus dieser Sicht zu bewerten.
  • Theologisch gilt es, sauber nachzufragen: Was hat uns getrennt? Entstanden Missverständnisse? Was wird heute anders gemeint? Was hat sich weiterentwickelt?
  • Hinsichtlich der offenen Fragen zum Kirchenverständnis, zu Ämtern, Strukturen und Vollmachten: Was gehört zum Kern? Worin muss es Einheit geben? Und wo ist Vielfalt möglich und sinnvoll?

Hinsichtlich der noch fehlenden Abendmahlsgemeinschaft weist Burkhard Neumann darauf hin, dass diese eng mit dem Kirchenverständnis zusammenhänge. Es dürfe nicht vergessen werden, dass auch unter evangelischen Christen hier in Deutschland eine Abendmahlsgemeinschaft erst seit dem Jahr 1973 bestehe. Die Verbindung zwischen Kirchengemeinschaft und Mahlgemeinschaft gilt seit der Zeit der alten Kirche. Aus diesem Grund können Katholiken zum Beispiel die Eucharistie bei den mit Rom unierten orthodoxen Kirchen empfangen, nicht aber bei den 15 orthodoxen Kirchen byzantinischer Tradition, die zwar untereinander eine Kirchengemeinschaft bilden, jedoch noch nicht mit den Katholiken.

Wie entwickelt sich die Ökumene in Zukunft? Für den Ökumene-Experten Burkhard Neumann ist das nicht vorhersehbar. Durch gemeinsames Lernen müssten die Christen den Weg suchen und entdecken, wie sie zusammenwachsen können. Dies sei ein langer Prozess. Dabei sei vor allem Reformbereitschaft nötig, denn jeder bringe sich mit seinen jeweils eigenen Vorstellungen ein. Die Vereinnahmung des anderen oder gegenseitiges Ausspielen funktioniere nicht, ist Burkhard Neumann überzeugt. In der Ökumene sei es keineswegs so, dass eine Seite blockiere und die andere alles richtig mache. Schwarz-Weiß-Malerei sei nicht angebracht.

Bringt klagen und drängen voran? – „Das hängt davonab, ob es notwendig ist oder blockiert. Druck ruft erfahrungsgemäß auch Gegendruck hervor.“ Die Gestaltung des Reformationsjubiläums sei ein sehr gutes Beispiel für den Fortschritt in der Ökumene. „Vor Jahrzehnten wäre das noch unvorstellbar gewesen“, meint Burkhard Neumann. Im internationalen Vergleich sei Deutschland, das Ursprungsland der Reformation, in vielen Punkten ein Vorreiter der Ökumene. In Ländern, in denen fast nur ein religiöses Bekenntnis verbreitet ist, bildet die Ökumene oft ein Randthema.

Als erfahrener Ökumeniker zieht Burkhard Neumann überzeugt folgende Bilanz: „Das jahrzehntelange Ringen und Streiten hat sich gelohnt und macht Mut zu weiteren Schritten!“

 

Tipps zur weiteren Information
Buchtipp
Die kleine Einführung in die Ökumene mit dem Titel "Einheit der Christen – Wunsch oder Wirklichkeit" richtet sich nicht zuerst an Theologen, sondern an Gläubige in den Gemeinden, die sich über den aktuellen Stand der Ökumene informieren wollen. Das Buch ist im Verlag Pustet (Regensburg) erschienen und kostet 16,95 Euro. Es enthält Grundinformationen über alle christlichen Konfessionen und stellt die wichtigen Etappen der ökumenischen Entwicklung dar. Der Autor ist einer von vier Direktoren des Johann-Adam-Möhler-Institutes für Ökumenik in Paderborn.

Webtipps
Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) betreut eine eigene Webseite mit aktuellen Infos, Grundlagentexten, zahlreichen Arbeitsmaterialien und Links zu regionalen Gruppen: www.oekumene-ack.de 

Gemeinsames Internetprojekt der großen Kirchen zu ökumenischen Fragen: www.2017gemeinsam.de 

Das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik beteiligt sich am nationalen und internationalen ökumenischen Dialog, z.B. in der Dialogkommission des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Einheitsrates. Es zählt zu den wichtigsten Einrichtungen dieser Art weltweit: www.moehlerinstitut.de 

 

Text: Martin Grünewald