Endstation Ukraine: Schön aufgereiht werden die alten Schuhe den neuen Käufern präsentiert.

Ungefähr 20 Paar Schuhe passen in so ein Paket. Insgesamt haben die Kolpinger 8720 Pakete verschickt. Wow!

Stephan Kowoll ist seit acht Jahren Geschäftsführer der Kolping Recycling GmbH in Fulda.

Dank reichlich Werbung sind viele Spender auf die Schuhaktion aufmerksam geworden

Und hier landen einige Schuhe: Ein Second-Hand-Laden in der Ostukraine.

Wenn Kolpingsfamilien anpacken, dann richtig. In Laupheim kamen gleich mehrere Paletten mit Schuhen zusammen.

Kolpingmagazin

Mein Schuh tut gut – stimmt das wirklich?

Die Schuhaktion des Kolpingwerkes Deutschland war ein riesiger Erfolg. Bei Kolping sind die Schuhe in guten Händen, sind sich die Spender sicher. Aber was genau passiert eigentlich nun mit den sagenhaften rund 238.940 Tretern? Bevor sie an den Füßen ihrer neuen Besitzer landen, legen sie einen langen Weg zurück. In einer globalisierten Welt sei das ganz normal, erklärt Stephan Kowoll von der Kolping Recycling GmbH.

Würde man alle gesammelten Schuhe hintereinander aufreihen, es entstünde eine über 120 Kilometer lange Schlange – eine Strecke so lang wie der Weg von München nach Regensburg, so lang wie eine Autofahrt von Köln nach Limburg. 238.940 Paar Schuhe, rund 8.720 Kartons: Das ist ein riesen Sammelerfolg. Allerdings, und das sei schon verraten: Gegen den Weg, den die gesammelten Schuhe jetzt noch zurücklegen werden, sind 50 Kilometer ein Klacks. Aber von vorn: Über Wochen hinweg haben Kolpinger in ganz Deutschland anlässlich des Kolpinggedenktages zu Schuhspenden aufgerufen. Das Resultat: Randvolle Gruppenräume, überquellende Pfarrkeller, vollgepackte Garagen. Kurz: Schuhe en masse. Die Schuhaktion „Mein Schuh tut gut“ vom Kolpingwerk Deutschland hat alle Erwartungen übertroffen.

Ein Berg Schuhe bedeutet allerdings auch einen Haufen Arbeit, wie viele Kolpingsfamilien schon während der Sammelaktion feststellen. Ohne langes Überlegen krempeln alle die Ärmel hoch und packen an – schließlich gilt es nach der Sammelaktion, die gespendeten Schuhe gut verpackt weiterzuschicken. Kein Problem bei 20 Paar Schuhen. Was aber tun, wenn man plötzlich vor einem Berg aus mehreren hundert oder tatsächlich fast 2.000 Paar Schuhen steht?

Das ist kein Witz, sondern tatsächlich passiert, und zwar der Kolpingsfamilie Laupheim. Franz Martl, bis vor kurzem noch Vorsitzender der Kolpingsfamilie, erzählt noch immer ein wenig ungläubig: „Mit so einer Resonanz hatten wir nicht gerechnet. Wir haben Ende November zwei saubere Mülltonnen als Sammelcontainer vor unser Kolpinghaus gestellt und in der lokalen Presse für die Aktion geworben. Wir dachten, dass wir die Behälter einmal wöchentlich leeren müssten.“ Martl macht eine kurze Pause und leitet seinen nächsten Satz mit lautem Lachen ein: „Da hatten wir uns ordentlich verschätzt! Dreimal täglich mussten wir die Tonnen leeren, um wieder Platz für neue Spenden zu schaffen.“ Nach rund zwei Wochen Schuhsammlung ist der Keller des Kolpinghauses, wo die Schuhe zwischengelagert werden, rappelvoll. Sieben Personen sind ganze drei Tage damit beschäftigt, die Schuhe zu sortieren und in Kartons zu packen. Martl wird klar: Eine praktikable Lösung muss her,denn rund 100 Pakete mit der Post zu verschicken, das erscheint ihm doch recht umständlich.

Hier kommt Stephan Kowoll, Chef der KolpingRecycling GmbH, ins Spiel. Gemeinsam mit Verbandsreferent Otto Jacobs vom Kolpingwerk Deutschland organisiert er den logistischen Ablauf der Sammelaktion. Für die Laupheimer organisiert er eine Abholung durch eine Spedition, um die Schuhe palettenweise auf den Weg zu bringen. Ganze sechs Palletten kommen am Ende in Laupheim zusammen. Martl erzählt wieder lachend: „Zwischengelagert wurden die gepackten Paletten übrigens in einer Brauerei, die Inhaber sind auch Kolpinger. Denn ein Gabelstapler im Keller des Kolpinghauses – das wäre schwierig geworden.“

Fachmann Kowoll kennt sich aus mit großen Mengen Altkleidern, jährlich erwirbt er rund 15.000 Tonnen Altkleider, die in sieben großen Sortierwerken verarbeitet werden. Die Altkleider bekommt er unter anderem aus Sammelaktionen und Containersammlungen, momentan verleiht die Kolping Recycling GmbH circa 2.000 Container, davon 70 Prozent an Kolpinggruppen. Er betont: „Wir kaufen Altkleider. Wir sind kein Sortierbetrieb und besitzen auch keine Halle mit Fließbändern. Dafür sind unsere langjährigen Vertragspartner zuständig.“ Diese kaufen blind ein, was Kowoll ihnen anbietet, die Zusammensetzung der Kleiderspenden wird erst nach dem Sortieren klar. Durch jahrelange Erfahrungen können beide Seiten allerdings gut einschätzen, wie die gekaufte Sammlung in der Regel zusammengesetzt ist, also wieviel neuwertige, gute und kaputte Ware eine Ladung enthält.

Ein langjähriger Handelspartner der Kolping Recycling GmbH ist die East-West Textilrecycling Kursun GmbH aus Geestland, in der Nähe von Cuxhaven –ein Sortierbetrieb. Hier gibt es Fließbänder und Sammelkörbe, Arbeiter werfen Textilien in verschiedene Behälter. Im Norden Deutschlands sortiert man das, was Kowoll zuvor aus der ganzen Republik zusammengekauft hat. Auch die Schuhe aus der Schuhaktion landen hier, auf den Versandmarken, die die Kolpinger auf ihre Schuhpakete klebten, steht die Adresse von East-West Textilrecycling. Momentan freut man sich hier über gute Ware, denn bei der Schuhaktion sei die Qualität außergewöhnlich gut, sagt Kowoll, der sich von seinen Geschäftspartnern regelmäßig über Menge und Qualität seiner Altkleider aufklären lässt.

Die Schuhaktion hat einen Erlös von 73.596,98 Euro zu Gunsten der Internationeln Adolph Kolping Stiftung erbracht.

Zeit für ein erstes Zwischenfazit: Wenn die gespendeten Schuhe bei East-West Textilrecycling landen, haben sie bereits zum vierten Mal den Besitzer gewechselt: Erst gehören sie dem Spender, dann der Kolpingsfamilie, anschließend der Kolping Recycling GmbH und nun dem Sortierbetrieb.
Und die Reise ist noch lange nicht zu Ende.
Normalerweise, so erklärt Stephan Kowoll, geht die gebrauchte Kleidung, zu der auch Schuhe zählen, nach der Sortierung durch mehrere Hände, gerade wenn das Ziel Afrika heißt: Drei Unterhändler seien die Regel, ein afrikanischer Großhändler kaufe dann dem Sortierbetrieb große Mengen ab, anschließend ginge die Ware an einen Zwischenhändler und schließlich an Kleinhändler, der eine geringe Stückzahl gebrauchter Kleidung zum Straßenverkauf erwerbe. Klar wird: Die Vertriebsketten sind lang. Kowoll versichert, er und seine Vertragspartner wüssten in der Regel sehr genau, welchen Weg die Ware nimmt.

Bei der Schuhaktion ist die Handelskette übersichtlich und transparent, sagt der Geschäftsführer der Kolping Recycling GmbH. Das liege daran, dass die East-West Textilrecycling nicht nur Sortierbetrieb sei, sondern in einigen Ländern auch eigene Geschäfte betreibe und die Ware ohne weitere, zwischengeschaltete Händler direkt an den Verbraucher verkaufe. So zum Beispiel in Chile oder der Ukraine. Franz Martl von der Kolpingsfamilie Laupheim hatte beim Sortieren ein Auge auf ein paar gute, fast neue Wanderschuhe geworfen, erzählt er augenzwinkernd – um dann schnell zu versichern, dass er die Wanderschuhe aber natürlich verpackt und weggeschickt habe. Dass diese gefütterten Wanderschuhe nun in Chile landen, ist eher unwahrscheinlich. Denn in Chile ist gerade Sommer – und das sei das Praktische an Abnehmern aus vielen Ländern, erklärt Kowoll: „In unterschiedlichen Ländern gibt es unterschiedliche Bedürfnisse.“ Falls Franz Martl die Wanderschuhe also doch noch kaufen möchte, er müsste wohl in die Ukraine reisen. Eines der Geschäfte, die East-West Textilrecycling hier betreibt, heißt „oo Berlin“ und steht in Dnipro, eine Millionenstadt in der Ostukraine. Von Laupheim – mit Zwischenstopp bei East-West Textilrecycing in Geestland bei Cuxhaven –, bis in die Ostukraine haben die Schuhe dann mehr als 2.700 Kilometer zurückgelegt.

Noch mehr Kilometer dürften die Sommersandalen aus Saarburg-Beurig auf dem Buckel haben, ähnlich wie in Laupheim konnte sich die Kolpingsfamilie St. Marien Saarburg-Beurig vor Spenden kaum retten. Das Bemerkenswerte: Rund 1.000 Paar Schuhe kamen an nur einem einzigen Abgabetag zusammen: „Unser Gruppenraum im Pfarrheim war schon nach kurzer Zeit völlig überfüllt“, fasst Herbert Johannes von der Kolpingsfamilie das Geschehen zusammen. Auch aus Saarburg-Beurig wurden die Schuhe deshalb palettenweise abtransportiert. Die leichten Sommerschuhe aus der Sammlung landen momentan mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Containerschiff nach Chile. Wenn sie dann in den Städten Los Ángeles oder Curepto ankommen – auch hier betreibt East-West Textilrecycling eigene Läden – , haben sie mehr als 14.000 Kilometer zurückgelegt.

Man könnte nun kritisieren, dass die Schuhe ja gar nicht immer bei Bedürftigen landen, wenn sie in Chile in schicken Läden weiterverkauft werden. Um sicherzugehen,dass die Spende tatsächlich an Bedürftige geht, sollte man dann nicht lieber direkt an Kleiderkammern spenden? Dazu Kowoll: „Jede Kleiderkammer, die ich kenne, platzt aus allen Nähten. Wir bekommen auch Altkleider aus Kleiderkammern, denn die haben auch nicht unendlich Platz und bekommen ja auch ständig neue Spenden.“ Der überwiegende Teil der Schuhe aus der Schuhaktion lande in Chile, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern, darunter Polen, Tschechien, Russland, Albanien und Rumänien. Ein Teil gehe auch nach Afrika und Einzelschuhe – die es bei der Schuhaktion aber nicht gab – landeten sonst in Pakistan. Einzelschuhe? Ja, richtig gelesen. Denn in Pakistan gibt es Sortierwerke, in denen Händler damit beschäftigt sind, nicht nach gleichen Paaren, sondern nach gleichen Größen suchen. „Wenn man sich klar macht, dass sich ein Landwirt aus Pakistan schon über ein unterschiedliches Paar gleich großer Schuhe freut und wir hier Schuhe als modisches Accessoire begreifen, dann werden einem die Unterschiede in unserer Welt sehr deutlich vor Augen geführt“, sagt Stephan Kowoll.

Und, was passiert denn mit kaputten oder sehr stark verdreckten Schuhen? „Die werden als Sekundärbrennstof fgenutzt“, Kowoll hat auf alles eine Antwort und er erklärt: „Hier gibt es sehr genaue Regeln und Auflagen, die streng einzuhalten sind.“ Der Zweck von Sekundärbrennstoffen ist es, Primärbrennstoffe wie beispielsweise Erdöl zu sparen und stattdessen andere Dinge zu verbrennen. Üblich ist das zum Beispiel in Zementwerken, wo kaputte, nicht mehr tragbare Schuhe als Brennstoff verwendet werden.

Und, warum gehen fast alle Kleiderspenden ins Ausland? In Deutschland konsumieren die Menschen immer schneller und immer mehr Mode. Diesen Trend kann Stephan Kowoll auch an der Zusammensetzung der Altkleider ablesen: In den letzten Jahren habe die Qualität abgenommen, die Menge sei allerdings gestiegen. Ein Negativtrend: „Aus einem Kunstfaser-T-Shirt, das original nur 2,99 Euro kostet, kann man manchmal noch nicht mal mehr Industrieputzlappen fertigen“, erklärt er. Und da Deutschland kein Second-Hand-Land ist – nur zwei Prozent der Altkleider, die East-West Textilrecycling verkauft, finden in Deutschland einen Absatzmarkt – wird ins Ausland exportiert.

Ein Negativtrend: In Deutschland konsumieren die Menschen immer schneller und immer mehr Mode. In den letzten Jahren habe die Qualität von Altkleidern abgenommen, die Menge sei allerdings gestiegen.

Dass Textilrecycling nachhaltig ist, leuchtet ein. Alleine bei der Herstellung einer Jeans werden 8.000 Liter Wasser verbraucht. Wiederverwendung spart Ressourcen, selbst bei längeren Transportwegen ist die CO2-Bilanz um ein vielfaches positiver. Was ist aber mit dem Argument, dass der Import von Gebrauchtkleidung in Schwellenländer deren eigene Textilindustrie schwäche? Kowoll entgegnet dem, dass es in vielen Exportländern keine Textilindustrie gebe, zu denen die Altkleider in Konkurrenz träten. In Afrika beispielweise würden vielerorts traditionelle Kleidungsstücke gefertigt, Ware von der Stange hingegen kaum. Kowoll betont, dass der Handel mit recycelten Textilien Jobs schaffe, statt Jobs zu mindern: In Afrika lebten 30 Prozent der Bevölkerung durch den Handel mit Gebrauchtkleidung.

Und, wie lautet nun die finale Antwort? Tut mein Schuh wirklich gut? „Ganz klar ja, und zwar auf unterschiedliche Weise“, erklärt Stephan Kowoll. „Textilrecycling ist ressourcensparend, schafft Jobs und wenn eine Sammlung nicht kommerziell, sondern wie bei uns einen gemeinnützigen Charakter hat, gleich doppelt effizient: Die mit den Gewinnen erzielten Spendengelder kommen mit tollen Projekten bedürftigen Menschen zugute – mein Schuh tut also selbst dann gut, wenn er in einem Schuhladen in Chile an einen modebewussten Käufer geht.“

 

Text: Lea Albring
Fotos: Kolping Recycling, Monika Grünewald