Für Sarah Forst fängt gelebter Glaube schon im Alltag an. Faire Produkte zu kaufen und das Klima zu schützen, seien da nur einige Beispiele, die zur Bewahrung der Schöpfung beitragen können.

Vieles ist momentan darauf ausgelegt, uns noch schneller und effizienter zu machen. Laut Katharina Giese und Johannes Koch ist es deshalb umso wichtiger, sich zwischendurch auf das wirklich Wichtige zu besinnen. Der Glaube kann hier ein roter Faden sein.

Daniel Gewand sammelt Erfahrungen mit einem Glaubensprojekt für junge Erwachsene. Er findet nicht, dass Religiosität das Problem ist - vielmehr die Art und Weise der Glaubenserfahrung.

"Positive Glaubenserfahrungen sind wichtig, damit die Jugendlichen widerkommen", ist sich Annabel Gremm sicher. Vor allem die Gemeinschaft in Jugendgruppen sei hierbei ein überzeugender Aspekt.

Kolpingmagazin

Kirche ist voll uncool?!

Der Glaube an Gott verliert unter Jugendlichen immer stärker an Bedeutung. Wer sonntags in die Kirche geht, ist oftmals der einzige Jugendliche weit und breit. Doch macht ein Leben ohne Religion wirklich glücklich?

Am Decksteiner Weiher in Köln sitzen junge Erwachsene gemeinsam am Wasser und feiern Gottesdienst. Vorhin hat es noch geregnet, doch jetzt erinnert daran nur noch der Duft von feuchtem Gras, der in der Luft liegt. Während die Gruppe den Worten von René Fanta, Präses vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Köln, lauscht, schnattern im Hintergrund fröhlich die Enten. Auch ein paar neugierige Schwäne verfolgen das ungewohnte Treiben aus sicherer Distanz. Als sich die kleine Gemeinde schließlich im Kreis aufstellt, um die Kommunion zu empfangen, reißt plötzlich der Himmel auf und die Sonne strahlt mit voller Wucht. In diesem Moment macht sich bei allen eine Gänsehaut breit.

Ganz so zwanglos und entspannt wie zur Waldmesse der Kolpingjugend im Diözesanverband Köln kommen Jugendliche und Kirche leider nur noch selten zusammen. Denn Religion verliert unter Jugendlichen in Deutschland stetig an Bedeutung. So ist es mancherorts schon fast ungewöhnlich, katholisch zu sein und seinen Glauben aktiv zu leben. Da kann es schon mal schwer fallen, vor den Altersgenossen für die eigenen Überzeugungen und das persönliche Engagement in der Kirche einzustehen. Zahlen aus der aktuellen Shell Jugendstudie bestätigen das:

Nur noch rund jeder dritte katholische Jugendliche in Deutschland stuft den Glauben an Gott als wichtig für sein eigenes Leben ein.

Von denen, die sich selbst als gläubig bezeichnen, ist die klare Mehrheit von 75 Prozent der Meinung, dass sich die katholische Kirche dringend verändern und zukunftsfähiger werden muss. Kein Wunder also, dass acht von zehn Jugendlichen in Deutschland kein oder nur sehr wenig Vertrauen in religiöse Institutionen haben. Das zeigt zumindest „Generation What?“, eine weitere unter zahlreichen aktuellen Studien zu diesem Thema.

Für zahlreiche Menschen ist es angesichts dieser Zahlen ein großes Anliegen, alternative Formen des Glaubens sowie zeitgerechte Angebote für die Jugendlichen vor Ort zu schaffen.

"Wir wollen die Kirche für Jugendliche und junge Erwachsene neu gestalten und ein bisschen entstauben",

sagt zum Beispiel Sarah Forst aus dem Organisationsteam der Waldmesse. „Denn Jugendliche machen in der Kirche heutzutage oftmals nicht mehr die Erfahrungen, die sie angesichts der vielen neuen Herausforderungen im jugendlichen Alltag wirklich brauchen.“ Für die 24-Jährige sei ein solcher Schlüsselmoment beispielsweise eine Wallfahrt nach Taizé gewesen. Hier sitze man sonntags jedoch oftmals in der Kirche und frage sich, was die Predigt nun eigentlich mit dem zu tun habe, was einen im Alltag momentan beschäftigt: „Die meisten Inhalte haben wir so doch schon tausend Mal gehört!“

Daniel Gewand, Pastoralreferent in Coesfeld, sieht das ähnlich: „Wir haben ein Problem, weil wir es aktuell nicht schaffen, unseren Gott so zu verkünden, dass er für Jugendliche und junge Erwachsene relevant ist.“ Wenn man den 34-Jährigen nach den Gründen hierfür fragt, zeigt er dazu zwei verschiedene Perspektiven auf. Zuerst kämen die klassischen Argumente in den Sinn: Die medialen Skandale der letzten Jahre – seien es Missbrauch oder Finanzen – und vielleicht auch eine gefühlte Modernisierungsverweigerung hätten dafür gesorgt, dass die katholische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung insgesamt nicht besonders gut wegkommt. An zweiter Stelle nennt er dann die Art und Weise, wie die Kirche vor Ort erlebt wird. So kämen Jugendliche und junge Erwachsene im Laufe des Lebens immer wieder mit der Kirche in Berührung. Das könne die Erstkommunion, die Firmung oder auch eine Hochzeit im Verwandtschafts- oder Freundeskreis sein. Wenn sich kirchliche Mitarbeiter in diesen seltenen Momenten dann schlichtweg schlecht verkaufen und zumeist Inhalte ansprechen, die für junge Menschen mehrheitlich uninteressant sind, sei das ein großes Problem: "Die kommen dann nämlich nicht wieder."

In der Waldmesse serviert René Fanta den Jugendlichen deshalb keine Fertigkost, sondern versucht Räume zu schaffen, in denen sie sich öffnen und über ihr eigenes Verhältnis zu Gott nachdenken können. Doch leider lassen sich Jugendliche gar nicht mehr so richtig darauf ein, meint Katharina Giese beim gemeinsamen Grillen nach dem Gottesdienst. Angesichts der zahlreichen digitalen Medien würden viele junge Menschen vergessen, sich ab und an mal nur auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„In unserer schnelllebigen Welt, in der man dem perfekten Lebenslauf hinterherjagt und ständig unter Druck steht, gibt es so viele Optionen, dass man sich kaum mehr orientieren kann“, sagt die 27-Jährige. Dabei könnten gerade Glaube und Kirche einen Rückzugsort bieten, der zum Innehalten einlädt. Doch dieses Potential bleibe häufig ungenutzt. Als Erzieherin könne sie den Kindern noch so viel über Gott erzählen, wenn der Gedanke Zuhause in der Familie nicht weiter vertieft werde, bringe das alles nichts:

"Glaube und Religion müssen vorgelebt werden!"

Umso wichtiger sei die Arbeit von Jugendverbänden, die näher am jugendlichen Leben sind und Glauben in Gemeinschaft feiern.
Auch Johannes Koch ist zum Waldgottesdienst gekommen. Als evangelischer Gläubiger wundert er sich immer wieder, wie strukturiert und fast schon streng Gottesdienste in der katholischen Kirche ablaufen. „So eine Messe in der Natur ist da schon eine tolle Abwechsung“, meint der 25-Jährige. Neben der Örtlichkeit kommen für eine gelungene Ansprache von jungen Menschen laut Daniel Gewand jedoch noch viele andere Aspekte zusammen – zum Beispiel die Musik und die Sprache im Gottesdienst. Sind die genutzten Bilder und Texte für Jugendliche und junge Erwachsene ansprechend? Ist die Uhrzeit passend? Treffe ich dort meinesgleichen? „Ich würde da oftmals viele Fragen mit nein beantworten“, stellt er abschließend fest.

Nichtsdestotrotz hat der Wiedererkennungswert von Liturgie auch etwas Gutes. Denn egal wo man ist, an einem katholischen Gottesdienst kann man meist problemos teilnehmen. „Wenn ich weiß, was mich erwartet, ist das schon ein Stück Heimat“, meint auch Annabel Gremm. Die 25-Jährige ist gerade neu nach Köln gezogen und zur Waldmesse gekommen, obwohl sie hier noch niemanden kennt. Obwohl sie sich selbst nicht als den typischen Kirchgänger bezeichnen würde, findet Annabel das Individuelle im Glauben sehr wichtig und nimmt außergewöhnliche Glaubensangebote wie die Waldmesse gerne wahr:

"Draußen in der Natur denkt man viel stärker über Inhalte nach und kann Gott viel besser erfahren."

Genau diese unkomplizierte Art der Gotteserfahrung ist es, die auch Daniel Gewand umtreibt. Als Initiator eines Projektes mit dem Titel frei.raum.coesfeld versucht er in unkonventioneller und gleichzeitig lebensnaher Form einen Ort des Glaubens speziell für junge Erwachsene zu schaffen. So bietet er zum Beispiel zusammen mit einem Trainer kick&punch bei Sport im Park in Coesfeld an und nimmt auch selber an den Sportkursen teil. An anderen Tagen der Woche steht er jungen Erwachsenen für Feierabendgespräche zur Verfügung. So haben diese die Möglichkeit, ihre Sorgen mit ihm zu teilen, sie können ihm aber auch Fragen stellen und Anregungen geben. Das Format des freien Gesprächsangebotes hat Daniel Gewand bereits an verschiedenen Stellen getestet, zum Beispiel auf einem Rockfestival und mitten auf dem Coesfelder Marktplatz. Die allgemeine Resonanz sei bisher durchweg gut: „Ich sitze schon auch mal alleine da, aber die meiste Zeit führe ich wirklich tolle Gespräche.“

Es müsse für junge Erwachsene möglich sein, die Kirche schnell und vor allem unkompliziert zu kontaktieren. Sein Ziel sei es bei allen Bemühungen jedoch nicht, junge Erwachsene sonntags in die Kirche zu locken:

"Vielmehr möchte ich Jesus Christus so verkündigen, wie ich ihn selbst erfahre. Als jemanden, der mein Leben bereichert."

Und dafür gebe es nun mal verschiedene Ausdrucksformen, von denen die Eucharistiefeier nur eine einzelne sei. Deshalb gelte es, stets von A bis Z ordentliche Arbeit zu leisten – seien es Bibel-Abende, christliches Speed-Dating oder auch das kirchliche Engagement für Flüchtlinge in der Stadt. „Dafür muss man aber rausgehen, um wieder in Kontakt mit jungen Menschen zu kommen und in ihrer direkten Lebensumgebung zu erfahren, welche Themen sie gerade bewegen“, ist sich Daniel Gewand sicher. Von alleine komme keiner mehr. Das sei aber auch nicht weiter tragisch, schließlich wurde das Evangelium früher auch direkt zu den Menschen gebracht: „Jesus war ein Wanderprediger! Der hat sich auch nicht einfach hingestellt und gewartet, dass jemand von sich aus mit ihm spricht.“

So ist es für die Kirche vermutlich noch ein weiter Weg. Auch wenn es bereits viele Menschen gibt, die in Bezug auf die Ansprache von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wichtige Pionierarbeit leisten. „Nun müssen wir in der Amtskirche und den Verbänden diese Pioniere aber auch mal machen lassen und akzeptieren, dass die Kirche nun mal sehr heterogen aufgestellt ist und den Menschen verschiedene Angebote machen muss“, fordert Daniel Gewand. Pionierarbeit heiße nämlich immer auch, scheitern zu dürfen.

Und so machen sich auch die Teilnehmenden der Waldmesse nach einem gemütlichen Ausklang in der strahlenden Abendsonne wieder auf den Weg nach Hause – gestärkt von der Gemeinschaft und mit vielen neuen Ideen für Gott und die Welt.

 

Text: Franziska Völlinger
Fotos: Barbara Bechtloff

 


Die Kirche braucht die Zweifel der Jugend

Auch die Kolpingjugend diskutiert darüber, wie Kirche und Jugend in Zukunft wieder stärker zusammenfinden können. Dazu sagt Bundesjugendsekretärin Magdalene Paul: 

"Weder Kirche noch Jugend können ohne einander. (...) Da sind neue Formen des Glaubens – wie beispielsweise eine Waldmesse – willkommene Lichtblicke, die frische und begeisternde Glaubenserfahrungen für Jugendliche ermöglichen. (...) Inmitten der Diskussion ist eines jedenfalls sicher: Jugendverbände sind Kirche! Und in der Kolpingjugend lädt uns unser spiritueller Auftrag dazu ein, uns um die Sorgen und Nöte junger Menschen zu kümmern. (...) Für mich steht fest, dass in der Beantwortung von Fragen und Anregungen, die Jugendliche an uns herantragen, eine große Chance liegt. Eine Chance, die uns hinführt zu einer Kirche, die wieder wachsen kann und eine Zukunft hat, weil junge Menschen in ihr einen Ort haben."

Den kompletten Kommentar kannst Du auf der Facebookseite der Kolpingjugend Deutschland nachlesen. Sag uns dort auch gerne Deine Meinung zum Thema.