Franz Müntefering war der erste Referent der Fachtagung.

Dem ehemaligen Spitzenpolitiker merkte man nicht an, dass er bereits 76 Jahre alt ist.

Als Dankeschön überrreichte Rosalia Walter dem Referenten ein Buchgeschenk.

Bundespräses Josef Holtkotte überreichte dem BAGSO-Bundesvorsitzenden Franz Müntefering sein neu erschienenes Buch „Nie aufhören zu leben – Das Älterwerden annehmen“. Es ist im Kolping-Shop zum Preis von 12,90 Euro (zzgl. Porto und Verpackung) erhältlich. Bestellungen: Im Internet auf www.kolping-shop.eu oder telefonisch unter (0221) 20701-228.

Bundesebene

Geschenkte Jahre sinnvoll nutzen

Der Bundesfachausschuss „Kirche mitgestalten“ hat dazu eingeladen, die länger werdende Spanne des Alters bewusst zu gestalten.

„Unsere Gesellschaft wird immer älter. Die sogenannten ,geschenkten Jahre’ bedeuten zum einen Freude über neue Möglichkeiten einer frei zur Verfügung stehenden Zeit; sie bieten gleichzeitig Chancen, unseren Glauben im guten Sinne missionarisch zu verkünden und das Christsein mit Kopf, Herz und Hand aktiv zu leben“, so Rosalia Walter, Vorsitzende des Bundesfachausschusses „Kirche mitgestalten“. Zwei Tage lang haben sich 50 Engagierte des Kolpingwerkes mit dem Thema „Geschenkte Jahre – Freude und Auftrag zugleich“ befasst. Insgesamt vier Referate beleuchteten dieses Thema.

„Demokratie hat keinen Schaukelstuhl! Egal, ob jemand 40 oder 80 Jahre alt ist: Solange wir klar im Kopf sind, tragen wir Verantwortung.“ Franz Müntefering, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), appellierte an die ältere Generation, sich nicht zu sehr zurückzuziehen. Und er rief auf zu einem „Leben, das in Bewegung bleibt und andere bewegen kann“.

Für die Wahrung von Demokratie und Menschenwürde hätten sich frühere Generationen anstrengen müssen. Auch weiterhin sei ein solcher Einsatz erforderlich, nichts falle vom Himmel. Nach dem Ende des Kommunismus habe sich der falsche Eindruck gebildet, die Welt sei automatisch auf dem Weg zu mehr Demokratie und Sozialstaat. Dies sei eine Illusion gewesen. „Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. Wir können mitbestimmen. Wir sind weder allmächtig noch ohnmächtig.“ Ausnahmslos alle Bürger seien aufgefordert zu fragen: „Was müssen wir heute tun, damit es morgen gut weitergeht?“

Die Gestaltung des demografischen Wandels gehöre dazu. Der BAGSO-Vorsitzende wandte sich allerdings gegen eine pessimistische Sichtweise und wies darauf hin, dass eine steigende Lebenserwartung erfreulich sei und nur ein geringer Anteil älterer Menschen pflegebedürftig sei.

„Sind die Alten weise und klug?“ Franz Müntefering sah keinen Bonus und gab seine Antwort ganz nüchtern: „Das ist keine Frage des Alters. Es gibt vernünftige Alte und vernünftige Junge – und umgekehrt, Hauptsache, die Richtigen setzen sich durch.“ Das ist für ihn ein Grund zu dem Aufruf, „dass die Generationen miteinander reden“. Er glaube auch nicht an einen „Krieg der Generationen.“ Die Konfliktlinien verliefen nicht zwischen jung und alt, sondern zwischen gebildet und ungebildet, reich und arm, gesund und ungesund. Dass eine gut ausgebildete junge Generation nachwachse, sei allerdings im Interesse der Alten zur nachhaltigen Wohlstandssicherung in Deutschland.

Gesundheit – ein wichtiges Thema im Alter. „Ich bin gegen eine Gesundheits-Zwangspolitik. Der Staat soll nicht darüber bestimmen, wie wir zu leben haben“, betonte Franz Müntefering. Aber er wies deutlich auf mehrere Bedingungen hin, die zur Gesundheit im Alter beitragen: Ernährung, Bewegung und angemessener Umgang mit Gesundheitsrisiken, zum Beispiel Alkohol und Rauchen, sowie die Vermeidung von Einsamkeit.

Ihn erschüttere, dass sich eine Magenverkleinerung als der operative Eingriff mit dem prozentual höchsten Wachstum entwickelt habe. Und trotz des vermeintlich steigenden Gesundheitsbewusstseins sei körperlicher Stillstand weit verbreitet. „Das ist schlecht für den Kopf.“ Bewegung rege die Durchblutung des Gehirns an. Franz Müntefering machte sich aber nicht zur Werbeikone für Fitnessstudios, sondern forderte beispielsweise zu längeren und intensiven Spaziergängen auf, weniger zum Training für eine Olympiateilnahme.

Am besten sei es, Bewegung mit Begegnung zu kombinieren. Einsamkeit sei eine verbreitete, aber unterschätzte Krankheit. Der frühere Spitzenpolitiker fügte schmunzelnd hinzu: „Das könnte einer der Gründe sein, warum Frauen eine höhere Lebenserwartung haben.“ Als positives Beispiel berichtete er von einer Gruppe von Senioren, die sich täglich treffen. Wer nicht komme, werde besucht oder angerufen. Ein solch guter Kontakt sei vorbildlich. Im Alter seien nicht wenige Menschen sehr wählerisch und hielten ihre Altersgenossen für „alt“ oder „komisch“. Das dürfe kein Grund sein, Geselligkeit zu vermeiden, betonte der 76-jährige BAGSO-Vorsitzende. Im Alter komme der Bereitschaft zur Begegnung eine große Bedeutung zu.

Seine Aufforderung zum Leben im Alter: gesund, selbstbestimmt, materiell gesichert und solidarisch sein.

Am Samstag fanden im Rahmen der Fachtagung drei Workshops statt, die von Monsignore Alois Schröder, Ehrenbundespräses des Kolpingwerkes Deutschland, Sr. Johanna Domek OSB, ehemalige Priorin des Benediktinerinnenklosters von der Ewigen Anbetung in Köln, und Bundespräses Josef Holtkotte als Referenten gestaltet wurden.

„Gott, du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ – Mit den Worten des heiligen Augustinus startete Alois Schröder und betonte die Sehnsucht und das Streben nach Vollkommenheit als Ziel menschlichen Lebens. Jeder dürfe dabei auf die Hilfe Gottes und der Kirche vertrauen, besonders die Unterstützung der Heiligen und Seligen sei gewiss. Ganz besonders diene also auch der vor 25 Jahren selig gesprochene Adolph Kolping als Mut machendes Vorbild für unseren Lebensweg, der 1837 in sein Tagebuch eintrug: „Zufriedenheit will ich in dem Gedanken suchen, alles getan zu haben, was meine Kräfte und mein Wirkungskreis verlangte.“ Kolping fordere uns auf, das Bild auszuprägen, das Gott unverwechselbar in jeden von uns als sein Abbild hineingelegt habe. Bildung sei wichtiger Dienst an der Menschwerdung zur Entfaltung der individuellen Persönlichkeit und Fähigkeiten. Außerdem seien Kolpings leidenschaftliche Menschenliebe und Barmherzigkeit beispielhaft auf dem Weg zur Vollkommenheit des eigenen Lebensweges.

Auch Sr. Johanna Domek OSB sieht die Liebe Gottes und der Menschen untereinander zusammen mit der Begegnung mit Christus als Kern menschlichen Lebens, von dem wir alle ein Teil seien. Mit Blick auf die Realität im Ordensalltag berichtet die Schwester, dass zur Deutschen Ordensobernkonferenz etwa 430 Ordensgemeinschaften zählen würden, allerdings gebe es derzeit insgesamt nur etwa 500 Novizen. Im Zuge des steigenden Durchschnittsalters sei das viel zu wenig Nachwuchs, um weiterzumachen wie bisher. Daher macht sie Mut zu Veränderungen und fordert die Orden auf, Wände und Räume eingesessener Strukturen zu überwinden und einen Aufbruch in Unbekanntes zu wagen.

Bundespräses Josef Holtkotte berichtete ausführlich von seiner jahrelangen Brieffreundschaft mit der 2009 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Ordensfrau Sr. Consuelo Fissler OP, die als gebürtige Deutsche den größten Teil ihres Lebens in den USA verbracht hat und dort unter anderem als Krankenhausseelsorgerin tätig war. Für sie sei das bewusste (Er-)Leben des sogenannten „Diminishment“ Handlungsmaxime in jeder Lebensphase gewesen. Die englische Vokabel bedeute übersetzt „Geringerwerden“ und klinge zunächst wenig ermutigend, doch Sr. Consuelo sah darin eine große Chance für die zukünftige Betrachtung des Lebensweges. „Diminishment“ solle nie als unveränderlicher passiver Prozess, sondern als bewusst und aktiv steuerbare Tatsache verstanden werden. Man habe keinen oder kaum Einfluss darauf, dass und unter welchen Bedingungen man älter werde, aber beinflussbar bleibe auch im Alter die Haltung zur Welt, zur Gesellschaft und zum Älterwerden selbst. Daher sei „Diminishment“ nie Abwertung eines Menschen, sondern immer herausfordernde Bestärkung des eigenen Menschseins. Die Fähigkeit des tiefgründigen Sehens, des inneren Wahrnehmens bleibe auch beim Geringerwerden erhalten und gebe Kraft in allen Veränderungen und Vertrauen in mancher Schwachheit.

Josef Holtkotte ermutigte auch dazu, belastende Lebenserfahrungen als Möglichkeiten zu sehen, die das eigene Leben weiterbringen können, auch wenn das viel Kraft und Haltung abverlange. Jeder könne im Rahmen seiner eingeschränkten Möglichkeiten seinen wichtigen und wertvollen Beitrag für die Gesellschaft in der Welt leisten, sei er noch so klein. Die biblische Erzählung von der armen Witwe (Mk 12,41-44) mache dies deutlich. In unserer Zeit, in der Menschen depressiv und krank werden, in der sie überlastet sind und keine Zukunft sehen, gelte es, Mut zu machen und den Pessimismus anderen zu überlassen. Dazu brauche es die Älteren, die Mut und Hoffnung aus ihrer eigenen Lebenskraft schöpfen und weitergeben könnten, ohne dabei die schwierigen Lebensfragen nach Krankheit, Einsamkeit, Glaubenslosigkeit oder Tod einfach zu übertünchen. Auch Adolph Kolping erkannte schon: „Die Zukunft gehört Gott und den Mutigen.“

Mit einem eigenen Text aus seinem neu erschienenen Buch machte der Bundespräses deutlich, dass es immer auf die Perspektive ankomme, mit der man sich einer Thematik stelle. Von oben nach unten gelesen stehe pessimistisches Reden im Vordergrund, während der Text von unten nach oben gelesen Mut und Trost spende – ganz im Sinne von Sr. Consuelo, deren Ordensname sicher nicht zufällig „Trost“ bedeutet.

 

¯      Das Geringerwerden ist ein Teil meines Lebens.

¯      ­ Nein, Tatsache ist,

¯      ­ dass Lebensqualität nicht mehr vorhanden ist.

¯      ­ Ich denke nicht,

¯      ­ dass Freude möglich ist,

¯      ­ dass der respektvolle Umgang immer bestehen bleibt,

¯      ­ dass unser Miteinander ein neues Gesicht erfährt.

¯      ­ Die Wahrheit ist,

¯      ­ dass die Älteren keine Zukunft haben.

¯      ­ Ich weigere mich zu glauben,

¯      ­ dass Geringerwerden Stärke hervorbringt, die über uns selbst hinausreicht

¯      ­ und

¯      ­ dass meine eigene Haltung auch andere verändert.

¯      ­ Es ist doch ganz klar,

¯      ­ dass Leid und Vergänglichkeit zu übermächtig sind,

¯      ­ dass negative Sichtweisen nicht zu überwinden sind.

¯      ­ Dass das Schmerzvolle niemals zu besiegen sein wird.

¯      ­ Ich kann unmöglich glauben,

¯      ­ dass Einstellungen sich in der Zukunft zum Heilvollen wenden,

¯      ­ dass jeder Mensch seine Würde hat.

¯      ­ Es wird sich herausstellen,

¯      ­ dass der Glaube nicht helfen kann,

¯      ­ und du liegst falsch, wenn du glaubst,

¯      ­ Der Glaube kann.

¯      ­ Ich bin davon überzeugt:

¯      ­ man kann Dinge nicht verändern.

¯      ­ Es wäre eine Lüge, würde ich sagen:

­¯      Christus ist Gottes Antlitz in der Welt.