Auch Adolph Kolping reiste durch Europa.

Kolpingmagazin

Europa auf Schienen entdecken

Wenn die Sommermonate näher rücken, sieht man sie an Bahnhofsgleisen überall in Europa stehen: junge Erwachsene mit großen Rucksäcken auf den Schultern, dem Interrail-Pass in den Händen und einem breiten Grinsen im Gesicht.

Ab ins Abenteuer! So lautet die Devise vieler Jugendlicher, die ihre Zeit vor neuen Herausforderungen – zum Beispiel zwischen Abitur und Studium – oder einfach nur die Ferien sinnvoll verbringen wollen. Seit der Geburtsstunde des Interrail-Passes vor mittlerweile 45 Jahren sind auf diese Weise bereits Millionen junger Europäer kreuz und quer über den Kontinent gereist und haben die Idee vom vereinten Europa hautnah erlebt.

Doch was genau ist Interrail eigentlich? Der sogenannte Interrail-Pass ist ein Zugticket, mit dem Du nach Belieben durch 30 europäische Länder reisen kannst. Wer sich auf große Interrail-Reise begeben möchte, hat jedoch zunächst einmal die berühmte Qual der Wahl. Zuerst musst Du nämlich entscheiden, ob Du nur ein einzelnes Land oder direkt ganz Europa kennenlernen möchtest. Für beide Optionen stehen dann wiederum unterschiedliche Zeitvarianten zur Auswahl. Ob Du nur an bestimmten Tagen oder während des gesamten Zeitraums Zug fährst, macht oft einen erheblichen Preisunterschied.

Für rund 300.000 junge Europäer, die jährlich einen Interrail-Pass kaufen, dürfte der Preis jedoch nicht der ausschlaggebende Punkt sein. Vielmehr geht es ihnen um das Kennenlernen fremder Kulturen und das gemeinschaftliche Interrail-Feeling, von dem die Jugendlichen gerne berichten. „Weil ich mit regionalen Zügen unterwegs war, bin ich oft mit Einheimischen ins Gespräch gekommen und habe gute Tipps abseits der touristischen Sehenswürdigkeiten bekommen“, berichtet zum Beispiel die 19-jährige Stephanie von ihrem letzten Interrail-Trip durch den europäischen Südwesten.

Es gibt so etwas wie einen gemeinsamen Interrail-Spirit

Auch die Interrailer untereinander bilden eine tolle Gemeinschaft, weiß die Studentin aus Wien zu berichten: „In den Zügen finden sich häufig neue Reisegruppen zusammen, die dann vor Ort gemeinsam auf Entdeckungstour gehen.“ Vor allem kleinere Ortschaften entlang des Weges haben es der Bloggerin (stephidrexler.com) angetan. Sie sind mit dem Flugzeug meist nur schlecht zu erreichen und fallen deshalb oft als potentielle Reiseziele weg. Und das obwohl sie viel zu bieten haben! So ist es ein großer Vorteil des Interrail-Passes, dass man unterwegs immer wieder ein- und aussteigen kann. „Man sagt doch immer, dass der Weg das Ziel ist“, meint Stephanie.

Auch die 22 Jahre alte Kerstin hat auf ihrem Interrail-Trip durch Spanien viele Menschen getroffen. Vom Piloten aus Bogotá, über einen französischen Schriftsteller, bis hin zu Geschäftsleuten war alles dabei. „Zu einigen habe ich heute noch Kontakt, und neulich wurde ich sogar in Münster besucht“, erzählt die Studentin.

Kerstins Entscheidung für eine Reise mit Interrail war nach ihrem Bachelorabschluss relativ spontan gefallen. Um eine noch engere Verbindung zu Land und Sprache zu bekommen, entschied sich Kerstin dafür, statt in Hotels lieber auf den Sofas regionaler Gastgeber zu übernachten. Da sie alleine unterwegs war, achtete sie beim sogenannten Couchsurfing jedoch immer auf die Sicherheit und informierte ihre Eltern stets über die Adressen der Gastgeber.

Rückblickend findet Kerstin, dass ihr das Alleinreisen mit Interrail unglaublich viel gebracht hat. „Ich habe alles selbst organisiert und musste mich oft durchsetzen, weshalb ich heute viel mehr Selbstvertrauen habe“, sagt sie. Auch in puncto Offenheit gegenüber fremden Menschen legt sie Interrail anderen Jugendlichen ans Herz. Die Reise durch Spanien hat Kerstin sogar so gut gefallen, dass sie demnächst ein Erasmus-Semester in Granada verbringen wird.

Interrail kann die persönliche Entwicklung fördern

Ein großer Interrail-Fan ist auch Daniel aus der Schweiz. Seitdem der 21-Jährige vor zwei Jahren zu seiner ersten großen Zugreise aufgebrochen ist, hat er schon vier weitere Interrail-Trips in verschiedene Ecken Europas unternommen. Wenn der Auszubildende in den Ferien loszieht, versucht er das geschäftige Treiben in Großstädten mit der Ruhe abgelegener Landschaften zu verbinden. Als Hobby-Fotograf kann er so die Vielfalt Europas festhalten: „Europa ist so facettenreich wie kaum ein anderer Kontinent auf so kleinem Raum.“

Daniel denkt zum Beispiel gerne an seine erste Fahrt mit dem Nachtzug zurück, die er zusammen mit seiner Freundin an einem kleinen Bahnhof mitten im italienischen Nirgendwo angetreten hat. Als er nach einer überraschend ruhigen Nacht die Augen aufschlug, fiel sein Blick auf das türkisblaue Meer in der Morgensonne. „Man ist immer wieder überrascht, wie schön Europa doch ist“, schwärmt Daniel noch heute.

Dass genau solche Erlebnisse die europäischeJ ugend näher zusammen bringen, davon ist Martin Speer – Mitbegründer der Initiative #FreeInterrail – überzeugt. Mit seinem Team setzt sich der 30-jährige Berliner deshalb dafür ein, dass jeder Europäer zum 18. Geburtstag einen kostenlosen Interrail-Gutschein erhält. „Nur so können Jugendliche hautnah erleben, was es heißt, Europäer zu sein“, sagt Martin. In Zeiten von Rechtspopulismus und wachsender Europa-Skepsis sei dies wichtiger denn je.

Und wie so viele schöne Geschichten enstand auch die Idee für #FreeInterrail auf der Schiene. „Auf unserer Interrail-Reise waren wir berührt davon, wie großherzig die Menschen in ganz Europa sind“, erinnert sich Martin. Diese Erfahrung wünscht er sich für alle jungen Europäer, denn oftmals seien die Vorteile der politischen Gemeinschaft nur aus der grauen Theorie bekannt.

Junge Interrailer wie Daniel können das nur bestätigen: „Wenn man Freunde in ganz Europa hat, hinterfragt man politische Entwicklungen im Heimatland ganz automatisch.“ Auch Stephanie glaubt, dass offene Grenzen für viele junge Menschen viel zu selbstverständlich geworden sind.

Auf Interrail-Reise wird die europäische Idee greifbar

Besonders schade ist es deshalb, dass die EU-Kommission #FreeInterrail vorübergehend auf Eis gelegt hat. Laut Martin ist die Idee allerdings noch nicht vom Tisch, denn das EU-Parlament muss nach wie vor darüber diskutieren. „Das ist das normale Ringen um eine große Idee“, versichert er.

 

 

Auch Adolph Kolping war in der Welt zu Hause
Auch Adolph Kolping war ein wahrer Weltenbummler und hat während seiner aktiven Jahre weite Reisen zu seinen Gesellen in ganz Europa unternommen. Die längste Reise führte ihn im Jahr 1856 sogar bis nach Budapest. Für den Weg dorthin nahm er sich genügend Zeit, um auch mal auszusteigen und die Umgebung besser kennenzulernen. Dass er gerne unterwegs war, wissen wir aus den vielen Reiseberichten, die er über die verschiedenen Länder verfasst hat. Mit seinen Texten wollte Adolph Kolping den Menschen zu Hause die weite Welt ein bisschen näher bringen. Es war ihm wichtig, dass auch seine Mitbürger über den Tellerrand hinausschauen und Verständnis für andere Kulturen entwickeln.

 

Die Kolpingjugend bezieht Stellung
Auch die Kolpingjugend beschäftigt sich mit der Diskussion um die #FreeInterrail-Idee. Dazu sagt der jugendpolitische Bildungsreferent Alexander Suchomsky:
„Damit junge Menschen überzeugte Europäer werden und bleiben, muss die Europäische Union Wege finden, sie direkt zu erreichen. (...) Mit einem Gutschein für ein kostenloses Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag könnte Europa auch jenen näher gebracht werden, denen der Zugang zu Austauschprogrammen wie Erasmus aus verschiedenen Gründen versperrt bleibt. (...) Denn Europa muss auf Dauer mehr als ein Projekt sein, das in der Wahrnehmung vieler Menschen nur auf Verordnungen und Richtlinien, Agrarsubventionen und Fischereiquoten gründet. Europa kann dabei nur gewinnen.“
Den kompletten Kommentar kannst Du auf der Facebookseite der Kolpingjugend Deutschland nachlesen. Sag uns dort auch gerne Deine Meinung zum Thema Interrail. Wenn Du Dich aktiv für die #FreeInterrail-Idee engagieren willst, kannst Du außerdem die laufende Petition auf change.org unterstützen.

 

 

Text: Franziska Völlinger