Bei der Preisverleihung des E-Learning-Award 2016 auf der „didacta“ in Köln für das beste didaktische Konzept: v.l. Laura Hausmanns (eCademy GmbH), Frank Siepmann (eLearning Journal), Dr. Annette Hermanns (eCademy GmbH), Rudolf Kreuzer (Kolping-Berufshilfe GmbH).

Wie ein Gütesiegel wirkt das Siegel, das den Gewinn des eLearning-Awards 2016 bescheinigt.

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Besser digital lernen

Eine neue Form des Lernens hat das Kolping-Bildungswerk Regensburg im Standort Tirschenreuth entwickelt. Dafür wurde es bereits mit einem Innovationspreis geehrt. Inzwischen wächst das Interesse mit dem Erfolg der neuen Methode.

Erwachsenenbildung, also lebenslanges Lernen, hat in Tirschenreuth bereits jahrzehntelang einen hohen Stellenwert. Früher galt dieser Teil der bayerischen Oberpfalz als strukturschwaches Grenzgebiet. Der Verlust von Arbeitsplätzen in der Industrie durch globale Konkurrenz konnte meist nur durch eine Weiterqualifizierung der Betroffenen ausgeglichen werden.  Das Kolping-Bildungswerk Regensburg engagiert sich bereits seit Jahrzehnten in Tirschenreuth.

Seitdem gibt es dort offenbar das Bewusstsein, eine Krise als Herausforderung anzunehmen, die auch Chancen bietet und Auswege ermöglicht. Ohne Unterbrechung engagiert Kolping sich dort in der Erwachsenenbildung, oft sind Arbeitssuchende unter den Kunden. „Jeder Mensch hat Potenziale“, lautet die Philosophie in der Kolping-Berufshilfe Tirschenreuth. „Wir führen mit der arbeitssuchenden Person intensive Gespräche, um die Potenziale zu entdecken und zu ihrer Stärkung beizutragen“, sagt Rudolf Kreuzer, Leiter der Erwachsenenbildung bei der Kolping-Berufsshilfe Tirschenreuth. Die beruflichen Ziele werden herausgefiltert. Wie erfolgreich die berufliche Eingliederungshilfe bei Kolping in Tirschenreuth funktioniert, beweist die aktuelle Statistik: Die Eingliederungsquote auf dem Arbeitsmarkt beträgt derzeit 92 Prozent!

Dazu trägt nicht allein die berufliche Weiterbildung bei, sondern es gibt weitere Maßnahmen. „Wer zu uns kommt, wird beim Lernen und bei der Integration begleitet“, berichtet Rudolf Kreuzer. Dazu gehört auch die Anleitung, sich richtig zu bewerben. Außerdem verfügt die Einrichtung über einen Coach im Außendienst, der die Kontakte zu zahlreichen Firmen in der Umgebung pflegt. Mindestens monatlich führt der Coach dort Gespräche, um herauszufinden, wie sich der aktuelle Bedarf der Firmen entwickelt. Kolping vermittelt oft Praktika zu diesen Firmen.

Was ist anders?
Was macht die Kolping-Berufshilfe Tirschenreuth nun anders als andere Anbieter in der beruflichen Weiterbildung? "Wir vermitteln ein neues Lernen. Unser Ziel ist es, dass die Teilnehmer eigenverantwortlich lernen,“ sagt Rudolf Kreuzer. „Jeder Teilnehmer lernt für sich in der Zeit, in der er es kann. Er muss dabei keine Rücksicht nehmen auf langsamere Mitlernende und ist unabhängig von der Qualität des Dozenten.“

Möglich macht dies das digitale Lernen. Dazu sitzen die Teilnehmenden in einem Ausbildungsraum der Kolping-Berufshilfe Tirschenreuth an einem Computer. Denn neben den digitalen Lerninhalten ist die persönliche Begleitung der Teilnehmenden wichtig.

Das digitale Lernen ist vielfältig und bietet ungeahnte Möglichkeiten. Es geht auch über das hinaus, was andernorts als fortschrittlich erscheint, nämlich dass mittels Skype ein Dozent per Datenleitung Inhalte vermittelt.

In der Kolping-Berufshilfe Tirschenreuth gibt es keine Dozenten und keine Schulbücher. Das Wissen und dessen Vermittlung steckt in einer Computeranwendung, die von der Einrichtung individuell zusammengestellt wird. Dazu hat Rudolf Kreuzer einen Kooperationspartner gefunden: den Anbieter für eLerning „ecadamy“ in Köln. Mit der eCademy werdenden Teilnehmern moderne, leicht zu bedienende eLearning-Kurse zur Verfügung gestellt. Der methodisch-didaktische Aufbau der eLearning-Kurse sowie das hohe Maß an Interaktion der Teilnehmer zusätzlich. Nach jedem Themengebiet erfolgt ein Leistungsnachweis anhand eines Tests, welcher den Teilnehmer als auch dem Lernbegleiter den Erfolg des Erlernten anzeigt. Jedes Berufsfachmodul wird zusätzlich mit einer Abschlussprüfung beendet.

Das Projekt „Digital gestützte Weiterbildung – Einsatz von eCademy bei der Kolping-Berufshilfe" wird seit Frühjahr 2015 bei der Kolping-Berufshilfe am Standort Tirschenreuth im Bereich der individuellen beruflichen Weiterbildung in kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen eingesetzt. Dazu gehören Industriekaufmann/frau, Mechatronik, Elektronik, Lager-Logistik, Metall, EDV, Business-English um die Module SAP ERP, SPS-Steuerung und CAD PAL.

Lassen sich die Lerninhalte solche Berufe denn allein am Bildschirm vermitteln? Eine berechtigte Frage, auf die Rudolf Kreuzer eine Antwort hat: „Mit den Lernprogrammen lässt sich auch das Löten von Elektroplatinen und das CNC-gestützte Fräsen ohne Probleme üben, weil solche Tätigkeiten perfekt simuliert werden.“ Von der Pilotenausbildung seien lebensnahe Simulationen längst bekannt. Eine CNC-Fräse könne am PC bedient werden, als stünde der Kursteilnehmer direkt vor dem Gerät. „Für uns als Weiterbildungseinrichtung bietet das eLearning den Vorteil, dass die Anschaffung teurer Spezialmaschinen nicht nötig ist.“

Inzwischen hat diese Weiterbildungsmethode – nicht zuletzt durch die Preisverleihung – Aufmerksamkeit erzeugt. So wurde Rudolf Kreuzer eingeladen, bei einer Veranstaltung der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Bayern, vor Vertretern der Wirschaft und Bildungsträger über die Erfahrungen in der digital gestützten Weiterbildung zu berichten. Vertreter der Arbeitsverwaltung sind bereits auch zu einem Besuch vor Ort nach Tirschenreuth gekommen, ebenso Interessierte aus den Reihen der Kolping-Bildungsunternehmen. Das Kolping-Bildungswerk Weiden hat die Tirschenreuther Lernmethode bereits übernommen.

Rudolf Kreuzer warnt vor falscher Euphorie: „Man muss ausdrücklich sagen, dass e-learning alleine ohne ein gutes Konzept nicht funktioniert! Die Digitalisierung der beruflichen Weiterbildung mit einem erfolgreichen Konzept haben wir aber nun erfolgreich umgesetzt.“

Text: Martin Grünewald