Geistlicher Impuls Bundesebene

Wir leben nicht im Paradies

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 16. Sonntag im Jahreskreis

Auch in einer Zeit, die nicht mehr von der Landwirtschaft geprägt ist, auch in einer Dienstleistungs- und digitalisierten Gesellschaft versteht jeder, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen will. Denn nicht bloß die Gartenbesitzer unter uns, wir alle haben uns herumzuschlagen mit dem Problem des Unkrauts (im Weizen). Wo gibt es ein Feld ohne Unkraut? Wo gibt es eine Partei, deren Programm und deren praktisches Tun uns wirklich hundertprozentig zusagen? Wo gibt es einen Sportverein, einen Chor, eine Gruppe, vielleicht auch eine Kolpingsfamilie, bei der uns jedes Gesicht passt im Vorstand und bei den Mitgliedern? Wo gibt es einen Betrieb, in dem alles reibungslos läuft, wo keiner etwas falsch macht, wo Unternehmer, Arbeitnehmer und Kunden alle voll zufrieden sind? Wo ist eine Kirche, eine Gruppe, eine klösterliche Gemeinschaft, in der das Evangelium immer konsequent gelebt wird? Wo ist ein Medikament, das nicht auch schädliche Nebenwirkungen hat? Wo gibt es einen Menschen mit nur guten Eigenschaften?

Wir müssen uns damit abfinden, dass es überall Unkraut gibt: technisches und menschliches Versagen, Unvollkommenheit und Schwächen. Und manchmal auch direkt Gemeinheit und Bosheit. Die Welt ist nicht perfekt, ist nicht so heil, wie wir sie uns erträumen. Wir leben nicht im Paradies.

Bevor Jesus eingeht auf die Frage nach den Unkrautvernichtungsmitteln, will er uns warnen vor einer gefährlichen Selbsttäuschung. Wir meinen ja leicht: Nur bei den anderen gibt es Unkraut. Was in meinem Garten wächst, sind lauter Blumen. Was ich säe, ist guter Samen. Wie ich meine Kinder erziehe, das ist die einzig richtige Methode. Wie ich das Evangelium verstehe und auslege… Was meine Partei, was meine Kirchenleitung sagt zu dieser oder jener Frage… Wie wir unser Pfarrfest aufziehen und unseren Basar… Die Vorstellungen, die ich habe von einer ordentlichen Frisur oder einem aufgeräumten Zimmer… Wir sind im wahren Glauben. Alles andere ist vom Bösen. Alles Fremde und Ungewohnte ist Unkraut und muss bekämpft und ausgerottet werden!

Wer sich etwas auskennt in der Geschichte und Kirchengeschichte, der weiß, zu welch traurigen Ergebnissen solch radikale Überzeugungen geführt haben und heute noch führen.

Wer besessen ist von einer Idee und seinen eigenen Vogel gleich für den Heiligen Geist hält, der schlägt in seinem Fanatismus mehr kaputt, als er gutmacht, auch wenn er es ursprünglich noch so gut meint. Denn etwas Gutes wollen sie ja alle, die Unkrautvernichter: ein Feld ohne Unkraut, eine ideale, heile Welt. Nur ist der Preis, den sie für ihre Utopie zahlen wollen – oder vielmehr, den andere dafür bezahlen müssen – zu hoch. Vielleicht verstehen wir von daher auch die Sorge Jesu, wir könnten in unserer heiligen Säuberungswut, in unserem Traum von einer perfekten Gesellschaft, von der heilen Familie und einer Kirche der Heiligen zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißen.

Und woher sind wir so sicher, dass das, was uns als Unkraut erscheint, auch in Gottes Augen Unkraut ist? Kein Mensch ist nur gut – oder total böse. Keine Sache nur nützlich – oder nur schädlich. Keine Idee nur richtig oder völlig falsch. Alles hat seine zwei Seiten. Was dem einen nutzt, schadet unter Umständen dem anderen. Dieselbe Distel, an der der eine sich sticht und die er wütend zertritt, dieselbe Distel stellt sich vielleicht ein anderer auf den Tisch in die Vase und freut sich daran. Was heißt da „Unkraut“? Ein und dasselbe Medikament kann – je nach der Dosis – heilsame Medizin oder tödliches Gift sein.

Weil das so kompliziert ist mit dem Unkraut, mit dem Gefährlichen und Bösen mahnt Jesus zur Vorsicht und zur Geduld. „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ (Mt 13,30) Werdet nicht ungeduldig, will er sagen, wenn Unkraut und Weizen so dicht miteinander verwachsen sind, dass man es gar nicht sauber trennen kann, ohne Schaden anzurichten. Prüft euch, ob ihr nicht allzu schnell einem Menschen oder einer Idee, einer Bewegung den Stempel „Unkraut“ aufdrückt: Aus dem wird nie was werden! Der ist total verdorben! Der gehört nicht zu uns!

Seid ihr ganz sicher, ob das, was ihr ‘böse‘ nennt, auch wirklich böse ist oder nur anders, fremd? Seid ihr ganz sicher, dass das ‘ Böse‘ auch von Gott böse genannt und verworfen wird am Tag der Ernte? Und dass das, was ihr denkt und sagt und tut in euren Kirchen und Betrieben und Familien und Wohnungen, besser bestehen kann vor Gottes Augen als das eurer Nachbarn?

Das alles bedeutet sicher nicht, wir sollten das Unkraut einfach Weizen nennen oder Blumen. Es heißt auch nicht, wir sollten einfach alles laufen lassen, wie es läuft, und wachsen lassen, wie es wächst, und uns abfinden mit der zunehmenden Versteppung und dem Chaos. Das hat Jesus auch nicht getan. Aber es heißt: Seid misstrauisch, wo immer einer radikale Lösungen predigt, wer immer es auch sei! Wo immer einer meint, die Wahrheit gepachtet zu haben. Wo einer Wörter gebraucht wie "niemals", "um jeden Preis", "hundertprozentig". Wer danach handelt, der richtet oft mehr Schaden an, als dass er Nutzen bringt. Nicht nur im Garten. Überprüft daher auch Eure eigene Position immer wieder! Rechnet damit, dass ihr Euch irren könnt! Und seid Eurer selbst nicht zu sicher!

Die Ernte wird kommen, wenn die Zeit reif ist. Sie scheidet und entscheidet. Weizen und Unkraut werden bis dahin weiterwachsen. Das verwirrende Miteinander von Gut und Böse wird bleiben. Auch auf dem Acker des eigenen Lebens! Aber es bleibt auch die Hoffnung, die lautet: Es wird reifen Weizen geben, der in die Scheune eingefahren wird. Bis dahin gilt es, das Leben in dieser Spannung zu gestalten und zwar so, dass etwas von der größeren Kraft und Stärke des Reiches Gottes spürbar wird in dieser Welt, in meiner Umgebung, in unserer Gemeinde und in unserer Kirche. Dafür kann jeder sorgen – hier und jetzt: Das Gute tun und weitersagen; aus dem Glauben heraus leben; den Nächsten lieben, Gottes Gebote achten – so viel Weizen durch jeden von uns!

Erst der Tag der Ernte wird den großen Durchblick bringen und die endgültige Scheidung der Geister. Und vielleicht für manche die große Überraschung.  

 

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