Geistlicher Impuls

Vergib uns unsere Schuld

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 24. Sonntag im Jahreskreis

Jeder vernünftige Mensch wird ohne weiteres zugeben, dass es im Zusammenleben Absprachen, Übereinkünfte, Regelungen braucht. So werden Satzungen erstellt, Rechte formuliert, Verträge ausgehandelt. Recht und Gerechtigkeit stehen hoch im Kurs. Und bekommt einer sein vermeintliches oder auch begründetes Recht nicht, helfen ihm alsbald Institutionen zu solchem.
Bleibt nur zu hoffen, dass Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit die Sieger sind.

Auch der Evangelist Matthäus weiß um Probleme, die sich ergeben, wenn Menschen als Gemeinschaft und Gemeinde zusammenkommen. Im 18. Kapitel seines Evangeliums stellt er eine Gemeindeordnung zusammen. Darin sind Empfehlungen enthalten, die freilich nicht in der Sprache der Paragraphen oder Normen abgefasst sind. Viel eindringlicher redet der Evangelist in Bildern und Gleichnissen. So warnt er im Gleichnis vom verlorenen Schaf die Gemeindemitglieder davor, einfache Menschen überheblich zu behandeln. Oder er sagt, wie denn mit einem Bruder umgegangen werden soll, der offensichtlich Unrecht tut. Unmittelbar daran schließt er das Gleichnis vom hartherzigen Schuldner an, um das es uns heute gehen soll.

Petrus stellt die Frage: „Herr, wenn mein Bruder an mir schuldig wird, wie oft muss ich ihm verzeihen? Siebenmal?“  Die Frage für Petrus ist: Wann ist das Maß voll? Und er ist wohl überzeugt, mit der Zahl „Sieben“ schon ziemlich hoch gegriffen zu haben.

Wenn es um wichtige Fragen der Lehre oder der Ordnung für die Gemeinde geht, tritt bei Matthäus gerne Petrus in den Vordergrund. Er, der Fels, auf den die Kirche gebaut ist, steht hier schon symbolisch für die ganze Gemeinschaft der Glaubenden. Welche Bedeutung hat also die Frage vom Schuldigwerden und der Vergebung in der Gemeinde? Wie sollen wir miteinander umgehen? Die Antwort Jesu: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ sollt ihr vergeben.
Aber: Stößt nicht unsere eigene Vergebungsbereitschaft immer wieder Grenzen?

Vergeben heißt weggeben. Das griechische Wort für vergeben heißt, wörtlich übersetzt, loslassen. Die Macht des Vorwurfs weggeben, damit wir nicht höher über dem anderen stehen.

Das „Siebenundsiebzigmal" des Herrn ist also in erster Linie keine Quantifizierung, sondern eine Aussage über die Qualität unserer Vergebung. Bis in die tiefsten Fasern unseres Herzens hinein sollen wir vergeben. Der tiefste Grund dafür ist: Wir sollen dem anderen das geben, wovon wir selber am meisten leben und was wir täglich brauchen: Vergebung als Frucht der Versöhnung. Das Gleichnis Jesu verdeutlicht dies.

Der König, dessen unvorstellbar großer Schuldenerlass geschildert wird zeigt die Großherzigkeit Gottes. Der Knecht aber, dem vergeben wird, hat nichts dazugelernt. Er ist trotz der ungeheuren Barmherzigkeit des Königs der Alte geblieben, er orientiert sich an einem Prinzip Gerechtigkeit, wie er es von seiner Umwelt her kennt – und lässt so seinen Mitknecht (sogar rechtens) ins Gefängnis werfen. Er hat nicht gemerkt, wovon er jetzt eigentlich lebt: von der Vergebung.

Gleichnisse haben es an sich, dass sie „ein-leuchten“. So sind wir wohl zu recht erbost über jenen bösen Knecht. Wir verstehen die Reaktion des Königs. Er übergibt ihn dem Zorn der Folterknechte.

Eigenart der Gleichnisse ist es aber auch, dass sie immer den meinen, dem sie 'hier und jetzt' erzählt werden. Wir selber sind angesprochen. Sind nicht wir selber oft jener böse Knecht, der sich unfähig zeigt, dem anderen das zu geben, woraus er selber lebt? Wir beten in jedem Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Eigentlich wissen wir um die Zusammenhänge im Reiche Gottes!

Nach dem Evangelisten Matthäus ist die Kirche jener Raum, in der die Bereitschaft zum gegenseitigen Ertragen, Annehmen und Versöhnen gelebt wird. Die Kirche soll jene Gemeinschaft sein, in der keinem eine Schuld 'nachgetragen' wird.

Es ist gerade die Aufgabe der Christinnen und Christen, Schluss zu machen mit der Vorstellung, Schuld und Versagen immer nur bei 'den anderen' zu suchen.

Lassen wir uns doch versöhnen mit Gott und mit uns selber. Wir sind von Gott geliebt und hoffentlich auch von guten Mitmenschen. Wenn aber ER und andere gut zu uns sind, dürfen wir es wagen, im Laufe unseres Lebens immer vorbehaltloser zu anderen gütig, barmherzig und echt christlich zu sein. Wir erfahren dann Vergebung als das schönste Geschenk!


Weitere geistliche Impulse zum Lesen und Stöbern gibt es im Archiv.


Bild: pixabay.com