Geistlicher Impuls

Sich auf den Weg machen

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Aschermittwoch

Auf was lassen wir uns eigentlich ein, wenn wir uns das Aschenkreuz auf die Stirn zeichnen lassen? Was ist das für ein Weg, der da in diesem Augenblick beginnt? Zeitlich ist dieser Weg klar umrissen: 40 Tage wird er dauern, bis Ostern. Und am Anfang und am Ende dieses Weges stehen – wie Wegweiser, die die Richtung angeben – zwei Zeichen: Heute, am Anfang, das Kreuz aus Asche und später, am Ziel, das Osterwasser, mit dem wir in der Feier der Osternacht besprengt werden. Zwischen diesen beiden Zeichen, zwischen Aschenkreuz und Osterwasser, wird unser Weg verlaufen. Auf was lassen wir uns da ein?

Da steht am Anfang heute die Asche. Asche und Staub – totes, schmutziges Material. Da lebt nichts mehr. Vielleicht war es ja früher etwas Lebendiges, was da jetzt zu Staub und Asche zerfallen ist; vielleicht würde der Staub, wenn er es könnte, von einer prachtvollen Vergangenheit erzählen; aber es war einmal, jetzt ist nichts mehr davon da, nur Asche und Staub. Aus der Traum!

Eine Erfahrung, die auch das Leben eines Menschen prägen kann. Was hatte man sich doch einmal alles so vorgenommen, was hatte man doch für Wünsche und Hoffnungen! Und jetzt?

Man wollte stets ehrlich zu sich selbst und zu anderen sein und entdeckt auf einmal, dass es Dinge gibt, bei denen man sich selbst etwas vormacht. Vielleicht sind diese Dinge sogar zu einer großen Lebenslüge geworden, an die man sich mittlerweile schon gewöhnt hat, zu einer Art Doppelleben: man gibt sich nach außen nicht so, wie es einem innen zumute ist. Man kann nicht mehr richtig zu sich selbst stehen. Man wollte seine Fähigkeiten entfalten, die man bei sich entdeckt hatte, aber man ist dann doch den bequemeren und unauffälligeren Weg des Alltags gegangen: Statt in Sportschuhen läuft man nun in Filzpantoffeln herum. – Man wollte ein überzeugter, gläubiger Christ sein, den Glauben in reifer, erwachsener Form leben, und jetzt merkt man, dass man oft in hohlen Formeln von Kindergebeten steckenbleibt, Formeln, die leer wurden, als man heranwuchs, und die man vergessen hatte neu aufzufüllen. – Man wollte selbständig und verantwortungsvoll mit seinem Leben umgehen, mit seiner Zeit und mit seiner Gesundheit, mit seinen Beziehungen – und merkt doch immer wieder, wie abhängig man ist, vom Alkohol, von Meinungen und von Launen.

Ja, man wollte! Jeder kann zu Beginn der österlichen Bußzeit einmal für sich selbst weiterdenken und suchen, wo bei ihm solche verschütteten Lebensmöglichkeiten vorhanden sind.

Ja, man wollte! Ich will leben und entdecke auf einmal, wie sehr ich gelebt werde. Für all diese Erfahrungen steht das Zeichen der Asche; Erfahrungen, die ich vielleicht gar nicht richtig benennen und umschreiben kann, die mich aber prägen und mir ein Stück Leben nehmen. Wo jemand seine Wünsche und Träume begräbt, wo er es aufgibt, sich weiter zu entfalten und weiter zu reifen, wo er keinen Mut oder keine Kraft mehr hat umzukehren, da fängt er an, sein Leben, Stück für Stück, zu Staub und Asche werden zu lassen. Das Aschenkreuz – Zeichen für ein Leben, das zum Kreuz geworden ist und nach Erlösung ruft. Wenn wir heute das Aschenkreuz empfangen, dann stellen wir uns dieser unangenehmen Seite: Mein Leben, das einem blühenden Garten gleichen möchte, kennt auch Steppen und sandiges, unfruchtbares Land.

Muss das so bleiben? Nein, sagt mir das zweite Zeichen dieses Weges, der heute beginnt und der sich an Ostern vollendet und dann das zweite Zeichen markiert – das Osterwasser! Wasser – Symbol für Leben, für Wieder-leben-können. Wo Wasser und Regen auf ausgedörrtes Land fallen, da kann es wieder blühen und fruchtbar werden. Auch wenn ich bei mir schon manche Hoffnungen aufgegeben habe, im Grunde ist da noch alles drin. „Du hast mehr Möglichkeiten, als Du ahnst, ganz zu schweigen von den ungeahnten Möglichkeiten, die Gott mit Dir hat“, las ich auf einer Spruchkarte. Dieser Satz ist mir nachgegangen, und er macht Mut. Denn neben den verpassten Gelegenheiten und verschütteten Lebensmöglichkeiten gibt es ja auch – Gott sei Dank! – eine Menge an guten Kräften in mir, und die sind es, die mich hoffen lassen. Das Osterwasser sagt mir: Ich muss bei meinen Staub- und Ascheerfahrungen nicht stehenbleiben, ich kann wieder zu mehr Leben und mehr Freiheit finden.

Allerdings, ich muss damit anfangen, ich muss mich auf den Weg machen. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Der Schritt vom Aschenkreuz zum Osterwasser, der Schritt heute mit dem Aschermittwoch in die österliche Bußzeit hinein, auf Ostern zu.

Auf was lassen wir uns da ein, wenn wir uns jetzt auf den Weg machen?

  • der Weg von aufgegebenen Wünschen hin zu neuen Hoffnungen;
  • der Weg vom Sich-nichts-mehr-Zutrauen hin zum Entdecken neuer Kräfte;
  • der Weg von den zerrissenen Seiten in uns hin zu mehr Ehrlichkeit und Selbstbewusstsein;
  • der Weg von einem manchmal verflachten Christsein hin zu einem tieferen, tragenderen Glauben;
  • der Weg von der Ängstlichkeit hin zu mehr Vertrauen;
  • der Weg von der Schuld hin zur Versöhnung.

Im Grunde ist es der Weg vom Tod hin zum Leben. Ein langer Weg, allerdings. Aber auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und jeder Schritt lohnt sich. Beginnen wir heute. 


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