Geistlicher Impuls

Propheten unserer Zeit

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses zum 4. Sonntag im Jahreskreis

Heute schaue ich auf die Lesung aus dem Alten Testament (Dtn 18, 15-20). Mir wird deutlich:

Mose hatte eine gewaltige Aufgabe vollbracht.

Israel hatte in der Knechtschaft Ägyptens zu Gott um Hilfe und Befreiung geschrien. In Wirklichkeit aber wollte das Volk leichtere Arbeitsverhältnisse und bessere Lebensbedingungen. Mose hatte die Aufgabe von Gott erhalten, dieses widerspenstige Volk in die Freiheit zu führen. Man hat Mose den Geplagtesten aller Menschen genannt, weil er den Willen Gottes bei seinem Volk durchsetzen sollte, das etwas ganz anderes wollte. Es schwankt hin und her, ist im Aufbruch begriffen, dann ist plötzlich aller Elan wieder weg. Mit diesem Volk hat Mose sich in einzigartiger Geduld abgemüht.

Mose steht zwischen Gott und seinem Volk. Er ist von Gott berufen. Darum muss er von Gott her zum Volk sprechen. Er hat ihm nicht eigene Erkenntnisse zu verkünden, sondern nur das, was Gott will. Der Prophet ist der Mund Gottes. Das kann er aber nur dann glaubwürdig sein, wenn er mit seiner ganzen Existenz auf Gott hin offen ist. Nur dadurch wird das Wort Gottes sein eigenes Wort.

Zugleich aber muss der Prophet einer aus dem Volk sein, zu dem er gesandt ist. Er muss die Menschen mit ihren Eigenarten, Sorgen und Problemen kennen, um die Botschaft Gottes lebensnah und situationsgerecht ausrichten zu können. Nur so wird das Wort Gottes durch den Mund des Propheten aktuell und konkret.

Einen Propheten wie Mose brauchte das Volk Israel vor den Grenzen des verheißenen Landes Kanaan, um es in Besitz zu nehmen. Einen Propheten wie Mose braucht jede Zeit. Dieses Fragen, Suchen und Sehnen hat einer ganz erfüllt: Jesus Christus. Er ist gekommen, um Gott in unserer Welt zu offenbaren, zu bezeugen. Es heißt: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1, 15); und: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14, 9); in Jesus Christus sehen wir die einzigartige Liebe Gottes zur Welt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 16).

So ist Jesus Christus von Gott gesandt in unsere Welt, um sie und die Menschen offen zu halten für ihren Ursprung und vor allem für ihre Zukunft und ihr Ziel: für den neuen Himmel und die neue Erde, wo Gott alles in allem sein wird.

Erst durch Jesus Christus kommt Sinn in die Welt, so dass man nur durch ihn im Letzten weiß, was die Welt ist, wer Gott ist, wer wir Menschen sind.

Durch Jesus Christus sehen wir das, was wir sonst nicht sehen können. Durch ihn empfangen wir neue Maßstäbe und dadurch ein neues Daseinsverständnis. Wir wissen durch ihn, dass wir unser Christsein von Gott her auf die Welt hin zu leben haben. Christsein als weltzugewandte Nachfolge Christi. Wir sind als Christen in der gegenwärtigen Weltsituation gefragt. Wie Christus die Welt ernst genommen hat wie kein anderer, so ist das auch unser Auftrag. Dadurch werden wir Prophetinnen und Propheten in unserer Zeit, mit ihren vielen Fragen.

Durch unser lebendiges Zeugnis kommt Gott in unserer Welt zur Entfaltung und wird so als der erkannt, der die Welt im Innersten zusammenhält und sie zur Vollendung führt und der den Menschen Orientierung, Klarheit und Wahrheit schenkt.

Prophetische Existenz heißt für uns Christen heute und zu allen Zeiten die Lebendigkeit des Glaubens, die Wirklichkeit Christi in die Welt hineinbringen. Das ist die überzeugendste Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. 


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Bild: Mose empfängt die Gesetzestafeln auf dem Berg Sinai, 1737, Buchillustration. Tschechischer Maler um 1740, Haggada aus Morava.