Geistlicher Impuls Bundesebene

Pfingstliche Träume

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zu Pfingsten

Suchenden Menschen geht es um die Erfahrung Gottes mit ihren Sinnen. Das suchen sie auch in der Kirche. Da wollen sie etwas spüren von Gott, da muss doch Erlösung erfahrbar sein. Sie suchen in der Kirche nach Menschen, die die Erfahrung Gottes widerspiegeln; sie wollen wissen, wie ein Mensch wird, der sich ganz auf Gott eingelassen hat. Sie suchen nach geistlicher Führung, nach Menschen, die sich auf sie einlassen, die sie begleiten und ihnen helfen, einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Sie suchen das Gespräch, die Hilfe. Sie möchten von anderen wissen, wie sie denn fertig werden sollen mit ihren Problemen, mit ihren Ängsten, mit ihren Stimmungen, mit ihren Mitmenschen, mit der Situation in der Schule, an der Uni, im Beruf. Vor allem suchen sie jemanden, der ihnen zuhört, der sie nicht verurteilt, der sie zu verstehen versucht und bereit ist, mit ihnen ein Stück Weg zu gehen, auch wenn dieser Weg oft durch Dunkelheit und über Abgründe geht. Sie suchen Menschen, die zu ihnen stehen, auch wenn sie immer wieder in die gleichen Fehler fallen und es einfach nicht schaffen, mit sich und ihrem Leben zurechtzukommen. Solches Suchen ist doch gut.

Nach außen hin sicher auftretende Menschen sind manchmal unsicher, voller Ängste, verletzlich, zerbrechlich. Aber sie sind in ihrer Verwundbarkeit auch feinfühlig für das Echte und Wahre. Sie wollen sich nicht mit dem Schein zufriedengeben. Sie misstrauen allen billigen Rezepten, allen faulen Kompromissen. Und sie stellen in ihrem ehrlichen Suchen uns selbst oft genug in Frage. Da gibt es Fragen an die Christen: Wie ehrlich und konsequent lebst du? Wo hast du dich mehr oder weniger eingerichtet und die unangenehmen Fragen ausgeklammert? Wie weit lässt du dich denn ein auf die Sehnsucht nach Frieden und nach einer heilen Umwelt? Wie gehst du denn um mit der Schöpfung, wie weit bist du bereit, deinen Lebensstil zu ändern, einfacher und engagierter zu leben? Wichtige Fragen an uns alle.

Menschen, die nach Gott suchen, sind eine Chance für die Kirche, und die Kirche ist eine Chance für sie. Aber leider wird diese Chance auf beiden Seiten oft vertan. Die Suchenden könnten in die Kirche eine neue Lebendigkeit hineinbringen, neue Ideen, Ehrlichkeit, Echtheit, neuen Umgang miteinander, Spontaneität, Zärtlichkeit, Freiheit – lauter Früchte des Geistes, wie Paulus sie im Galaterbrief aufzählt. Der Heilige Geist könnte also durch die Suchenden in die Kirche einbrechen. Mit ihrem Sinn für Wirklichkeit und Echtheit sind sie ein ständiger Ansporn für die Kirche und ihre Vertreter, ehrlich nach der Botschaft Christi zu fragen und danach zu leben. Die Suchenden spüren, ob ein Wort in der Predigt stimmt, ob es übereinstimmt mit dem Herzen und dem Leben des Predigers. Sie durchschauen es, wenn der Prediger mit moralischen Appellen nur die anderen ändern will und nicht sich selbst. Sie spüren den Geist, der hinter den Worten steckt, den Geist des Friedens, der auch in den Zuhörern Frieden schafft, und den Geist des Unfriedens, der ständig kritisiert und die Forderungen Jesu gegen die Zuhörer schleudert. Suchende spüren den Heiligen Geist, der begeistert und Hoffnung und Freiheit verbreitet. Und sie spüren den kleinlichen Geist, der nur Enge und Angst erzeugt, den Ungeist, bei dem man sich nicht wohlfühlt, weil man spürt, da geht trotz aller frommen Worte etwas Ungesundes aus, da wird mit Angst gearbeitet, da wird das Leben nicht geweckt, sondern reduziert, da missgönnt man ihnen die Lebendigkeit und Freiheit Jesu.

Suchende Menschen sind für die Kirche die Chance, sich auf neue Fragen einzulassen und nach neuen und unverfälschten Wegen Ausschau zu halten. Aber auch die Kirche ist für Suchende eine Chance. Sie kann ihnen helfen bei ihrer Suche nach einem authentischen Leben. Sie kann ein Freiraum in unserer verzweckten Gesellschaft sein, ein Freiraum, in dem man menschlich miteinander umgeht, in dem man Feste feiert, in dem man sich Zeit nimmt für Gott und im zweckfreien Dasein vor Gott zu sich selbst findet. Vielleicht spüren Suchende, dass sie die Gemeinschaft der Kirche brauchen, um Gott zu begegnen, dass sie die Feste der Kirche brauchen, um die Erlösung durch Christus an sich zu erfahren, und um die ursprüngliche Vision von einem echten und lebendigen Leben wieder zu gewinnen.

Sie ahnen, dass die Feste des Kirchenjahres sie an ihr eigentliches Geheimnis erinnern, an das Geheimnis, dass sie durch Tod und Auferstehung Jesu hineingetaucht sind in Gott. Das Geheimnis der Feste ist auch das Geheimnis unserer eigenen Seele: in den Festen entdecken sie ihre Möglichkeiten, die oft genug verschüttet sind, weil wir uns keine Zeit nehmen, sie unter dem Schutt des Alltags freizuschaufeln. Da kommen sie in Kontakt zu den Träumen, die Gott von ihnen hat, und zu ihren eigenen Träumen von Freiheit und Leben, da kommen sie in Verbindung zu unseren Wurzeln, aus denen sie leben. Aber oft begegnen Suchende statt der Freiheit und der Vision Jesu nur der Enge und Kleinlichkeit von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, die Botschaft Christi zu verkünden. Sie möchten Freiheit erleben, in der man zweckfrei sich einlässt auf das Geheimnis Gottes.

Vielleicht erreicht die Kirche die Suchenden nicht, weil sie ihrem eigenen Geheimnis untreu geworden ist, weil sie dem Geist in sich zu wenig Raum lässt und stattdessen die Angst in ihren Bereich hat einziehen lassen. Wo Suchende ängstliche Abwehr spüren, da wenden sie sich ab. Wo das Leben des Geistes anziehend wirkt, da lassen auch sie sich anziehen. Suchende brauchen die Kirche heute als Raum, wo sie anders miteinander umgehen können, menschlicher und zärtlicher, wo sie Gefühle zulassen und ausdrücken können, wo Barrieren durchbrochen werden, wo Vertrauen herrscht und wo man sich auch gegenseitig etwas zutraut. Suchende möchten Kirche als Ort erleben, wo das Spontane sich äußern darf, wo nicht alles reglementiert wird. Wo man aus Gnade leben kann und nicht nach Leistung allein bemessen wird, wo man nicht ständig etwas bringen muss, sondern sich einlassen kann auf etwas Größeres, auf den liebenden Gott, bei dem man sich geborgen und angenommen weiß. Diese Erfahrung des Angenommenseins durch Gott möchten sie auch im Miteinander spüren, in einer Gemeinschaft, in der sich jeder dem anderen öffnet und dadurch selbst aufblüht, in der einer dem anderen Raum lässt, zu leben und sich zu entfalten, in der einer dem anderen vertraut, weil er an Gottes Gegenwart in ihm glaubt. Suchende möchten die Kirche erleben als ein Haus, das sie beschützt, und als einen Baum, in dessen Schatten sich menschlich leben lässt, weil uns der Himmel blüht.

Sind das nur Träumereien? Ist das alles zu viel verlangt? Es ist Pfingsten, da wirkt der Heilige Geist. Da verändert Gott. Da sind auch wir manchmal Suchende. Der pfingstliche Geist lädt uns ein, an einer solchen Kirche mitzubauen, die anziehend ist für Suchende. Lassen wir uns an diesem Pfingstfest vom Heiligen Geist beschenken, der uns die nötige Offenheit gibt. Gehen wir Suchenden nach, damit sie den Geist Gottes spüren in unserer Welt und Kirche. Er macht lebendig. Uns alle. So feiern wir Pfingsten.
Träumend. Suchend. Glaubend.

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