Geistlicher Impuls

Mit Gott vertraut werden

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Der kleine Prinz von Saint-Exupery begegnet auf seiner Reise über die Erde eines Tages dem Fuchs, der gerne von ihm gezähmt werden will. Auf die Frage des Prinzen, was das denn bedeute, antwortet der Fuchs: „Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache. Es bedeutet: sich vertraut machen ... Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt."

Den beiden wird es gelingen, miteinander vertraut zu werden. Das gelingt sicher auch jenen Menschen, die Fuchs und Prinz verstehen und ernst nehmen. Wie aber wird Gott für mich einzig auf der Welt? Wie wird er der Einzige und Einzigartige, den wir alle brauchen? Wir spüren, dass das Leben von Menschen richtungslos wird, wenn Gott aus ihrer Mitte verschwindet.

Wie wird er der göttliche Freund, der mir zeigt, was Leben ist und wozu ich geschaffen bin, und der selber das Leben in seiner ganzen Fülle ist, ohne die ich nicht leben kann und die allein mich zum inneren Frieden führt? Es gelingt nicht anders als bei Fuchs und Prinz. Wir müssen mit Gott vertraut werden. „Kommt und seht!“ ist die kurze und bündige Einladung Jesu Christi. Ja, „Kommt und seht!“ - Gott muss erfahren und erlebt werden. Nur so können wir ihn kennenlernen und mit ihm vertraut werden.

Da reicht es nicht, bloß zu wissen, wer er ist. Wenn ein Mensch Gott seinen Freund nennen will, darf er nicht selbst draußen vor der Tür – in Distanz – bleiben, sondern er muss auf ihn zugehen, sehen, eintreten und bei ihm bleiben. Der unbeteiligte Zuschauer ist nicht der, der Gott erkennt. Er mag viel über ihn gelernt haben und wissen, ihn interessant finden und gescheit kommentieren. Das ist gängig in unserer Zeit der Informationen, Daten und Unverbindlichkeiten. Weil er aber nie bis zur persönlichen Überzeugung und gläubigen Lebensentscheidung, zum Sehen des Herzens vorgedrungen ist, kennt er Gott nicht und kann ihm auch nicht vertrauen.

Also gilt: „Kommt und seht!“ Gott wird mir durch die Vermittlung Jesu Christi umso vertrauter, wenn ich seine Nähe suche und eintrete aus einer Welt der alltäglichen Informationen in seine Welt der heiligen Schriften, aus der Atmosphäre des oberflächlichen Geredes über Mode und Wetter in die des geistlichen Gesprächs, aus der Ablenkung durch tausend Dinge ins gesammelte Beten, von den Dingen dieser Welt in den Raum der Sakramente, wo er zu finden ist.

Die Jünger, die bei Jesus bleiben, haben offensichtlich noch Zeit, während der Fuchs über unsere Tage klagt: „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.“

Haben die Menschen Gott nicht mehr, weil sie keine Zeit haben? Jedenfalls gehören Ausdauer und Geduld zur Gottsuche dazu, auch der Wille, neu anzufangen und die Treue in schwierigen Zeiten.

Sicher ist es schwer, einen Menschen und dann auch Gott auf diese Weise kennenzulernen in einer schnelllebigen Zeit ohne tiefe Wurzeln in menschlicher Begegnung, aber mit kurzen Wegen, Fertiggerichten und Robotern.

Denn Freundschaft wächst mühsam bis zur Reife wie ein Saatkorn, das in der Erde aufbricht und langsam gedeiht, um die Ähre zu tragen. Freundschaft – auch mit Gott – mag mitunter die Blüte eines Augenblicks sein, aber sie ist die Frucht der Geduld, des Abwartens der Zeit.

Dahin müsste unser Bemühen gehen, um mit ihm vertraut zu werden und ihn durch Jesus zu finden: Kommen, sehen, bleiben! Das ist unser Teil auf der Suche nach Gott. Dass er dann wirklich mein Herr und mein Gott wird, ist Gnade und sein Teil. Doch warum sollte er uns diese Gnade verweigern, da es ihm Freude bereitet, bei den Menschen zu wohnen, und er deswegen geboren wurde, gestorben und auferstand ist?

Es ist also nie vertane Zeit, zu kommen und zu sehen und zu bleiben. Wenn auch von außen für viele das Reden von Herz zu Herz unverständlich und rätselhaft bleibt, das Falten der Hände unzeitgemäß, die Kirchenbank als völlig überflüssiges Möbelstück erscheint: Von innen her ist klar, dass so eine Beziehung entsteht, in der einer sein Leben finden und bestehen kann, weil mit Gott nicht nur das Schmerzhafte kleiner und das Erfreuliche größer wird, sondern weil er selbst als einzigartiger Freund uns begegnet in Jesus Christus, der die „Hoffnung auf Herrlichkeit“ ist. Ja, „Kommt und seht!“


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