Geistlicher Impuls Bundesebene

Leid und Tod im Glauben

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 22. Sonntag im Jahreskreis

Ein hartes Wort.

Jesus kündigt an, dass sein Weg ins Leiden und in den Tod führen wird, und nicht nur das: Er ruft uns dazu auf, ihm nachzufolgen und uns dabei selbst dem Leiden zu stellen. Leiden aushalten – das tun wir naturgemäß nur sehr ungern. Und dem Leiden derer zusehen, die uns nahe stehen ist sehr schwer für uns. Vielleicht können wir deshalb Petrus gut verstehen, wenn es hier von ihm heißt, dass er Jesus zur Seite nahm und ihm Vorwürfe machte. Er sagte: „Das soll Gott verhüten, Herr!“ (Mt 16,22) Ein Messias, der leidet, passt nicht zu seinen Hoffnungen und Erwartungen. Er will einen strahlenden, einen siegenden Erlöser. Der aber ist Jesus nicht. Jesus ist der Erlöser – als Leidender.

Die erste Leidensankündigung markiert einen Wendepunkt auf dem Weg Jesu. Bis hierhin hat der Evangelist Matthäus davon berichtet, wie Jesu frohmachende Botschaft von der Nähe des Gottesreiches sich bei den Menschen in Galiläa immer stärker herumspricht. Jesus hat dabei nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. Er hat Kranke geheilt, die bedrohliche Natur bezwungen und sogar Tote zu neuem Leben erweckt. Tausende von Zuhörern hat er auf wunderbare Weise mit fünf Broten und zwei Fischen satt gemacht.

Jetzt wendet sich Jesu Blick von Galiläa weg hin nach Jerusalem. Auf die Verkündigung der Freude, den Anbruch der Befreiung folgt nun der Weg ins Leid und in den Tod. In einem kurzen Wort zeichnet der Evangelist hier die ganze Passionsgeschichte vor: Jesus weiß, was ihn in der Hauptstadt erwartet. Der ihm aus Galiläa vorauseilende Jubel wird sich nach dem triumphalen Einzug schon sehr bald ins Gegenteil verkehren. Er muss viel erleiden: „Er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen.“ (Mt 16,21)

Wir haben uns angewöhnt, vor allem das Letztere ganz laut und klar zu hören. Die Geschichte hat ein Happy End, Jesus ist am Ende der Lebendige. Uns Erwachsenen ist das Elendsbild des gefolterten, jämmerlich am Kreuz Sterbenden zu vertraut, als dass wir bei seinem Anblick noch ins Schaudern gerieten.

Bei Kindern aber ist er oft noch zu spüren: Der Schrecken, die Verwirrung beim ersten Blick auf das Kreuz. Petrus reagiert ähnlich wie so manches Kind. Ihm schaudert vor der Perspektive des Leidens, die sich ihm bietet. Bis zum Ostergeschehen konnte er – anders als wir – noch nicht zuschauen. Petrus kann noch nichts ahnen von der Wende der Geschichte Jesu, von der Auferweckung, die alles menschliche Denken, alle Logik übersteigt. Petrus will seinen geliebten Meister nicht leiden sehen. Er will nicht, dass er stirbt. Er begreift nicht, wie Jesu Weg so zum Ziel kommen soll.

Es ist das Geheimnis des Sohnes Gottes, dass da neben seiner Vollmacht auch die Ohnmacht ist. Diese Ohnmacht wählt er selbst aus freien Stücken. Dies ist nicht leicht zu verstehen. Und hier, als Jesus versucht, seine Jünger auf das Kommende vorzubereiten, erlebt er, dass dieses Unverständnis selbst bei seinen engsten Weggefährten zum Widerstand führt – so sehr, dass verletzende Worte fallen zwischen Jesus und Petrus.

Ich finde es wichtig, dass wir uns hineinnehmen lassen in den Ernst und in den Schrecken, der Petrus bei Jesu Ankündigung ergreift und unter dem er leidet. Wenn wir uns an seine Seite stellen und uns von der Wirklichkeit des Leidens erschüttern lassen, wenn wir nicht vorschnell auf das gute Ende blicken, dann können wir ermessen, welch weite Strecke Petrus auf seinem Weg der Nachfolge gegangen ist. Sie hat ihn vom anfänglichen Widerstand zur eigenen Annahme des Leidens geführt.

Jesus weiß und sieht mehr als die, die bei ihm sind. Er weiß, dass sein Einsatz für die Menschen ihn in den Konflikt mit den Wortführern der Gesellschaft bringen wird, und er weiß auch, dass er diesen Konflikt in den Augen der Welt verlieren wird. Die Verkehrung dieser vor ihm liegenden Niederlage in einen Sieg durch die Auferweckung am dritten Tag ist nur im Glauben zu erfassen. Gottes Macht hüllt sich in seine Ohnmacht. Zeichen dieser verhüllten Macht ist die Bezeichnung, die Jesus selbst für sich gebraucht: „Menschensohn“. (Mt 16,27)

Dies ist eigentlich gar kein Titel, schon gar nicht für jemand, in dem seine Freunde den Messias sehen.
„Menschensohn“ – das heißt einfach „Mensch“, etwa so, wie wir es aus dem Ausdruck „Menschenskind“ kennen. Diese Bezeichnung sagt: Jesus ist der exemplarische Mensch. Er ist so Mensch, wie wir es eigentlich sein sollten: Er ist stets für die anderen da; er teilt mit ihnen alles, was er hat; er tröstet sie, heilt sie; er liebt die Menschen um sich herum so sehr, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt.

Dieser liebende Menschensohn ist zugleich Gottes eingeborener Sohn. So bekennen wir Christen in unserem Glaubensbekenntnis. Und damit bringen wir als Glaubende etwas ganz Unerhörtes zusammen, etwas, das selbst Jesu Jünger erst allmählich im Licht des Osterereignisses zu begreifen begannen: Unser Gott ist keiner, der unbewegt und unendlich fern über allem Leiden steht. Im Gegenteil: Gott gibt sich in Jesus ganz tief in unser menschliches Sein hinein. Gott selbst wird in Jesus ein Leidender.

Und nur so – als Leidender unter Gewalt und Unrecht – ist der Menschensohn auch der Fordernde und Richtende. Jesus sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 16, 24.25)

Trost und Ermahnung sind in diesem Menschensohn Jesus untrennbar miteinander verbunden. Trost liegt darin, dass dieser exemplarische Mensch Jesus auch dann bei uns ist, wenn wir leiden. Ermahnung liegt in der Konsequenz, die Jesus aus seinem Mit-Leiden zieht. Von denen, die sich zu ihm bekennen und die Christen genannt werden wollen, erwartet er etwas.

Um uns herum, in unserem persönlichen Umfeld und in unserer Gesellschaft gibt es Menschen, die leiden. An ihrer Seite sollen wir stehen – mit Wort und Tat.  Da sind Familien, die den Zugang zu Wohlstand und Bildung verlieren, Jugendliche, deren Mangel an Zukunftshoffnung in Frust und Gewalt umzuschlagen droht, krank oder alt Gewordene, die sich nutzlos und verbraucht fühlen. Menschen in unserer Nachbarschaft.

„Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mt 16,26) So fragt Jesus. Es geht ihm darum, dass wir unseren Blickwinkel ändern. Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber: Das Streben nach Geld und Wohlstand darf unsere Seele nicht bestimmen. Unser Streben soll bestimmt sein durch die Liebe, durch den wachen Blick, den wir für unsere Nächsten haben.

„Sein Kreuz auf sich nehmen“ – das meint nicht schicksalhafte Ergebung in das persönlich zu ertragende Leid. Es geht vielmehr um den Protest und den Kampf gegen das Leid, gegen die Kreuze, an die Menschen ihre Mitmenschen immer wieder neu nageln. Nachfolge Jesu heißt Mitleidenschaft für die Menschen um uns, deren Leben sich verbessern lässt. Wer so leidenschaftlich lebt, wird nicht nur verzichten und verlieren, er wird auch finden: Wahres Leben an Jesu Seite.

So erschließen sich Leid und Tod im Glauben.
Jesus, der Menschensohn, ist mitten unter uns.
Der Leidende, der Auferstandene, der Herr und der Bruder – unser Gott.
Heute. Für uns.

 

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Bild: pixabay.com