Geistlicher Impuls

Leben mit einem, der lebt

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Vor zwei Wochen haben wir Ostern gefeiert, und wir feiern immer noch. Ja, jeder Sonntag, auch außerhalb der österlichen Feiertage, ist ein kleines Osterfest. So beten wir im Hochgebet am Sonntag: „Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche“ – den Sonntag – „als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist.“ Wir feiern also heute wieder Ostern. Athanasius hat einmal gesagt: „Der auferstandene Christus macht das Leben des Menschen zu einem ununterbrochenen Fest.“ Dieses „ununterbrochen“ hat freilich etwas Provozierendes an sich. Wir möchten widersprechen. Das heutige Sonntagsevangelium, das sich an die bekannte Emmauserzählung anschließt, könnte uns helfen zu verstehen, wie wir Ostern als ununterbrochenes Fest leben können.

Gott sei Dank hatten sie Angst und kannten sie Zweifel: die Jünger. Das bringt sie uns menschlich näher und macht ihr Zeugnis glaubwürdig. Da heißt es von den Jüngern: „Sie erschraken und hatten große Angst“ (Lk 24, 37). Und da steht die Frage Jesu: „Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen?“ (Lk 24, 38). Eine Auferstehung ist nicht selbstverständlich. Angst und Zweifel bedrängen auch uns immer wieder, wenn wir auf Ostern schauen. Wie kann das sein, was Ostern verspricht? Wer tot ist, bleibt tot! Und dazu die anderen Ängste unseres Lebens mit und ohne Namen. Gestehen wir sie uns ruhig ein: unsere Angst vor der Zukunft, vor dem Altwerden, vor der Ausweglosigkeit einer unheilbaren Krankheit, vor der Einsamkeit; unsere Angst vor dem Tod mit der bangen Frage: Was kommt danach?

Das Osterlicht leuchtet auf in unseren Ängsten und Zweifeln. Das Evangelium zeigt uns, wie die Jünger Angst und Zweifel überwanden, wie sie zum Glauben an den Auferstandenen und an die Auferstehung fanden. Das ist exemplarisch für uns.

Die Jünger waren nach dem Kreuzestod Jesu wie am Boden zerstört. Sie waren am Ende. Wie aber kamen sie dazu, bald darauf die Auferstehung Jesu zu bezeugen und dafür sogar in den Tod zu gehen? Das ist nur möglich, weil der Auferstandene selber sich vor seinen Jüngern bezeugt hat. Er zeigt ihnen seine Hände und Füße mit den Wundmalen seines Kreuzestodes. Wenn er sich sogar Speise bringen lässt, dann wird deutlich, dass kein Gespenst vor ihnen steht, dass sie nicht auf einen Spuk hereingefallen sind. Die Begegnung mit dem Auferstandenen besiegt ihre Ängste und Zweifel und weckt in ihnen den Glauben an die Auferstehung.

Im Hören auf sein Wort und im gemeinsamen Mahl dürfen sie ihn als Lebendigen erfahren.

Dem auferstandenen Christus begegnen wir, wenn wir uns hörend einlassen auf das Zeugnis der Augen- und Ohrenzeugen in der Heiligen Schrift. Dem auferstandenen Christus begegnen wir, wenn wir mit ihm Mahl halten in der Feier der Eucharistie. So ist auch für uns Ostererfahrung möglich.

Der Auferstandene schickt seine Jünger als Zeugen seiner Auferstehung in die Welt. Damit beginnt die weltweite Verkündigung der Osterbotschaft. Unser Glaube gründet auf diesem Zeugnis.

Das neue Leben, das Leben des auferstandenen Christus, ist uns geschenkt worden in unserer Taufe. Jetzt kommt es für uns darauf an, als Ostermenschen zu leben. Das ist unser Zeugnis. Es besteht nicht in vielen Worten, sondern in einem österlichen Leben. Christsein heißt, leben mit einem, der lebt. Im Osterglauben, den ich zu leben versuche, liegt der Grund, dass unser Leben zu einem ununterbrochenen Fest wird.

Leben mit einem, der lebt, heißt: Das Gespräch mit ihm pflegen. Wir dürfen Christus als gegenwärtig erfahren in der betenden, singenden, feiernden Gemeinde. Aber auch das persönliche Gebet in seinen vielfältigen Formen ist immer Begegnung mit dem Auferstandenen.

Leben mit einem, der lebt, heißt: Ihn suchen in den Schwestern und Brüdern. Der lebendige Herr ist nicht auf fernen Wolken zu finden, sondern neben uns: Er ist die alte Frau in ihrer Einsamkeit, die junge Mutter mit ihren Problemen, der Arme in unserer Nähe.

Leben mit einem, der lebt, lässt unser Leben zu einem beständigen Fest werden, auch dann, wenn wir Ohnmacht und Not erfahren. Ja, Christus lebt, und wir leben mit ihm.


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