Geistlicher Impuls Bundesebene

Kirche als Lehr- und Lerngemeinschaft

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 20. Sonntag im Jahreskreis

Es ist eine großartige Erfahrung, dass unserer Kirche eine universale Gemeinschaft ist. Dass sie Grenzen überschreitet und überwindet. Dass sie Menschen aus allen Völkern und Nationen in dem einen Glauben zusammenführt.

Dass sie eben katholische Kirche ist, im ursprünglichen und besten Sinne des Wortes. In einem eigentümlichen Kontrast zu dieser Erfahrung steht das Evangelium, das wir gerade gehört haben. Da leidet eine Frau. Sie hat eine Tochter, die mit starrem Blick in der Ecke sitzt, umgetrieben von dämonischen Mächten. Die Frau ist hilflos, setzt ihre letzte Hoffnung auf Jesus, schreit ihn verzweifelt an: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ (Mt 15, 22)
Jesus aber sagt kein Wort. Als seine Jünger nachhaken und ihn bitten, der Frau zu helfen, damit sie nicht mehr so schreit, da bekommen sie zur Antwort: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt!“ (Mt 15,24)
Und als die Frau voller Not noch einmal sagt: „Herr, hilf mir!“, (Mt 15,25) da bedient sich Jesus eines nicht gerade freundlichen Bildes: Er vergleicht die Frau mit einem Hund und sagt: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ (Mt 15,26). Im Klartext: Wir, die Juden, sind die wahren Kinder Gottes. Uns sind die Wohltaten und Segnungen Gottes zugedacht. Ihr aber, ihr Nicht-Juden, seid wie die Hunde im Haus. Das gute Brot ist nicht für euch, für euch ist nur das minderwertige Futter. Ihr gehört nicht an den Tisch Gottes, ihr seid nur zweite Klasse.

Jesus also weiß sich in seinem Selbstverständnis allein zu seinem eigenen Volk gesandt. Israel ist der Adressat seiner Botschaft. Das Zwölf-Stämme-Volk soll zu Gott umkehren. Die anderen Völker, womöglich eine weltumspannende Gemeinschaft des Glaubens, sind zunächst nicht im Blick Jesu.

Versuchen wir nicht, diese ernüchternden Aussagen zu relativieren nach dem Motto: Jesus hat das ja alles nicht so gemeint, er hat den Glauben der Frau erst prüfen wollen. Oder: Der Evangelist Matthäus hat die Geschichte in seiner großen Wertschätzung des Judentums ein wenig übertrieben. Nein, gerade die Sperrigkeit des Textes und die Tatsache, dass der Evangelist Markus ihn ebenfalls überliefert, Lukas ihn aber weggelassen hat, spricht dafür, dass hier eine Szene aus dem Leben Jesu uns ganz echt und unverfälscht überliefert wurde. Es bleibt dabei: Nicht-Juden, andere Völker sind zunächst nicht im Blick Jesu.

Allerdings geht die Geschichte noch weiter. Weiter geht sie dadurch, dass sich die Kanaanäerin als eine starke Frau erweist, die sich nicht abwimmeln lässt. Schlagfertig und provozierend und sehr wirkungsvoll greift sie das Wort Jesu auf: Wenn es denn schon so sein soll, mein lieber Jesus, dass ich als Nicht-Jüdin eine Art Hündin bin, dann möchte ich doch darauf hinweisen, dass Hunde immerhin noch ein paar Reste der Krümel ihrer Herren abkriegen.

Jesus ist wohl verblüfft gewesen. Mit einer solchen Antwort hat er nicht gerechnet. Er lernt dazu. Jesus, der uns in den Evangelien meist als ein Lehrender begegnet – hier ist er ein Lernender. Von dieser uns namentlich nicht bekannten Frau aus der Gegend von Tyrus und Sidon lernt er: Es gibt kein Heil für ein Volk allein. Israel ist erwählt – nicht, um das Heil exklusiv für sich zu behalten, sondern um es weiterzutragen in die Völkerwelt hinein. Die Sendung Jesu lässt sich letztlich nicht beschränken. Sie ist ihrem Wesen nach eine universale Sendung, die jedem Menschen gilt.

Der kurze Dialog zwischen Jesus und der Frau hat Weltgeschichte gemacht. Er hat mit dazu beigetragen, Jesus, die Jünger und später die ganze Kirche lernen zu lassen: Die Kirche soll nach Gottes Willen eine alle Nationen umgreifende Gemeinschaft sein. Das Evangelium soll Grenzen überschreiten und Kulturen verbinden. Aber, wie schon gesagt, das musste Jesus, das musste die Kirche erst lernen.

Lernen, das wäre dann auch das Stichwort, das für uns wichtig werden kann:  Jesus als Lehrender und Lernender. Die Kirche als Lehr- und Lerngemeinschaft.
So wie Jesus oft nur als Lehrender in den Blick kommt, erfahren wir oft auch die Kirche nur als Lehrgemeinschaft. Sie hat ein Lehr-Amt, und der Papst ist der oberste Lehrer der Kirche. Das ist auch nicht schlecht.  Denn die Kirche hat eine ganze Menge zu verkünden und zu lehren gemäß dem berühmten Wort Jesu, das Matthäus am Ende seines Evangeliums aufgeschrieben hat:

„Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28, 19)

Aber die Kirche ist eben nicht nur eine Lehrgemeinschaft. Sie ist auch eine Lerngemeinschaft. Die Kirche muss auch bereit sein zu lernen – von innen her wie von außen. Sie muss immer neu lernen, wie die an sich zeitlose Botschaft in die Zeit hinein transportiert werden kann. Sie muss auch bereit sein, sich von außen, von der Welt, von Kritikern, von anderen Kirchen und Konfessionen etwas sagen zu lassen – so wie die heidnische Frau von außen her das Denken und die Praxis Jesu in Frage gestellt hat.

Menschen auf der ganzen Welt in unserer Zeit lernen voneinander, wie Glauben in verschiedenen Kontinenten geht oder auch nicht geht. Sie lassen sich anstoßen von den großen Themen, die die ganze Welt bewegen: Freiheit, Menschenwürde und die Bewahrung der Schöpfung.

Solche Menschen sind Erzählende und Hörende, Ratgeber und Ratsucher, sie stellen Fragen und geben Antworten. Das ist die Fortführung und Verwirklichung dessen, was schon in jener alten Erzählung des Matthäus von der starken heidnischen Frau exemplarisch aufleuchtet: Kirche als Lehr- und Lerngemeinschaft, als verbindendes Zeichen für die Welt. 

 

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Bild: pixabay.com