Bundesebene Geistlicher Impuls

In jeder Konsequenz mit ihm gehen

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum heutigen Sonntag

Zwei großartige Texte des Glaubens, werden uns heute verkündet. Das Opfer des Abraham und die Verklärung des Herrn. - Nähern wir uns zunächst dem Evangelium-Text.

Jeder Mensch stellt sich wohl in seinem Leben drei Grundfragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?

Glaube heißt, auf diese Grundfragen zu antworten. Der Sinn aller Antworten lautet: Jesus Christus. Das Ziel seines Auftretens, das Ziel seiner Botschaft ist das Reich Gottes. Es will den Menschen in ihre Situationen von Krankheit und Leid Hoffnung hineinsagen. Hier genau setzt Verklärung an, die Geschichte, die wir im Evangelium gehört haben. Christus macht sein Gottsein, seine Kraft deutlich, indem er Zukunft aufleuchten lässt, indem er zeigt, was die Menschen von ihm erwarten können.

"Für wen halten die Leute mich?" fragt er. Verklärung heißt, dass er die Menschen im Innersten erreichen will. Er will uns aufleuchten als Helfer und Heiland. So wird die Verklärung des Herrn zu einer Hilfe für uns, Christus besser zu verstehen; sein Tun für die Menschen im Lichte Gottes zu sehen, das Heil von ihm zu erwarten. Dies bedeutet in unserem Glauben: Gott will Heil für unsere Welt und dieses Heil erscheint besonders in Jesus Christus. Aber wollte Gott immer solches Heil? Ist er wirklich der Gott der Liebe und der Gott des Lebens?

Soll die Rede vom lebensbejahenden Gott auch zutreffen für die Erzählung aus dem Alten Testament von der Opferung des Isaak? Wird nicht vielmehr in dieser Erzählung Leben eingefordert? Leben in Frage gestellt? Nach dieser Lesung erheben sich in mir viele Fragen. Die Frage nach Gott: Was ist das für ein Gott, der solche Forderungen stellt? Wie kann Gott so grausam sein?

Die Frage nach dem Menschen: Wie kann ein Vater so etwas tun? Der Abschnitt aus dem Alten Testament ist eine Versuchungsgeschichte. Der Mensch wird in Versuchung geführt - von Gott.

Es geht um eine Situation, in der der Fromme vom Weg des Glaubens abkommen kann, um eine Situation, die ihn dazu verleiten kann, sich nicht auf Gott, sondern auf andere Mächte oder auf sich selbst zu verlassen. Eine Situation, die wir auch in unserem Leben kennen. Wie verhält sich nun der Glaube des Frommen in solch einer Zerreißprobe?

Das wird uns an Abraham verdeutlicht - an Abraham, dem "Vater unseres Glaubens", wie ihn das Neue Testament später nennt.

Das, was man überhaupt von einem glaubenden Menschen sagen kann, das will uns die Bibel an der Person Abrahams und an seinem Verhalten zeigen. - Schauen wir  noch einmal auf die Erzählung: Isaak, der Sohn der Verheißung, in diesem Sohn sieht Abraham seine Zukunft. Dieser, sein Sohn, der Unersetzliche, der Geliebte, der Träger der Verheißung: Er soll geopfert werden. Ohne ihn kann sich Abraham keine Zukunft vorstellen. Nun soll er ihn auf Gottes Geheiß hergeben ohne Hoffnung auf Ersatz. Das ist die Anfechtung seines Glaubens. Was soll er tun?

Er zögert nicht und macht sich auf den Weg, Isaak zu opfern.

Er geht dorthin, wo Gott das Opfer einfordern will. Schon dieser Weg ist ein Bild seines Glaubens. Vielleicht begreifen wir noch nicht die ungeheure Bedeutung Isaaks. Er ist die Zukunft Abrahams, aber zugleich noch mehr. Die beiden sind so eng miteinander verbunden, dass man wohl sagen kann: Abraham soll also nicht nur einem anderen etwas antun, er soll sich selbst etwas antun, er soll sich seiner eigenen Zukunft berauben. 

Eine Zumutung, die für Abraham zur größten Glaubensfrage wird.

Vielleicht blickte Abraham zurück: Gott hatte ihm doch eine große Zukunft verheißen. Denn am Beginn der Abrahamserzählung wird berichtet, wie Abraham auf den Weg des Glaubens geschickt wird mit der Zusicherung, er werde auf diesem Weg Zukunft finden: "Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen", hatte Gott gesagt. Und nun soll er den Weg gehen mit der Sicherheit, dass er gerade durch seinen Glauben, gerade durch sein Vertrauen auf Gott die Zukunft verwirkt.
Gott erscheint in dieser Erzählung als eine Macht, die ihre Zusicherung nicht einhält. Der Glanz der Verklärung scheint hier nicht zu sein. Es geht hier also nicht nur um einen Gott, der hart und unverständlich handelt; es geht um einen Gott, der seinem eigenen Wort zuwider handelt. Bringen wir es auf den Punkt: in unerbittlicher Schärfe wird gezeigt, dass Gott nicht nur die Vernichtung des Glaubenden zulässt, sondern, dass er sie sogar herbeiführt. Er führt sie gerade dann herbei, wenn der Glaubende den Weg geht, den Gott selbst ihm weist.

Was sind das für düstere Aussichten. Das hieße ja, auf dem Glaubensweg kann es keine guten Überraschungen mehr geben. Das Ziel ist von vornherein bestimmt: Tod, Vernichtung der Zukunft, Verlust des verheißenen Heiles. So jedenfalls muss es dem Menschen erscheinen. Und wenn wir auf manche Situation um uns herum schauen, dann scheint das doch wirklich so zu sein: Gerade der, der auf Gottes Wegen geht, hat plötzlich eine schwere Krankheit, gerade der erlebt ein schlimmes Schicksal, gerade der stirbt früh. Das ist doch eine große Anfrage an unseren Glauben. Nicht nur eine Zerreißprobe für den Glauben Abrahams, sondern auch für unseren Glauben. Damit ist es aber noch nicht zu Ende.

Wie besteht Abraham nun diese Probe? Oder: Wie verhält sich der Glaubende in einer solch aussichtslosen Situation?

Abraham antwortet durch sein Tun - ein Tun, das Gehorsam ist, aber mehr noch Offenheit, Erwartung. Mit quälender Genauigkeit zeigt der Text, wie unerbittlich Abraham darangeht, sich selbst der Verheißung zu berauben, bis zu dem Satz: "… baute Abraham den Altar und schichtete das Holz auf. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten." 

Nichts ist rettend oder auch verzögernd dazwischengetreten. Er hat den festen und bereiten Willen, seinen Sohn zu opfern. Unvorstellbar. Er geht zum Tod seines Sohnes und macht sich darüber nichts vor. Aber, aber dennoch erwartet er Leben zu finden, dennoch leuchtet die Verklärung am Horizont. Und das, das ist es. Diese widersprüchliche Gewissheit ist Merkmal des Glaubens. 

Das ist entscheidend. Buchstäblich im letzten Augenblick erfüllt sich der Glaube Abrahams; Isaak, seine Zukunft, wird ihm geschenkt. 

Es scheint mir, dass für uns deutlich werden soll: Nur wer den Weg des Glaubens bis zum Letzten geht, erreicht die verheißene Zukunft. Das ist auch bei uns so. Gott hat den Glauben durch die Geschichte hindurch zu uns gelangen lassen. Durch Jahrhunderte hindurch, in denen Menschen Ähnliches widerfahren ist wie Abraham, in denen ihr Vertrauen und ihr Glaube angefochten waren, aber sie im Glauben ihren Weg weitergegangen sind. Sie bezeugen auf ihrem Weg: Gott will unser Leben.

Wir sind bei ihm gut aufgehoben.

Kehren wir zu unserem Vorbehalt vom Beginn zurück: Gott will Leben für die Welt - ist das wahr? Ich meine, darauf antworten zu dürfen für die vielen Glaubenden der Geschichte und der Gegenwart: Ja , wir sind gut aufgehoben.

Gott will unser Leben. Es kommt darauf an, alles von ihm zu erwarten und in jeder Konsequenz mit ihm zu gehen. Uns darauf einzulassen, fordert er uns auf. Tun wir es, auch heute. Das bedeutet Glauben. Das bedeutet Heil, Leben, Verklärung.

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland