Bundesebene Geistlicher Impuls

In Geduld wachsen und reifen

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum heutigen Sonntagsevangelium

Es ist genau diese Erkenntnis: Wer in den Augen der Welt und um des Evangeliums Willen für nichts erachtet wird, den wird Gott groß machen im Reich der Wahrheit, des Lichtes und des Lebens. So soll wohl über alle Zeit hinweg den Gläubigen deutlich bleiben, wie Gott mit den Menschen umgeht; wie Er sich auch denen zuneigt, die gering geachtet werden. Ja, das gerade die Unscheinbaren heranwachsen im Reich Gottes.

Wir können die Gleichnisrede Jesu in zweifacher Weise deuten. Wir können uns vorstellen, dass es Gott ist, der den Samen des Reiches Gottes in die Erde senkt. Er hat Geduld, Gelassenheit und Hoffnung. Aus den Samenkörnern wird etwas werden, das Frucht bringt. Aus den Menschen und mit den Menschen wird das Reich Gottes wachsen und Frucht bringen. Geduldig und gelassen lässt Gott uns Menschen Zeit. Liebevoll traut Gott uns Menschen zu, dass wir miteinander etwas zustande bringen, das am Ende den Namen Reich Gottes verdient. Soviel Vertrauen kann stärken, doch manchmal wünschen wir uns, Gott möge sich doch mehr kümmern.

Wir dürfen uns auch vorstellen, dass wir selbst in die Rolle des Mannes schlüpfen, dem der Samen anvertraut ist. Da sagt uns die Gleichnisrede Jesu, es kommt nicht darauf an, dass du furchtbar viel werkelst und bis zur Erschöpfung rackerst. Es kommt auf ein Entscheidendes an: Dass du dich traust, den Samen in die Erde zu versenken. Dass du ihn dorthin gibst, wo er dir entzogen ist. Dass du ihm Ruhe gibst, damit aus ihm selbst etwas wachse.

Wenn Hilfswerke, Verbände und Gemeinden nicht zusammenbrechen sollen, wenn Menschen nicht ausbrennen sollen, dann ist es wichtig, die Einsatzbereiten zu entlasten; nicht nur vom konkreten Handeln, sondern emotional und im Kopf. Du musst nicht die ganze Last auf deinen Schultern tragen. Du darfst Geduld haben, dir Ruhe gönnen. Du darfst vertrauen, dass dir Kraft und Stärke geschenkt werden. Das Reich Gottes unter den Menschen wächst, weil Gott so ist wie liebende Eltern: geduldig, Zeit gewährend, Vertrauen schenkend, gelassen manchen Umweg ertragend, so dass der Mensch für sich und andere, für das Reich Gottes immer verantwortungsbereiter und -fähiger wird. 

Das ist nicht einfach, denn wer Verantwortung übernimmt, macht Fehler, wird enttäuscht, wird an Punkte kommen, wo er nicht mehr weiter weiß. Der Geduldige und Zuversichtliche wird daran wachsen.
Die Gleichnisse haben recht. Denn bei aller Schönheit ihrer Sprache und Bilder lassen sie nicht zu, dass wir uns glauben machen könnten, es sei besser, klein zu bleiben, sich zu verstecken, aufbewahrt zu werden, damit nichts passiert. Es passiert eine ganze Menge, bis aus dem Samen die reiche Frucht wird. Es geschieht einiges, damit aus dem kleinsten aller Samenkörner die große Senfstaude entsteht.

Sicher gibt es Gründe, den Samen aus der Erde zu lassen oder es nicht zu riskieren, den grünen Halm ans Licht zu strecken: eine kindliche Sehnsucht nach gleichbleibender Geborgenheit ohne Risiko, oder die Angst vor Gefahren, die Angst vor Auseinandersetzung, die Angst, seine Meinung vertreten zu müssen.

Doch das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, ist anders. Wenn es wahr ist, dass dort jeder wachsen darf, wie es seiner Eigenheit entspricht, und dass jedes Pflänzlein geschätzt und geliebt ist, dann lohnt es sich, in Geduld zu reifen und sich hinauszuwagen in das Abenteuer des Reiches Gottes.

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland