Geistlicher Impuls

Gottes Licht leuchtet über uns

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Fest der Erscheinung des Herrn

„Aufstehen! Es ist Zeit!“, so werden Schlafende geweckt. „Es wird schon hell, schau: die Sonne ist aufgegangen!“ Manch einer, dem dies zugerufen wird, fühlt sich noch todmüde, wie erschlagen. Er kann es noch nicht fassen, dass es sich lohnen soll, erneut die Mühen eines Tages auf sich zu nehmen.

Nicht nur am frühen Morgen brauchen wir zuweilen jemand, der uns zuruft: „Aufstehen! Die Sonne ist aufgegangen!“ Ein solch aufmunternder Rippenstoß kann auch in Stunden der Mutlosigkeit oder Enttäuschung sehr notwendig und heilsam sein. Das gilt für den einzelnen genauso wie für Ehe und Familie, eine Gemeinde, ein Volk oder die Kirche.

„Steh auf, werde Licht“ (Jes 60, 1a). Dieser Ruf des Propheten Jesaja in der heutigen Lesung war auch so ein Appell zum Aufstehen. Wie haben die Menschen diesen Ruf damals aufgenommen? Sie waren eben erst aus der babylonischen Gefangenschaft in ihre Heimat zurückgekehrt. Aber was haben sie dort angetroffen? Ihr geliebtes Jerusalem mit dem Tempel war zerstört, überall Trümmerfelder und verwüstetes Land, Armut und Not. Jeder fragte sich: Kann es da noch eine Zukunft geben? Der Prophet Jesaja wusste, wie wichtig es war, dass jetzt das Volk nicht aufgab. Er war überzeugt: Gottes Herrlichkeit hat begonnen, die Finsternis aufzubrechen. Befreiung und Heimkehr sind erst der Anfang; Gott wirkt weiter: „Über dir geht strahlend  der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir“ (Jes 60, 2b).

Die Kirche erinnert am heutigen Fest der Erscheinung des Herrn an diesen Aufruf, weil sie in der Geburt Jesu die Erfüllung dieses Rufes erkennt. Der Evangelist Johannes sagt: „Das Licht leuchtet in die Finsternis.“ Freilich fügt er enttäuscht hinzu: „ ... und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,5). Auch wir sind manchmal begriffsstutzig, obwohl wir uns Christen nennen. Tatsächlich kann die Finsternis uns ja auch gelegentlich so überwältigen, dass wir beim besten Willen den Morgenstern, der den hellen Tag ankündigt, nicht wahrnehmen.

„Aufstehen! Die Sonne ist aufgegangen!“ Ob wir bei diesem Ruf aus dem Bett springen oder liegenbleiben, hängt davon ab, welchen Glauben, welche Bedeutung wir ihm schenken. Ähnlich verhalten wir uns, wenn uns gesagt wird: „Werde Licht (...) und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir." (Jes 60,1) Übersetzt in unsere Sprache heißt dies: „Mach doch kein so finsteres Gesicht! Sei nicht so abweisend. Siehst du nicht, dass immer mehr Hoffnung in unser Leben kommt?“ Solche Appelle sind schwierig. Auf Kommando Ärger oder schlechte Laune abschalten und dann fröhlich zu sein, kann künstlich wirken. Und wenn zudem von dieser angekündigten Herrlichkeit absolut nichts zu sehen ist, wird es besonders schwierig. Liegt es da nicht nahe zu sagen: "Lieber Prophet, deine Worte sind zwar gut gemeint, aber behalt sie lieber für dich? Weder zu deiner Zeit noch zur Zeit Jesu noch in unserer oder irgendeiner anderen Zeit ist das eingetroffen, was du begeistert angekündigt hast. Immer noch müssen wir sagen: 'Finsternis bedeckt die Erde.'" (Jes 60,2)

Ja, aber es gibt auch das Licht. Die Bibel sieht im Einbruch des Lichtes in das dunkle Chaos den Anfang des schöpferischen Wirkens Gottes. Und wo Gottes Licht einmal Fuß gefasst hat, da ist es nicht mehr auszulöschen. Das zeigt die Geschichte Jesu von Nazareth, die unscheinbar in Betlehem begann. Das Licht, das mit ihm in die Welt kam, konnte selbst in der Nacht des Karfreitags nicht zerstört werden, sondern brach als Ostersonne umso strahlender durch. Und für das Ende der Zeiten verspricht uns Jesus: „Denn, wie der Blitz im Osten aufflammt und bis zum Westen hin leuchtet, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein.“ (Mt 24,27)

Es ist nicht wahr, dass von dieser Herrlichkeit, von diesem Licht nichts zu sehen wäre. Mit Jesus Christus ist tatsächlich unsere Welt heller geworden. Freilich bedarf es gläubiger Augen, um dies zu erkennen. Aber wenn ich dieses Licht erkannt habe, dann hat die Finsternis und das Dunkle den lähmenden Schrecken verloren, jedenfalls für alle, die das Licht Gottes nicht scheuen. Tausende von Menschen haben sich schon in dieses Licht gestellt und es selbst weitergegeben. Heilige, also Menschen, die in diesem Lichte wandeln, sind ein lebendiger Beweis dafür, dass die Herrlichkeit des Herrn aufgegangen ist. Im Licht lebt man anders als in der Finsternis. Im Dunkeln sehe ich das Gesicht des anderen nicht. Wen wundert es, dass ich mich dann vor dem anderen fürchte, ihn als Gegner, Konkurrent oder sogar Feind empfinde? Im Licht wird der andere zum Nächsten.

Aber dieses Licht kann ich nicht selbst entzünden. Ich kann es nur empfangen und weiterstrahlen lassen, reflektieren. Dadurch werde ich selbst zu einem Lichtstrahl.

„Aufstehen! Die Sonne ist aufgegangen!“ Wenn uns das heute zugerufen wird, dann ist dies nicht der Befehl eines Antreibers, der mit der Peitsche hinter uns steht. Es ist vielmehr eine Einladung, noch besser: das Startzeichen, dem Licht entgegenzugehen und selbst zu leuchten. Angelus Silesius drückt es mit dichterischen Worten in seinem bekannten Lied so aus:

Morgenstern der finstern Nacht,
der die Welt voll Freuden macht,
Jesu mein, komm herein,
leucht in meines Herzens Schrein.
Du erleuchtest alles gar,
was jetzt ist und kommt und war;
voller Pracht wird die Nacht,
weil dein Glanz sie angelacht. (Gl 372,1.4)

Heute feiern wir das Fest der Erscheinung des Herrn. Ja, Gottes Licht leuchtet über uns. 


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