Geistlicher Impuls Bundesebene

Gedanken des Herzens

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

In den Worten des heutigen Evangeliums liegt so etwas wie Abschiedsstimmung. Abschiednehmen ist eine Erfahrung, die wir immer wieder in unserem Leben machen, und zwar mit sehr unterschiedlichen Empfindungen. Manchmal geht das ganz leicht, aber es kann auch so schmerzlich werden, dass wir zunächst glauben, wir könnten danach nicht mehr leben. Der Mensch kann durch einen Abschied wie gelähmt oder halbtot sein. Da kann eine Welt zusammenbrechen, und es braucht seine Zeit, manchmal Jahre, bis er die Freude am Leben wiederfindet. Wie das dann im Einzelnen geschieht, ist eigentlich gar nicht zu sagen. Es ist eher so, dass sich das Leben durchsetzt.

An den letzten Sonntagen haben wir immer wieder solche Botschaften vom Leben gehört, die sich gegen die Hoffnungslosigkeit durchsetzen. Und diese Geschichten fingen immer an mit Menschen, die sich mit dem Tod abfinden wollten. Sie hatten sich von ihren schönsten Erwartungen verabschiedet. Sie hatten vergessen oder konnten sich nicht vorstellen, was vom Leben und von der Auferstehung gesagt worden war, als Jesus unter ihnen weilte.

Mit der Frohbotschaft der Osterzeit wollte die junge Kirche mit immer neuen Erfahrungen sagen, wie Menschen zum Glauben an den Auferstandenen gekommen sind und immer wieder kommen können.

Im heutigen Evangelium scheint noch ein besonderer Akzent hinzuzukommen. Es geht nicht nur um die Gewissheit, dass der Herr lebt, sondern es soll die Erfahrung vermittelt werden: Dieses Leben ist anders, es ist das Leben mit dem erhöhten Herrn, mit Jesus, der beim Vater ist. Darin schwingt so etwas mit wie Abschied, aber es ist auch wieder kein Fernsein. Es ist anders. Es ist Leben mit Jesus Christus, aber sehr selbständig, mit eigener Verantwortung, mit eigenen Ideen und auch Risiken, auf jeden Fall erwachsen und mündig. Wie dieses Leben mit dem erhöhten Herrn sich vollziehen kann, dafür möchte Jesus im heutigen Evangelium seinen Freunden einige Hinweise geben.

Die Jünger fühlten sich in der Gemeinschaft mit Jesus sicher und geborgen. In seiner Nähe wussten sie sich angenommen. Jesus bereitete sie auf eine Zeit vor, in der sie auf eigenen Füßen stehen mussten. Sie mussten erwachsen werden, selbst Verantwortung übernehmen, sich weiterentwickeln, Überzeugungen festigen und weitersagen. Die erste Reaktion vor großen Aufgaben ist meistens Unsicherheit und Angst.

Jesus trifft diesen Punkt mit seinem Wort: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. – Steht zu dem, was ihr im Herzen angenommen habt. Achtet auf das, was euch zu Herzen geht, was euch betroffen macht. Habt Mut zu den Gedanken eures Herzens. Lasst euch nicht zumauern und eindämmen von Meinungen und Lehrsätzen, auch nicht von frommen. Lasst alles an euer Herz heran, lasst es durch euer Herz hindurchgehen. Schaut, was euer Herz, die Mitte eures Lebens, daraus macht. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", heißt es im Kleinen Prinzen von Saint-Expuéry. Und in dem Buch "Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna" heißt es an einer Stelle, wo Anna sich ihrem Freund gegenüber Sorgen macht, ob sie auch alles richtig versteht und richtig macht: "Hab keine Angst, Anna, dein Gehirn macht vielleicht einmal einen Fehler, aber dein Herz niemals."

Dem Herzen folgen – wer möchte das nicht? Gedanken des Herzens haben wir alle in Fülle. Aber vielleicht fehlt uns manchmal der Mut, Gedanken des Herzens zuzulassen. Sie sind so persönlich, lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, sind originell und müssen verantwortet werden. Sie machen uns auf der einen Seite einsam, weil wir mit ihnen oft allein stehen, auf der anderen Seite sind sie der schönste Grund für Gemeinsamkeit, weil wir damit das Ureigene in die Vielfalt des Lebens einbringen. Damit wir keine Angst bekommen vor diesen ureigenen Gedanken des Herzens, fügt Jesus im heutigen Evangelium sehr anschaulich die Worte hinzu: "Bei meinem Vater sind viele Wohnungen. Da ist für jeden Platz, den ich kennengelernt habe; denn ich gehe selbst hin, diesen Platz zu bereiten. Ein Platz, der für den Menschen geeignet und erfüllend ist."

Ich möchte noch ein zweites Wort herausgreifen, das uns etwas sagen soll über das Leben mit dem erhöhten Herrn. Aus dem Wunsch nach klaren Richtlinien wird im Evangelium die Bitte geäußert: "Herr, zeige uns den Vater, das genügt uns!" – Da muss Jesus passen. Den Vater vorzeigen kann er nicht. Er kann den Vater nur bezeugen, seinen Willen tun, seine Menschenfreundlichkeit verkünden und so handeln. Darum kann er dem Philippus auf seine Bitte hin nur sagen: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen!"

Für mich steckt in diesen Worten ein sehr grundsätzlicher Hinweis. Für einen Christen ist es wichtig, dass er nicht Wunschvorstellungen nachläuft, sondern immer auf das schaut, was vor ihm ist, auf Dinge und Menschen, mit denen ihn das Leben zusammenbringt. Das sind keine Zufallsbegegnungen, das sind Lebenszeichen, die eine Botschaft an mich herantragen sollen. Wer die Welt nicht anschaut, wer sie nicht an sich heranlässt, kann Gott nicht begegnen. Wer sich nicht anfreunden kann mit diesem Menschen Jesus von Nazareth, mit diesem Armen und zutiefst Reichen, mit diesem Geliebten und Verhassten, mit diesem Machtvollen, der doch am Kreuz stirbt; wer ihn nicht anschaut mit seinem ganzen Leben und in allem, was lebt, der wird keinen Zugang zum Vater finden, der wird sich kein Bild machen können von Gott. Das Anschauen der Wirklichkeit, wie sie ist, schön und schmerzvoll, soll nach dem Hinweis Jesu der Weg sein, auf dem wir den Vater erkennen.

Von Ernesto Cardenal stammt das Wort: "Jedes Lebewesen ist eine Liebeserklärung Gottes an den Menschen." Der richtige Ort, wo Liebeserklärungen wachsen und ankommen, ist das Herz. Darum ist es so wichtig, den Mut zu den Gedanken des eigenen Herzens zu haben.

Wir leben daraus. 

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