Geistlicher Impuls

Fürchtet Euch nicht!

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 12. Sonntag im Jahreskreis

Christlicher Glaube ist in der Gesellschaft nicht selten verbunden gewesen mit der Erfahrung von Verfolgung und Bedrängnis. Auch in unserem Land haben Menschen vor Jahrzehnten am eigenen Leibe spüren müssen, was Leben aus dem Glauben in einer Gesellschaft, die von diktatorischer Macht tyrannisiert wird, im äußersten Falle nach sich ziehen kann. Die Worte aus dem Matthäus-Evangelium scheinen auch eine Situation widerzuspiegeln, die von schwierigsten Lebens- und Glaubensbedingungen geprägt ist. Aus einer solchen Erfahrung der frühchristlichen Gemeinde formuliert der Evangelist die schroffen Sätze vom Bekenntnis der Christen, von Rettung oder Verderben.

In vielen Teilen der Welt stehen Christen heute vor ähnlich schwierigen Bedingungen, vor der Frage, entweder Christus zu verleugnen und sich staatskonform zu verhalten oder Christus zu bezeugen und sich damit querzustellen. Gerade sie werden die Botschaft unseres Evangeliums sehr ursprünglich hören und existentiell erfahren. 

Unsere gesellschaftliche und kirchliche Situation ist freilich eine ganz andere. Es gibt manchmal Anfeindungen, wenn Prinzipien vertreten werden, die uns das Evangelium an die Hand gibt. Aber wir werden nicht verfolgt, wenn wir den Glauben bezeugen. 

Was ist das nun eigentlich für ein Bekenntnis, welches das Evangelium will? Will Matthäus seine Gemeinde dazu drängen, unbequeme überlieferte Glaubenssätze festzuhalten und diese besonders dann zu betonen, wenn sie dem Geist der Zeit widersprechen? Mir scheint, dass es dem Evangelisten gar nicht um die Bejahung formaler Glaubenssätze geht, sondern um etwas ganz anderes. In unserem Text ist auffallend, dass Jesus mehrfach sehr eindringlich seinen Jüngern zuruft: „Fürchtet euch nicht!“ Offenbar gehört die Furchtlosigkeit zu dem, was Jesus mit „Glauben“ verbindet. Es ist also nicht so sehr ein Glaubensbekenntnis im Sinne einer Katechismuswahrheit, die der Christ zuerst bejahen muss, um vor Gott bestehen zu können; der Evangelist will vielmehr die Gemeinde dazu ermutigen, auf den zu vertrauen, der sie aussendet. Aber – um das nicht misszuverstehen – Vertrauen im Sinne des „Fürchtet euch nicht!“ ist kein Allerweltswort. Es ist die Frage nach der grundsätzlichen Lebenseinstellung. Es ist eine Grundentscheidung, woher wir unser Leben verstehen. Wir können uns von uns selbst her verstehen; wir können uns als "Zufall" betrachten, möglicherweise sogar als einen unglücklichen Zufall. Dann werden wir nicht im Vertrauen leben können, weil wir uns dem willkürlichen Spiel der Mächte ausgeliefert sehen. Wir können auch den Versuch machen, auf uns selber, unsere Selbständigkeit, unsere Leistungen zu bauen, aber auch und gerade dann werden wir scheitern. Die Ohnmacht, in der wir uns immer wieder vorfinden, ist dann das letzte Wort. Perspektivlosigkeit greift gerade dann um sich, wenn der Mensch keine Lebensgrundlage sieht, die ihn tragen kann. Sein Dasein ist abgrundtiefe Angst.

Das Evangelium will von uns, dass wir Gott nicht verschweigen. Es will es aber so, dass wir den Menschen Mut machen, sich auf Gott zu verlassen. Wir sollen den Menschen unserer Zeit einsichtig machen, dass es uns in den Widersprüchen unserer Existenz hilft, in Gott den tragfähigen Grund unseres Lebens zu sehen. Es geht nicht darum, in der "bösen" Zeit "Flagge"‘ zu zeigen, sondern dem denkenden Menschen von heute, der auf der Suche ist und oft an sich selbst verzweifelt, erfahrbar zu machen, dass er von Gott gehalten wird.

Diese Auseinandersetzung ist nicht immer einfach, aber sie hilft uns, unser eigenes Leben immer wieder vom Glauben her zu befragen. Der Glaube ist dann befreiend, wenn er einen Gott verkündet, der den Menschen über den Tag hinaus für sich gewinnen will. 

Matthäus lässt Jesus das schöne Wort sprechen: "Was ich euch im Dunkeln sage, das redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern." (Mt 10,27) – Sicher ist das kein Drohwort, sondern Jesus will seinen Jüngern, die er aussendet, Mut machen, will ihnen die Sicherheit mit auf den Weg geben, dass sie nicht allein sind. Mich erinnern diese Aussendungsworte an die Worte vom Licht und vom Salz aus der Bergpredigt. Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt! (vgl. Mt 5,13.14) Jesus will uns sagen, was er uns zutraut, für wen er uns hält, was wir von Gott aus immer schon sind. Wir sind Licht, wenn wir auch oft große Schatten werfen; unser Leben hat Sinn, wenn es auch oft sinnlos erscheint, was wir tun. Wir müssen uns aber auf den Weg machen und dürfen das auch, um zu erleben, was Gott mit uns vorhat. So gesehen ist der Versuch, das „Fürchtet euch nicht!“ Jesu zu leben, tatsächlich ein Glaubensbekenntnis.

Dag Hammerskjöld hat einmal gesagt: „Du wagst ein Ja und erfährst etwas Sinn; du wiederholst dein Ja, und alles bekommt Sinn. Wenn alles Sinn hat, was soll man denn anderes leben als das Ja.“

Darauf will Jesus mit uns hinaus. Er will, dass wir das Ja Gottes auf unsere Zeit wirken lassen. Und genau dazu möchte ich ermutigen: Dem guten Gott Kraft im eigenen Leben zu geben. Ihm wirklich etwas zuzutrauen. Ihn als Wegbegleiter, Orientierung und Ziel zu erfahren. Gott ist unsere Kraftquelle. Wenn wir in seine Wirklichkeit eintauchen, tauchen wir in unserem Leben und im Leben der Menschen wieder auf. Gott ist Kraft und Stärke. Ganz konkret. Für unser Leben. 

 

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