Geistlicher Impuls

Die Macht der Liebe

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Christkönigssonntag

Das Christkönigsfest fällt in die Phase eines Wechsels: Die Gesellschaft schaltet gedanklich um vom normalen, dahinlaufenden Jahr hin zu der sehr aufgeladenen, vermeintlich besinnlichen Zeit, die ihr Ziel sogleich im Weihnachtsfest gesetzt bekommt.

Kirchlicherseits steht sogar ein Jahreswechsel an: Mit dem Advent beginnt nach der langen Reihe der Sonntage im Jahreskreis ein neues Kirchenjahr. Der Christkönigssonntag bildet gewissermaßen das Scharnier zwischen den Zeiten. Ein zentraler Aspekt des Christkönigsfestes ist die Ohnmacht. Dazu fällt mir ein 14-jähriger Junge ein, der sagt: „Wenn ich daran denke, packt mich eine Wut, weil ich weiß, dass ich als Schüler nicht viel ausrichten kann. Ich denke an Kriege, Klimawandel, Rassismus aber auch an Benachteiligungen in der Schule, Ungerechtigkeiten, Ignoranz. Manchmal ist mir übel vor Ohnmacht und Wut.“

Wer kennt heute nicht Ohnmachtsgefühle? Was kann ich schon ausrichten? was vermag ich als einzelner zu ändern? Die Mächtigen an den Schalthebeln der Macht bestimmen den Lauf der Geschichte.

Es gibt viele Erfahrungen der Ohnmacht in unserem Leben. Wir erleben ein himmelschreiendes Unrecht und müssen doch schweigen. Wir beobachten eine tragische Entwicklung und können nur zusehen. Wir erkennen genau, wie einer in sein Unglück läuft und sie können nichts ändern. Ein befreundetes Ehepaar teilt mir mit: „Wir wollen uns scheiden lassen.“ Ich mag beide. Ich versuche zu vermitteln. Ich richte nichts aus.

Ein Verwandter ist unheilbar krank. Ich sehe, wie er sich quält. Ich kann nicht helfen. Im Betrieb behandelt der Chef einen Kollegen ungerecht. Ich kann nicht eingreifen. Ich fürchte um meinen Arbeitsplatz. Ich sehe ohnmächtig zu.

Wie können wir in dieser Welt voller Angst und Ohnmacht leben? Woher bekommen wir den Mut, gegen die bösen Mächte zu kämpfen? Wer steht uns zur Seite, wenn wir uns allein gelassen fühlen?

Das Christkönigsfest stellt uns einen ohnmächtigen König vor Augen. Beim Evangelisten Lukas heißt es, nachdem sie Jesus gekreuzigt hatten. „Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten.“ (Lk 23,25)

Auch die Soldaten verspotten ihn: “Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst.“ (Lk 23, 36)

Was ist das für ein Königtum? Als Jesus sich selbst zum ersten Mal König nannte, stand er gefesselt vor dem römischen Stadthalter Pilatus. Welch ein König: Dornen als Königskrone, ein Schilfrohr als Zepter, ein Purpurmantel um gegeißelte Schultern. Die Situation, in der Jesus König genannt wird, ist geradezu grotesk. Mit dem Königstitel machen sie ihn lächerlich. Zum Spottkönig haben sie ihn erniedrigt. Wie ein Grundmuster durchziehen Macht und Ohnmacht das Leben Jesu. Als die Leute nach der wunderbaren Brotvermehrung Jesus zum König machen wollen, lief er ihnen weg. Als er gefesselt vor Pilatus steht und dieser ihn fragt, ob er der König der Juden sei, antwortet Jesu: „Du sagst es.“ (Lk 23, 3). Diesen Kontrast müssen wir als Christen aushalten. Jesus geht es nicht um eine Machtposition und eigene Interessen. Sein Thema ist das Kreuz. Er setzt die Selbsthingabe an die Stelle der Selbstbehauptung. Er fordert nichts für sich, er verschenkt sich. Er ließ sich nicht bedienen, er diente. Er wusch anderen nicht den Kopf, sondern die Füße. Die Großen der Geschichte ließen Menschen für sich sterben. Jesus aber starb selbst für die Menschen. Er sagte: „ Die Könige herrschen über ihre Völker (…), ich aber bin unter euch der, der bedient.“ (Lk 22, 25.27)

Das ist seine Königsherrschaft: Die Macht der Liebe.

Jesus setzt sich für andere ein. Er tut dies nicht mit Gewalt, sondern mit Hingabe und Liebe.

Glauben wir an die Macht der Liebe? Macht der Liebe heißt nicht, dass wir den Weg des geringsten Widerstands gehen sollen. Es heißt aber: Als verantwortungsbewusste Christinnen und Christen gehen wir durch unsere Zeit: Verantwortung für das öffentliche Leben, Verantwortung für unsere Gemeinde, Verantwortung für die Armen und Schwachen.

Vielleicht werden wir dabei gegen den Strom schwimmen und einiges zu schlucken haben – sind wir dazu bereit?

Wenn wir an die Macht der Liebe glauben, dann resignieren wir nicht aus Ohnmacht und Angst. Wenn wir heute in einer Welt voller Grenzerfahrungen Christus als König des Himmels und der Erde verkünden, dann glauben wir trotz allem an die Allmacht Gottes. Sie ist stärker als alle vergänglichen Mächte der Zeit. Die mächtigen Könige der Römer, die Cäsaren, sind Vergangenheit. Christus, unser König, die Macht der Liebe, bleibt in Ewigkeit. Sein Königtum steht auf festem Fundament, weil es für die Menschen da ist.

Die Botschaft Jesu richtet auf und macht Mut, aber sie fordert auch heraus. Glaube ist kein Spaziergang und der König Jesus ist keine Figur in einer Seifenoper. Gelebter Glaube nimmt immer die Wirklichkeit des Lebens ernst und will Menschen wirklich stark machen. Wie leben wir unseren Glauben? Er braucht Kopf, Herz und Hand, er braucht Gott und den Nächsten. Er braucht Überzeugung und Liebe.

Am letzten Sonntag im Kirchenjahr feiern wir Christkönig. Die Liebe hat doch das letzte Wort!