Geistlicher Impuls Bundesebene

Die Liebe im Lächeln

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 14. Sonntag im Jahreskreis

Neulich erzählte mir ein Pfarrer von seiner Fahrt mit einer Gruppe seiner Gemeinde nach Lourdes. Obwohl dies nicht seine erste Wallfahrt zu diesem Gnadenort war, hat es ihn wieder mit unvermittelter Wucht getroffen: das Leid so vieler kranker und geschlagener Menschen. Gerade an solchen Gnadenorten, meinte er, begegnen einem massiv und bedrängend jene Menschen, die in auswegloser Not hier ein letztes Zeichen der Hoffnung und Zuflucht suchen und finden.

Der Pfarrer erzählte weiter: "Ich betete an der Grotte und ertappte mich dabei, wie dieses Gebet unvermittelt zur Klage und Anklage wurde vor Maria und vor Jesus." Der Pfarrer erzählte mir, wie er dachte: "Maria, du bist doch eine Mutter, wie kannst du das Leid deiner Kinder anschauen, ohne dass es dir das Herz zerreißt? Jesus, wie kannst du sie wieder gehen lassen, ohne ihnen die Hände aufzulegen und zu sagen: 'Steh auf, nimm dein Bett und geh?'"

Mitten hinein in diese Not hat der befreundete Pfarrer durch ein kleines Erlebnis plötzlich Antwort erhalten. Er erzählte: "Aus den Bädern wurde eben ein Kranker herausgefahren, ein wahrer Lazarus, ausgemergelt und ausgezehrt, so schwach, dass sein dünner Hals die Last des Kopfes nicht mehr tragen konnte. Vor der Tür wartete eine junge Schwester auf ihn. Sie lächelte ihn an und er lächelte zurück."

Es war wie eine Offenbarung für ihn. Hatte er hier nicht die Antwort, um die er gebetet hatte? In diesem fröhlichen Lächeln der jungen Schwester, das ein Lächeln auf dieses ausgezehrte Gesicht zauberte. Da ist ihm aufgegangen, dass dies nicht nur ein Ort unendlichen Leides, sondern mehr noch ein Gnadenort der Liebe Gottes ist.

Denn auf Schritt und Tritt ist sie ihm begegnet, diese Liebe, nicht nur im Lächeln dieser Schwester. Denn es gab keinen Kranken, der allein war und der nicht wenigstens einen Helfer und Begleiter zur Seite hatte. Soweit die Erzählung des Pfarrers.

Wo so viel Liebe einem Menschen begegnet, der wirklich nichts mehr zu lachen hat, kann vielleicht das stille Lächeln einer inneren Freude und eines inneren Friedens wach werden, die gewachsen sind aus bewältigtem und angenommenem Leid und so hineingefunden haben in eine Ruhe der Seele. Vielleicht haben wir so etwas auch schon erlebt: Eine scheinbar unerträgliche Last wird tragbar gemacht, ja sogar in einer gewissen Weise leicht gemacht, weil ihr die schlimmsten Begleiter genommen sind, nämlich die Einsamkeit und vor allem das Gefühl, nichts mehr wert zu sein, weil man ständig auf andere angewiesen und von ihnen abhängig ist.

Das Lächeln kann alles verwandeln. Der Pfarrer hat es gesehen auf dem Gesicht dieses Kranken. Walbert Bühlmann, ein Schweizer Kapuziner, erzählte einmal: „Im Haus der Herz-Jesu-Missionare in Salzburg hängt ein Wandteppich von Karl Weiser, auf dem die Werke der Barmherzigkeit dargestellt sind. Nun das Überraschende: nicht die Wohltäter, sondern jene, denen Gutes getan wird, tragen den Heiligenschein. Der Künstler wollte bewusst verblüffen und sagen, dass Jesus sich ausdrücklich mit den Hilfsbedürftigen identifiziert – wobei er die anderen nicht von der Zugehörigkeit zu ihm ausschließt." Jesus braucht darum Menschen, die ihn in den Beladenen erkennen.

Und darum geht es: Damit dieses Lächeln Gottes sichtbar werden kann, dazu braucht der Herr Menschen, die ihn erkennen im Kranken, im Elenden, in jedem Liebesbedürftigen. Er braucht Menschen, die ihn lieben und dieses Lächeln schenken, damit er es erwidern kann. Und darum kann er das kühne Wort zu allen Lastenträgern sagen: „Nehmt mein Joch auf euch (…), denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11, 29. 30).

Wir dürfen unsere Last verwandeln und verwandeln lassen in seine Last; dann wird sie uns nicht mehr erdrücken, sondern kann zur kostbaren Last werden, die in Liebe getragen und angenommen wird und darum eine Herzensruhe schenkt, die immer wieder Staunen und Bewunderung verlangt, wo immer wir ihr begegnen.

Und ist es nicht eigenartig, dass diese so wichtige Verheißung und Zusage Jesu von so wenigen verstanden und angenommen wird? Dieser Verheißung Jesu voraus ging ja das Gebet Jesu, in dem er den Vater im Himmel preist, weil die Botschaft, die er zu bringen hat, eben besonders den Verachteten und Geringen, den Kleinen und Unscheinbaren eher aufgeht als den Großen (Selbstsicheren, Gesunden, Starken), die sich auf ihre eigene Einsicht und Kraft verlassen.

Das Lächeln Gottes kann alles verändern. Wird hier nicht in einer unglaublichen Weise erfahrbar, dass wir Abbild Gottes sein dürfen? Wir dürfen Gott ein Gesicht geben und ein Herz, damit er durch uns anschauen und lieben kann. Welch eine Würde gibt uns das, aber auch welche Verantwortung? Denn wie ein Lächeln Freude wecken kann, so kann auch ein Gesicht, das sich abwendet, ein Herz, das sich verschließt, Verbitterung und Verzweiflung wecken, die eher zur Selbstzerstörung führen, als zur Annahme eines Kreuzes hinführen.

Der Kranke lächelt zurück. Es ist wahrhaftig nicht so, dass Gott Opfer sucht, die so ganz selbstlos und selbstvergessen sich dem Dienst am Kranken und Behinderten widmen, sondern Gott lächelt zurück. Jeder, der sich wirklich dem Dienst am Nächsten verschrieben hat, wird schon oft die Erfahrung gemacht haben, dass es ein Dienst ist, der wie kaum ein anderer Erfüllung zu schenken vermag. Da wird spürbar, dass Gott zurücklächelt. Wir werden eingeladen von diesem Jesus-Wort: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt…“ (Mt 11,28)

Unser Gott – Er ist ein Gott des Lebens. 

 

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Bild: © José Luiz Bernardes Ribeiro / , via Wikimedia Commons