Geistlicher Impuls

Bereit sein und tätig warten

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 1. Advent

„Gebt Acht und bleibt wach!“ (Mk 13,33) Diese Mahnung Jesu scheint nicht recht zu unserer vorweihnachtlichen Stimmung zu passen. Einige Sätze vorher kündet er das Ende der Welt und seine Wiederkunft „mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Mk 13,26). Will uns Jesus die Freude an Weihnachten verderben?

Ganz gewiss nicht. Aber ein ernstes Evangelium ist es schon, das uns da heute begegnet. Wir sollen acht geben, dass wir den wichtigsten Augenblick unseres Lebens nicht verpassen. „Seid also wachsam!“ (Mk 13,35) Wir sollen nicht in den Tag hinein leben. Wir sollen nicht so tun, als ginge alles immer so weiter. Unser Leben führt zu einem bestimmten Ziel. Es führt zu einem bestimmten Zeitpunkt, an dem nicht einfach alles zu Ende ist. Unser Leben wird nicht einfach auslaufen. Es wird seinen Höhepunkt erreichen. Es soll umgewandelt werden in das ganz andere Leben. Der es umwandeln wird, ist der, für den wir wachsam sein sollen, auf den wir warten sollen. Unsere Lebenszeit führt auf Jesus Christus zu. Er wird diese Weltzeit beenden und eine neue Welt begründen. Niemand weiß, wann das sein wird, niemand weiß, wie es sein wird. Allen Voraussagen und Spekulationen steht das Wort Jesu entgegen: “Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand.“ (Mk 13,32). Wir wissen nur, dass er kommen wird und dass dann jene Vollendung eintreten wird, nach der sich die Menschen unaufhörlich sehnen: der Friede, die Freude, das Glück, die Geborgenheit für immer.

Wir wissen auch nicht, wann Gott unser persönliches irdisches Leben als beendet ansehen wird. Wir wissen mit Sicherheit nur, dass es zu Ende gehen wird. Dafür sollen wir bereit sein. Denn er „kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Mt 24,44) Wachsam sollen wir sein. Wachen Sinnes sollen wir unser Leben führen. Wir sollen es nicht mit Nichtigkeiten, in Sinnlosigkeit und Leere vertun.

Sinnlosigkeit und Leere - das ist der Eindruck, den viele Zeitgenossen von ihrem Leben haben. Lohnt es sich? Wofür lebe ich eigentlich? Ist das alles? Viele flüchten in die Geschäftigkeit von Beruf und Arbeit, in Freizeit und vordergründigen Lebensgenuss.

Viele flüchten in die Betäubung, in den Rausch. 

Aber manchmal steigt sie dann doch auf: die Angst, dass alles bald vorbei ist, die Angst vor dem Altwerden, die Angst vor dem Alleinsein, die Angst, die die Menschen nicht zu sich selber kommen lässt, die sie zutiefst unzufrieden sein lässt, die Angst, die viele krank werden lässt.

Vielen hilft auch ihr Glaube nicht. Sie nennen sich zwar Christen, aber was unser Glaube vom Sinn und Ziel unseres Lebens sagt, dringt nicht in ihr Leben ein. Was sie einmal gelernt haben und noch irgendwie praktizieren, steht neben ihrem Alltag. Es sagt ihnen nichts, es hilft ihnen nicht in ihrer Lebenskrise.

Und wenn wir um uns schauen, auf unsere Verwandten und Bekannten, im Beruf, in der Öffentlichkeit, dann gewinnen wir den Eindruck, dass viele keine Beziehung mehr zum Glauben haben. Es ist, als hätten Christentum und Kirche abgedankt, als brauche man Gott nicht. Es sieht so aus, als sei die Kirche am Ende mit ihrer Lehre; als führe sie nur noch Rückzugsgefechte; als habe sie allenfalls nur dann noch Existenzberechtigung, wenn sie Sozialhilfe und pädagogische Hilfe bietet, Humanität fördert und Arbeitsplätze schafft. Aber der Glaube, den die Kirche verkündet, die ungeheure Botschaft, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen dürfte, die uns jetzt in der kommenden Advents- und Weihnachtszeit so nachdrücklich vor Augen geführt wird: dass Gott in unser Leben eingetreten ist, unwiderruflich, um uns für immer glücklich zu machen – diese Botschaft sagt nichts. Weihnachten zerfließt in Geschäftigkeit, in äußerem Aufwand, in Sentimentalität. Es ist wie eine schreckliche Blindheit und Taubheit gegenüber den wichtigsten Wahrheiten und Werten des Lebens. 

Es wird wohl immer so gewesen sein, dass Menschen über dem Vordergründigen das Wesentliche übersehen haben. Es war immer so, dass sie Hoffnungen auf Dinge und Menschen setzten, die nicht halten könnten, was sie versprachen. Immer wieder sind sie falschen Rettern und Heilbringern nachgelaufen. Immer wieder sind deren Verheißungen wie Seifenblasen zerplatzt. Immer wieder hat sich die versprochene größere Humanität als brutale Unmenschlichkeit herausgestellt. Immer wieder stand am Ende die betrogene Sehnsucht nach dem ganz Anderen, dem wahren, dem bleibenden Glück, das Warten auf eine bessere Zukunft. An diese Sehnsucht rührt das Wort Jesu vom Wachen und Warten. Die große Zukunft ist keine Illusion. Sie wird kommen, aber nicht durch noch mehr Wissen und Technik und Organisation der Menschen. Der Mensch kann sie nicht "machen". Er kann sich nicht an den eigenen Haaren aus der Sinnlosigkeit und Leere herausziehen. Er kann und muss noch viel mehr tun, um die Zustände zu ändern und ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen. Aber die heile Welt kann er letztendlich nicht schaffen. Das kann nur Gott. Er ist der eine und einzige, der wahre Retter der Menschheit.

Gott hat den Anfang gemacht. Der Retter ist gekommen. Wir feiern die Erinnerung an seine Geburt. Zugleich aber schauen wir in die Zukunft. Wir warten auf die Vollendung: wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten, wenn er wiederkommt am Ende unsres eigenen Lebens, um uns heimzuholen in das große Glück, für das wir geschaffen sind. Dafür wollen wir bereit sein, nicht in Untätigkeit, sondern in einem tätigen Warten, das aus der Liebe kommt.


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