Geistlicher Impuls

Aus der Kraft Gottes Frucht bringen

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Vielleicht haben Sie auch schon einmal ein kleines Kind aufgefordert: „Zeig mal, wie groß du bist!“ Die Antwort kommt meist, jedenfalls zunächst, nicht aus dem Mund. Das Kind reckt vielmehr die Arme in die Höhe, freut sich, strahlt über ganze Gesicht. Und fügt dann, sozusagen als Bildunterschrift, ein glückliches „So groß!“ hinzu.

Der Wunsch zu wachsen, groß zu werden: wie tief das doch in uns, in allem Lebendigen steckt! Wir könnten uns heute einmal vergegenwärtigen, was wir in unserem Leben schon an Wachstum hinter uns haben. Das gab es am Anfang: den Wurzelgrund der Geborgenheit; das Erdreich des Wohlwollens; die Wärme, das Licht der Liebe. Wären wir wohl bis zu unserer heutigen Größe herangewachsen, wenn es diese vielfältigen Voraussetzungen, diese geduldige Förderung nicht gegeben hätte?

Wie schön auch, dass wir andere begleiten durften, ihnen helfen konnten, zu wachsen und sich zu entfalten! Wenn es schon eine Freude ist, etwas heranwachsen zu sehen, Augenzeuge zu sein – wieviel tiefer ist das Glück, das wir empfinden, wenn wir Heranwachsendes beschützen, begleiten, unterstützen dürfen! Daran wachsen wir selbst: wenn wir dazu beitragen, dass eine junge Pflanze sich erhebt, blüht und gedeiht. Ich lade ein: Wir sollten heute ausdrücklich danke sagen für die Kraft des Wachsens; danke für den Urgrund, aus dem alles hervorgeht; danke für Gott, der wie ein umsichtiger Winzer allen Lebewesen zugetan ist.

Nun gibt es aber auch ein schädliches, zerstörerisches Wachstum, das wir nicht hinnehmen können. Das wissen nicht nur die Gärtner unter uns, die mit der Hacke auf Beeten und Wegen für Ordnung sorgen. Wenn es nur die Probleme des Wachsens gäbe, die uns das Unkraut bereitet! In allen Lebensbereichen sind wir bedroht von gefährlichen Wucherungen. Wachstum, das außer Kontrolle gerät, über die Stränge schlägt, und dessen negative Folgen begegnen uns auf Schritt und Tritt. Ich nenne nur einige Stichworte: übermäßiger Wohlstand bei einer kleinen Minderheit, Hunger, Elend, zunehmende Verschuldung in vielen Ländern unserer Erde; Rüstungsausgaben, die bereits unvorstellbar groß sind, aber immer noch ansteigen; die Verschmutzung von Wasser und Luft, die uns immer mehr belastet, aber ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht hat.

Wir könnten noch lange fortfahren, Nöte dieser Art zu nennen, zu beschreiben. Nicht nur viele Menschen erkranken an Krebs – unsere ganze Erde scheint von bösartigen Wucherungen befallen zu sein, die den Heilkundigen unlösbare Probleme aufgeben.

Wie sollen wir mit all diesen Fragen umgehen, wie mit ihnen leben? Entmutigt uns abwenden, in Traurigkeit versinken – oder aber: die Augen verschließen, uns mit Zerstreuungen und aufgesetztem Optimismus ablenken? Menschen, die sich so aus der Affäre ziehen – gleichen sie nicht verdorrten Reben, die nur noch zum Verbrennen taugen? Sie gehen sofort in Flammen auf, wenn das zehrende Feuer der Resignation nach ihnen greift; sie lassen sich bald anstecken, wenn die Funken einer oberflächlichen Fröhlichkeit fliegen.

Die Rebe kann aus sich keine Frucht bringen, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt. Die Folgerung, die Jesus aus dieser Erfahrungstatsache ableitet, gilt nicht nur für unser persönliches Glaubensleben. Er sagt ja: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ (Joh 15,5). Wer mit den Wurzeln seiner Existenz im Erdreich der Liebe Gottes verankert ist, wer durchpulst ist von dem Strom des neuen Lebens, das mit Jesus in diese Welt kam, der findet darin nicht nur sein eigenes Heil. Er wird zum Heilbringer, durch den die Kraft Gottes in unsere Welt eindringt – in eine Welt, die sich mit den Mächten der Vernichtung verbündet hat und so immer mehr in die tödliche Verschlossenheit der Gottesferne hineingerät.

Aus der Kraft Gottes Frucht bringen – für das Leben, für das Heil der Welt: darin liegt die besondere Begabung, die der christliche Glaube uns zumutet. Wir werden aus dieser Begabung nur dann etwas machen können, wenn wir den Auftrag, der uns erteilt wurde, mit ganzer Kraft annehmen. Wir werden alles Überflüssige weglassen – wie der Winzer, der den Weinstock beschneidet und reinigt. Wir werden lernen, mit einfachen Mitteln auszukommen – angespornt vielleicht von Menschen, die mitten in mancher Wüste des Lebens Oasen entstehen lassen: Oasen eines Lebensstils, der von der Last des materiellen Überflusses befreit ist; Oasen einer kraftvollen Zärtlichkeit, die sich nicht selbstgenügsam verkriecht, sondern für die Opfer der Ungerechtigkeit kämpft; Oasen einer Glaubenssehnsucht, die nicht nur vom Reich Gottes träumt, sondern in alltäglichen, konkreten Schritten des Einsatzes und der Veränderung auf dieses Ziel zugeht.

Ob wir es wagen, Gott zu bitten: „Verwandle uns!“?


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