Geistlicher Impuls Bundesebene

Auf dem Weg der Barmherzigkeit

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 10. Sonntag im Jahreskreis

Die Logik des Satzes „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“ (Mt 9,12) besticht. Jesus folgt dieser Logik in der Mahlgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern. Das Provozierende dieser Aufhebung der Ausgrenzung wird uns, die wir heute das Evangelium hören, wahrscheinlich gar nicht recht bewusst. Hier beginnt der Text spannend zu werden: Jesus ruft Sünder in seine Nachfolge! Schnell mögen wir fragen, was dies für die Wirklichkeit unserer Gemeinden heute bedeuten kann. Wer gehört, im Bild des Evangeliums gesprochen, eigentlich zu den "Kranken", und wer sieht sich auf der Seite der "Gesunden"? Und was bedeutet es für die Gemeinschaft der Christen, barmherzig zu handeln? Nun, nähern wir uns dem heutigen Evangelium.

Für die Pharisäer, die Gottes Gebote und Weisungen möglichst haargenau in den Alltag der Menschen bringen wollen, ist Jesu Handeln ein Graus. Weil Zöllner mit "Heiden" verkehren, sind sie "unrein". Wer sich mit diesen Sündern, die religiöse Vorschriften nicht beachten, einlässt, der entfernt sich selbst von der gottgefälligen Art zu leben. Auf den Punkt gebracht, bedeutet dies: Wer sich mit solchen Kranken einlässt, der wird selber krank. Für die Pharisäer gibt es daher nur eine mögliche Behandlung: Die Sünder müssen ausgegrenzt werden! Man macht am besten einen weiten Bogen um sie! Jesus sieht aber im Zöllner Matthäus zuallererst den Menschen, nicht den Sünder. Schon dieser Blick ist eine frohe Botschaft.

Wie gut tut es uns, wenn jemand zuallererst den Menschen in uns sieht. Den Menschen in uns, der sich ausstreckt nach Glück und Anerkennung, nach Geborgenheit und Liebe. Den Menschen in uns, der unter all dem Schutt des Versagens, der Schuld und des Scheiterns einfach nur der Liebe bedarf.

Vielleicht war es gerade dieser liebende Blick, der den Zöllner Matthäus dazu bewogen hat, sein altes Leben ohne Gott hinter sich zu lassen und sein Herz an Jesus zu hängen und ihm nachzufolgen.

„Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“(Mt 9,11). Man hört förmlich noch den Vorwurf und das Entsetzen der Pharisäer in ihrer Frage an die Jünger Jesu. Ich kann mir vorstellen, dass die Jünger sich gar nicht wohlfühlten in ihrer Haut. Vielleicht waren sie auch verlegen oder einfach nur sprachlos, dass ihr Meister sich so radikal über religiöse Konventionen und Gebote hinwegsetzen konnte.

Nebenbei bemerkt: Auch wir sind heute oft in einer gewissen Verlegenheit angesichts der Radikalität der Botschaft Jesu. Sein „Folge mir nach!“ ins konkrete Leben unserer Zeit hinein zu buchstabieren, fällt sicher nicht immer leicht!

Immer wieder hat Jesus sich den Schwachen und Kranken zugewendet. Doch er ist kein Sanitäter. Was er bringt, ist weit mehr als Medizin. Jesus heilt, indem er Menschen das Heil und die Barmherzigkeit Gottes erfahren lässt.

Für unser Miteinander in Gemeinde und Kirche und auch für unser Verortetsein in der pluralen Welt ist Jesu Handeln ein entscheidender Impuls. Zu viele Menschen fühlen sich links liegengelassen,  und sie haben den Eindruck, dass sie längst abgeschrieben sind.

Immer mehr Menschen suchen außerhalb von Kirche und Gemeinde den Sinn ihres Lebens und spirituelle Wegbegleitung. An uns ist es, zu zeigen, dass der Glaube dem Leben gut tut, dass er nicht in die Enge, sondern in die Weite führt. Hierzu sind wir berufen, hierfür ist uns Jesus Vorbild und Maßstab. Beherzigen wir sein Wort: Folge mir nach, auf dem Weg der Barmherzigkeit!

Geben wir uns Mühe, zu erkennen, was das für uns heißt. Entdecken wir Wege und Möglichkeiten, die Gott uns bietet. Glaube will im Alltag gelebt sein, auch wenn das konkret nicht immer leicht ist. Gott gibt uns die Kraft dazu. Jeden Tag. 

 

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