Erklärungen

Fluchtursachen bekämpfen als globale Herausforderung

Das Kolpingwerk Deutschland nimmt sich und andere in die Verantwortung


Erneut erlebt Europa nach dem Zweiten Weltkrieg die Folgen von Flucht und Vertreibung. Die humanitäre Notlage der Menschen macht deutlich, wie unverzichtbar die Bekämpfung von Fluchtursachen ist.

Nach Angaben der UN waren 2015 weltweit 65,3 Millionen Menschen(1) aus unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht. Davon flohen 86 Prozent der Menschen innerhalb ihres Landes oder in Nachbarländer, die meist selbst erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen. Ein Viertel aller Flüchtlinge hält sich in Ländern auf, welche laut UN zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zählen. Dabei sind rund 50 Prozent aller Flüchtlinge weltweit Kinder und Minderjährige. Nur ein geringer Teil der Flüchtenden erreicht Europa, da den meisten von ihnen die finanziellen Mittel für eine Flucht über weite Strecken fehlen bzw. schlechte und unsichere Wege sowie undurchlässige Grenzen ein Weiterkommen unmöglich machen. Im Jahr 2016 sind allein auf dem Mittelmeer nach offiziellen Angaben des UNHCR mehr als 5.000 Menschen auf der Flucht ertrunken.(2) Dabei dürfte die tatsächliche Zahl noch viel höher sein.

Zu den Fluchtursachen zählen Kriege und Konflikte aus religiösen, wirtschaftlichen und politischen Gründen. Auch Hungersnöte und Diskriminierung, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen, soziale Ausgrenzung und Vertreibung, Elend und Ausbeutung sowie die Folgen des Klimawandels gehören dazu.

In seiner Enzyklika LAUDATO SI (2015) bringt Papst Franziskus seine Sorge um unser "gemeinsames Haus“ – unsere Welt – zum Ausdruck und vermittelt in diesem Kontext eine tiefergehende Sicht auf die Ursachen von Flucht und Vertreibung. Im Zentrum seines Schreibens steht der verantwortliche Umgang der Menschen miteinander und mit der Umwelt. Er stellt den Menschen als Ebenbild Gottes ins Zentrum ökologischen Handelns und fordert aus einer ganzheitlichen Sicht heraus eine Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie.

Seine Sorge um das gemeinsame Haus begründet er unter anderem mit folgenden Fehlentwicklungen:

  • Eine hochentwickelte Technik, die losgelöst von ethischen Bedenken genutzt wird, um zu beherrschen. Insbesondere weltweit agierende Konzerne nutzen oftmals diese Technik um Menschen in Abhängigkeiten zu bringen.
  • Eine Wirtschaft mit Wachstumszwang und ein System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen, denen sich Politik unterwirft.
  • Eine Globalisierung der Gleichgültigkeit verbunden mit einem ungezügelten Konsum und Lebensstil, verbunden mit Verarmung und auf Kosten der Umwelt.
  • Eine Verschwendung und Veränderung der Umwelt – bedingt durch einen konsumistischen und kapitalistischen Verwertungszwang.
  • Eine ungezügelte Ausbeutung der Natur, die eine Pervertierung des göttlichen Auftrags darstellt, indem diese ausschließlich dem kapitalistischen Verwertungszwang unterliegt.

Verantwortlich leben – solidarisch handeln

Die Prinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität der katholischen Soziallehre geben Orientierung für eine soziale Ordnung, die dem christlichen Menschenbild entspricht. Sie verdeutlichen, wer wann welche Verantwortung zu übernehmen hat. Auf der Grundlage seines Leitbildes „KOLPING – verantwortlich leben, solidarisch handeln“ nimmt das Kolpingwerk Deutschland sich selbst und Andere in die Verantwortung und ruft dazu auf, sich für die Bekämpfung der Fluchtursachen einzusetzen.

Verantwortung des Einzelnen

LAUDATO SI: „7 […] Alle können wir als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten, ein jeder von seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Initiativen und seinen Fähigkeiten aus.“

Jeder muss sein Konsumverhalten kritisch hinterfragen. Jeder kann Projekte und Maßnahmen fördern und unterstützen, die die Lebenssituation der bedrohten Menschen in den Heimatländern verbessern. Jeder kann den Unterdrückten und Bedrohten, Hungernden und Verfolgten Gehör verschaffen und öffentlich für deren Interessen eintreten.

Verantwortung des Kolpingwerkes

LAUDATO SI: „38. […] Anerkennenswert ist die Aufgabenstellung von internationalen Organisationen und Vereinigungen der Zivilgesellschaft, welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen.“

Das Kolpingwerk leistet dazu seinen Beitrag, indem es als weltweit agierenderkatholischer Sozialverband gegenüber Regierungen immer wieder eine gerechteWeltwirtschaft sowie eine Außenpolitik fordert, die sich ausschließlich an humanitärenGrundsätzen ausrichtet und die Menschenrechte einfordert.

Durch das entwicklungspolitische Engagement im Rahmen der internationalenPartnerschaftsarbeit und Solidarität werden weltweit die verbandlichen Gliederungen begleitet und unterstützt bei ihrem Einsatz für eine gerechte und humane Gesellschaft.Denn nur wer seine Rechte als Mitglied der Gesellschaft kennt, wer sich politisch fürsich und andere engagiert, wer in Gremien mitarbeitet und Verantwortung übernehmen kann, wird seltener Opfer von Unterdrückung und Ausbeutung. Er kann dazu beitragenals überzeugter Christ, eine gerechtere Gesellschaft zu gestalten und Korruption sowieMenschenrechtsverletzungen zu bekämpfen.

Verantwortung der Kirche

LAUDATO SI: „188. Noch einmal betone ich, dass die Kirche nicht beansprucht, diewissenschaftlichen Fragen zu lösen, noch die Politik zu ersetzen, doch ich fordere zueiner ehrlichen und transparenten Debatte auf, damit Sonderbedürfnisse oderIdeologien nicht das Gemeinwohl schädigen.“

Die Kirche muss als Vorbild in die Gesellschaft wirken. Papst Franziskus macht immerwieder deutlich, dass Flüchtlingsbewegungen als strukturelle Realität der Zeit zu sehen sind und der Fokus darauf liegen muss, Programme zu finden, welche die Fluchtursachen bekämpfen, und gleichzeitig die Veränderungen in denHerkunftsländern nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies kann beispielsweise die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit direkt in den betroffenen Ländern leisten.

Auch sie muss sich immer wieder für die Verwirklichung gerechter und demokratischer Strukturen sowie für die Sicherung der Menschenrechte einsetzen und Christen zugleich zum politischen Handeln ermutigen.

Verantwortung der Wirtschaft

LAUDATO SI: „109. Das technokratische Paradigma tendiert auch dazu, die Wirtschaftund die Politik zu beherrschen. Die Wirtschaft nimmt jede technologische Entwicklungmit Blick auf den Ertrag an, ohne auf mögliche negative Auswirkungen auf den Menschen zu achten. Die Finanzen ersticken die Realwirtschaft. Man hat die Lektionen der weltweiten Finanzkrise nicht gelernt, und nur sehr langsam lernt man die Lektionen der Umweltschädigung.“

Die Wirtschaft muss sich vom Dogma der kapitalistischen Verwertungslogik befreien und die Folgen der permanenten Steigerungslogik, des „immer mehr“ beachten und verantworten. Sie muss die elementaren Anliegen des Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Das beginnt damit, bei Produktionsprozessen die Schätze der Natur nicht als einen kostenlosen Faktor zu betrachten. Mit endlichen Ressourcen muss verantwortlich umgegangen werden. Wer glaubt mit dem Grundsatz des „immer mehr“ können die Probleme der Menschheit gelöst werden, der irrt.

Das Gift das zur weltweiten Finanzkrise geführt hat, war das der „Gier und des immermehr“. Dieses Gift ist offensichtlich zum Handlungsmaßstab in der Realwirtschaft geworden. Lösen wir uns von der Vorstellung, dass man wirtschaftlich nur dann am erfolgreichsten ist, wenn man auf Kosten anderer lebt!

Verantwortung der Staaten

LAUDATO SI: „51. [...]Die soziale Ungerechtigkeit geht nicht nur Einzelne an, sondern ganze Länder, und zwingt dazu, an eine Ethik der internationalen Beziehungen zu denken.“

Es ist die Pflicht jedes einzelnen Staates, die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ (SDGs) konsequent und unverzüglich umzusetzen. Bilaterale und multilaterale Freihandelsabkommen dürfen sich nicht ausschließlich am Primat der kapitalistischen Verwertungslogik orientieren, sondern haben die Menschenrechte und das Gemeinwohlzu beachten. Die Umwelt-, Wirtschafts- und Handelspolitik sowie die Entwicklungspolitik haben den Auftrag, fairen Handel zu sichern und unfairen Handel zu sanktionieren und Ressourcen zu schonen.

Staatliche Entwicklungsprojekte haben sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Bevölkerung in den Nehmerländern auszurichten. Die Gewährung von Entwicklungshilfe an Regierungen darf sich nur an demokratischen und humanitären Kriterien orientieren. Die Unterstützung totalitärer und korrupter Regime muss dabei konsequent ausgeschlossen sein. Die finanziellen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit sind zu verdoppeln!

Die vorliegenden Eckpunkte für einen „Marshallplan mit Afrika“ werden ausdrücklich begrüßt. Die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent müssen die Chance haben, sich an die internationalen Wertschöpfungsketten zu beteiligen um nicht allein von Rohstoffexporten abhängig zu sein. Die Förderung deutscher Privatinvestitionen in Afrika muss jedoch immer den Ansprüchen menschenwürdiger Arbeit genügen und für echte und breitenwirksame Entwicklungseffekte vor Ort und damit dem Aufbau von Zivilgesellschaft sorgen.

Die Außenpolitik darf sich nur an friedlicher Konfliktbewältigung orientieren. Kriegerische Akte müssen von der Staatengemeinschaft sanktioniert werden. Waffenlieferungen in Krisenregionen müssen konsequent unterbunden werden.

Wer Mut zeigt, macht Mut!

Fluchtursachen können nur mit langfristigen Strategien behoben werden. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Menschheit für ihr Handeln selbst verantwortlich ist. Fluchtursachen sind nicht gottgegeben sondern Ergebnis menschlichen Verhaltens und Handelns. Damit trägt jeder eine Mitverantwortung für den Zustand der Welt.

Wir nehmen uns und Andere in die Verantwortung, und wir fordern dazu auf, verantwortlich zu leben und zu handeln Mut zu zeigen, wenn es darum geht, Fluchtursachen zu bekämpfen!

Köln, den 1. April 2017

Der Bundesvorstand des Kolpingwerkes Deutschland