Erklärungen

Eine Spaltung unserer Gesellschaft darf es nicht geben!

Kolpingwerk Deutschland nimmt Stellung zur Armut in unserer Gesellschaft

Armut ist ein Tabuthema. Armut versteckt sich. In der Gesellschaft und Öffentlichkeit werden die verschiedenen Formen und Erscheinungsweisen von Armut kaum wahrgenommen. Armut wird von den betroffenen Menschen als das betrachtet, was es für sie ist: „Schambehaftet, peinlich, Individualversagen“. In Deutschland gibt es immer mehr arme Menschen. Betroffen sind Angehörige aller Altersgruppen.

Armut aus Sicht des Kolpingwerkes

Für das Kolpingwerk beginnt Armut dort, wo Menschen nicht (mehr) an den allgemeinen gesellschaftlichen Lebensprozessen und kulturellen Alltagserfahrungen teilnehmen (können) und wenn Menschen verwehrt bleibt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Jede vernachlässigte Fähigkeit ist ein tragischer Verlust für den Betroffenen wie für die Gesellschaft gleichermaßen.

Diese Armutskennzeichen haben vielfache Ursachen: mangelnde finanzielle Mittel, strukturelle Benachteiligungen im Bildungswesen sowie Nachteile bei der familiären und kulturellen Sozialisation. Den unterschiedlichen Formen von Armut sind Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe gemeinsam.

Es gibt keine Form einer objektiven Messung von Armut, sondern nur unterschiedliche Definitionen von Armut (z.B.: 60 Prozent unterhalb des Durchschnittseinkommens). Wann Armut beginnt, ist ebenso umstritten wie deren Begründung und Bewertung. Einerseits wird Armut als Ergebnis individuellen Versagens und damit als hinzunehmender Kollateralschaden des freien Handelns aufgefasst, andererseits als ausschließliches Ergebnis ungerechter gesellschaftlicher Strukturen, die sich negativ auf das Individuum auswirken. Diese extrem polaren Einschätzungen geben entweder nur dem Individuum die Schuld an Armut oder ausschließlich der Gesellschaft.

Das Kolpingwerk, das von einem Bedeutungsgleichgewicht von Eigenverantwortung des Einzelnen und seiner Eingebundenheit in soziale Bezüge ausgeht, widerspricht den oben genannten Extrempositionen und Weltbildern.

Die offensichtlichste Form von Armut ist finanzieller Natur. Auch wenn das Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes der Bundesrepublik die Not eines Menschen durch unterschiedliche Sozialleistungen eingrenzt, erlebt der Betroffene soziale Ausgrenzung und individuelle Chancenbenachteiligung.

Die Gründe für finanzielle Armut sind vielfältig: Langzeitarbeitslosigkeit, niedrige Erwerbseinkommen, unterbrochene Erwerbsbiografien, atypische Beschäftigungsverhältnisse sowie „vererbte Armut“ – um nur einige zu nennen. Auch kinderreiche Familien und Alleinerziehende sind tendenziell armutsgefährdet. Wer einmal in der Falle Armut steckt, der findet meist nicht mehr aus dieser heraus. Armut wird zementiert.

Gesellschaftliche Auswirkungen von Armut aus Sicht des Kolpingwerkes:

Das individuelle Leistungsprinzip war kultureller Konsens und weitgehend akzeptierte Norm der Nachkriegsgesellschaft. Unterschiedliche Entwicklungen haben die gesellschaftliche Steuerungswirkung dieses Prinzips untergraben. Schwierige Milieubedingungen hindern Kinder und Jugendliche daran, ihre Leistungsfähigkeit einbringen oder abrufen zu können. Wer in eine arme Familie hineingeboren wird, hat weniger Chancen. Wer in eine reiche Familie hineingeboren wird, hat vielfältigere Chancen. Kinder und Jugendliche von Familien unterschiedlicher Ressourcenvermögen mögen vergleichbare intellektuelle Fähigkeiten haben, ihr Leben wird sich in der Regel dennoch entgegengesetzt entwickeln. In diesem Fall wird das „individuelle Leistungsprinzip“ – kulturelle Norm des Systems der Bundesrepublik – ad absurdum geführt.

Menschen, die im Niedriglohnbereich arbeiten, sind meist nicht (mehr) in der Lage, ihre individuelle Leistung zum beruflichen Aufstieg zu nutzen. Armut verfestigt sich. Seit Jahren lässt sich eine Spreizung zwischen Erwerbseinkommen und Vermögenswerten feststellen: Damit vergrößert sich die Spaltung der Gesellschaft. Wer ständig erleben muss, dass Erwerbseinkommen gegenüber Vermögensanlagen an Bedeutung verliert, der zweifelt am individuellen Leistungsprinzip.

Menschen, die arm sind, weisen eine geringe Wahlbeteiligung auf. Damit verlieren sie gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen auch an politischem Einfluss. Sie werden somit von politischen Prozessen abgehängt und haben eine geringe oder keine Lobby.

Armutsauswirkungen bei Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche und deren Familien sind in Deutschland nach wie vor besonders von Armut betroffen. In Deutschland lebten Ende 2015 insgesamt 15,5 Prozent der Kinder in Familien mit Hartz IV. Die regionale Spannbreite reicht von 2% im Landkreis Eichstätt bis 38 Prozent in Schwerin und Bremerhaven.

Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in unserem Land müssen als „Hartz 4“-Bezieher leben. Besonders hoch ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen geschiedener Eltern. Sie erleiden dadurch auch vielfache Ausgrenzungserfahrungen in der Gesellschaft, die sie ein Leben lang prägen – und vielleicht weitergeben.

Kinder und Jugendliche, die in Armut aufwachsen sind meist auf Dauer von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Sie haben kaum die Möglichkeit, sich selbst zu beweisen und verlieren ihr Selbstwertgefühl. Wer keine Zukunft sieht, der wird sich von der Gesellschaft abwenden.

Kinder und Jugendliche, die in Armut aufwachsen, haben nicht dieselben Startmöglichkeiten ins Leben wie diejenigen aus gesicherten Verhältnissen. Sie werden oftmals nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten und Begabungen gefördert und sie erlangen oftmals dann keine allgemeine Bildung und keine berufliche Ausbildung, wenn durch überforderte Eltern und Erziehungsberechtigte ein leistungskompatibles Lebensverständnis nicht vermittelt wird. Eltern und Erziehungsberechtigte, die ein kulturelles Werteverständnis haben, das den Wert von Leistung und beruflicher Bildung in der Erziehung nicht vermittelt, verringern die Integrationschancen ihrer Kinder! Auch dies führt zu strukturbedingter Armut. Eine Gesellschaft, die diese Kinder und Jugendliche in ihrer Situation alleine lässt, schafft die Voraussetzung für soziale Spaltung.

Armutsauswirkungen bei Familien

Familien, die mit ungenügenden finanziellen und zeitlichen Ressourcen leben müssen, können ihren Kindern nicht die gleichen Startbedingungen garantieren wie Familien in gesicherten finanziellen und sozialen Verhältnissen. Auch hier gibt es die Schere zwischen arm und reich. Diese Entwicklung führt zu emotionalen Belastungen bei Familienmitgliedern. Soziale Statusunterschiede werden nicht nur von den Erwachsenen, sondern gerade von den Kindern als ausgrenzend und belastend empfunden. Kinder, die in dieser prägenden Lebensphase derartige Erfahrungen machen müssen, werden diese im späteren Leben weitergeben.

Armutsauswirkungen bei Erwerbsarbeitenden

Menschen die im Niedriglohnbereich arbeiten, erleben Benachteiligung in vielerlei Hinsicht: Sie können sich kaum über die alltagsnotwendigen Grundbedürfnisse hinausreichende Leistungen gönnen. Sparen und Einschränkung wird zum lebensbestimmenden Moment. Gespart wird in der Konsequenz auch an guter Ernährung. Auch das Bewusstsein dieser Menschen für eine gesunde Lebensführung ist geringer ausgeprägt als bei Menschen in finanziell gesicherten Milieus. Arme Menschen sterben früher als reiche Menschen.

Zudem macht sich bei Menschen mit niedrigem Erwerbseinkommen das Gefühl breit, dass zwischen ihrer Erwerbsarbeit und den Leistungen durch Sozialtransfer ein leistungsfeindlicher Zusammenhang besteht. Das schmälert deren Bereitschaft, den Sozialstaat als gerecht zu empfinden. Ferner verstetigt sich das Gefühl, dass eigene Leistungsanstrengung nicht zu einer Verbesserung der individuellen Situation beiträgt. Im gleichen Maße sinkt die Bereitschaft, sich durch Fortbildung die Voraussetzung für ein berufliches Weiterkommen zu ermöglichen. Man richtet sich in der prekären Situation ein und trägt so zur Verfestigung der eigenen schlechten Position bei. Menschen mit unzureichenden Erwerbseinkommen verharren oft in ihrem Milieu. Sie erleben die Gesellschaft als nicht durchlässig. Leistungsorientierung, beruflicher und sozialer Aufstieg sind vielen fremd geworden. Sie finden sich mit ihrer Situation ab und verharren in ihrer Lebenssituation. Besonders fatal ist, dass diese Menschen das Vertrauen in die „Leistungsgesellschaft“ verlieren. Dies kann unweigerlich auch zu extremen politischen Einstellungen und Dispositionen führen.

Neben diesen individualspezifischen Merkmalen führt ein zu geringes Erwerbseinkommen zwangsläufig zu einer entsprechend ungenügenden Alterssicherung. Diese Menschen haben eine geringe Rente, sie haben kaum die Möglichkeit von ihrem Erwerbseinkommen für das Alter anzusparen. Sie leben perspektivlos von Monatsende zu Monatsende. Auch hier gilt: Armut zementiert sich!

Armutsauswirkungen bei alten Menschen

Im Alter wird die Lebensleistung als Ergebnis der Erwerbsarbeit offensichtlich. Das repräsentiert nicht alle Lebensleistungen! Lebensleistungen wie Erziehungsarbeit, ehrenamtliches Engagement und politische Arbeit etwa bleiben weitgehend unberücksichtigt bei der Berechnung der Alterssicherung. Das führt nicht nur zu finanziellen Einbußen. Das Gefühl miterleben zu müssen, dass bestimmte Lebensleistungen neben der Erwerbsarbeit zu einer dramatischen Verschlechterung der eigenen finanziellen und sozialen Situation führen, ist eine Altershypothek – und Enttäuschung am Lebensende.

Eine Spaltung unserer Gesellschaft darf es nicht geben

Arm fühlt sich, wer ausgegrenzt ist und ausgegrenzt wird! Arme Menschen ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. Die Gesellschaft verliert somit wertvolle Fähigkeiten und Kompetenzen. Das führt zu einer soziokulturellen Spaltung der Gesellschaft die sich auch im politischen Sektor nachteilig auswirkt. Unsere Gesellschaft als Ganzes muss daher ein Eigeninteresse daran haben, dass Ausgrenzungstendenzen problematisiert und aufgehoben werden. Für  die reichste Volkswirtschaft Europas sind arme Menschen nicht nur ein politisches Armutszeugnis, sondern nicht hinnehmbar.

Politisches Handeln, das sich nicht am Gemeinwohlprinzip orientiert, provoziert Armut, spaltet die Gesellschaft und gefährdet in der Konsequenz unsere Demokratie. Armen Menschen in unserer Gesellschaft eine Lobby zu verschaffen, ist vor allem Aufgabe der Sozialverbände.

Bildung – verstanden als ganzheitliche Bildung – ist ein wichtiger Schlüssel zur Verhinderung von Armut auch in unserer Gesellschaft. Bildung ist mehr als Wissensvermittlung und darf nicht auf ihre Verwertbarkeit reduziert werden. Neben verwertbaren Fähigkeiten ist deshalb die Vermittlung von persönlichkeitsbildenden Kompetenzen und Fähigkeiten zur Herausbildung kritisch agierender Gesellschaftsmitglieder eine wesentliche Voraussetzung für eine Gesellschaft ohne Armut.