Geistlicher Impuls

Von Unverständnis und Offenheit

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

„Heimat ist da, wo Menschen uns mögen" habe ich einmal auf einer Spruchkarte gelesen. Die Erfahrung von einem Zuhause, von Geborgenheit und Angenommensein ist sehr schön und tut gut.

Doch leider erleben Menschen dies nicht immer. Heute hören wir auch von Jesus, wie schwer es ihm in seiner Heimat ergangen ist.

Das Evangelium zeigt mir zwei Seiten einer Erfahrung: wie schön es ist, eine Heimat zu haben, wo Menschen einen kennen, aber auch wie schwer dies gleichzeitig werden kann.

Zuerst sieht es so aus, als ob Jesus in seiner Heimat gut aufgenommen würde. In der Synagoge lehrt Jesus, er verkündet die Botschaft Gottes, liest aus den heiligen Schriften vor. Die Menschen staunen, denn er lehrt mit Vollmacht; sie spüren, dass etwas Besonderes aus ihm spricht.

Wir alle haben schon fasziniert jemandem zugehört und zugesehen. Viele haben erlebt, dass jemand nach längerer Zeit wieder in seine vertraute Umgebung zurückkam, zum Beispiel nach einem Studium oder einem Auslandsaufenthalt. Die Menschen damals sind erstaunt. Das, was sie von Jesus gehört haben – seine Wunder und Heilungen, wie er sprach und die Schrift auslegte – überraschte sie, und sie konnten es nicht verstehen. „Woher hat er das alles?" (Mk 6,2)

Schauen wir auf uns: Wenn wir uns die Frage stellen, woher wir etwas haben (zum Beispiel Können, Aussehen, Verhalten, Interessen...), dann ist die Antwort meist: von unseren Eltern. Jesus kann, tut und weiß mehr als ein Mensch wissen kann. Das ist ein Zeichen dafür, dass er mehr, größer als ein Mensch ist, dass er Gottes Sohn ist. Aber das passt nicht zu dem, was die Leute in Jesu Heimatstadt von ihm zu wissen glauben. Deshalb ihr Unverständnis.

Welche Gedanken sind den Leuten wohl gekommen, als sie dies alles von Jesus erfuhren? Vielleicht denken sie: Wer mit solch einem Anspruch auftritt, will etwas Besonderes sein; er will hoch hinaus; wir erleben ihn und sein Handeln aber so menschlich, wie kann er dann Gottes Sohn sein; Mensch Sein heißt auch Grenzen haben; die Alten haben uns Wichtiges gesagt, und Jesus sagt: „Ich aber sage euch“; Jesus teilt uns etwas Neues und Wichtiges mit, aber wenn wir darauf hören, dann müssen wir uns und unser Verhalten ändern.

Wir bemerken die vielen Fragen und Unsicherheiten der Menschen. Sie kommen zu dem Schluss: Das kann nicht sein, das gibt es nicht! Anstatt das Gute, Frohmachende zu hören, lehnen sie Jesus ganz ab. Sie finden auch eine Begründung: Wir kennen seine Familie, es sind doch "normale" Menschen, sie leben mit uns. In unseren Alltag passt das Ungewöhnliche, Besondere nicht hinein. Die Leute wollen (ihm) nicht glauben und weisen Jesus deshalb ab.

Diese Erfahrungen gibt es auch in unserem Leben: Vergleiche und Vorurteile machen es manchmal schwer, wirklich zu zeigen, wer man ist und was man kann. „Ich kenne den Bruder / die Schwester... das liegt in der Familie ... diese Geschichte kennen wir doch.“

Im Evangelium heißt es zum Schluss, dass Jesus in seiner Heimat keine Wunder tun konnte; deshalb zog er weiter in die benachbarten Dörfer. Er ging dorthin, wo Menschen noch offen für ihn waren und an ihn glauben konnten. Ich wünsche uns, dass Jesus immer sein heilbringendes Wort zu uns bringen kann. Dass wir Offenheit für sein Tun und Handeln haben, für sein Wirken in und mit den Menschen. Es wäre schön, wenn wir erfahren dürften, dass es Unerwartetes und auch Unbegreifliches in unserem Alltag, in unserem Leben geben kann.


Weitere geistliche Impulse zum Stöbern und Nachlesen findest Du hier 

Bild: pixabay.com