Geistlicher Impuls

In die Mitte des Lebens

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Wir kennen Straßen, die in die Ortsmitte führen, und Straßen, die einen Ort, eine Stadt umgehen. Die Umgehungsstraße leitet den Verkehr schnell vorbei, der Passant hat nur einen oberflächlichen, wenn auch schönen Eindruck vom Ort, an dem er vorbeifährt. Auf der Straße, die in die Ortsmitte führt, kommen wir oft langsam und mühsam voran, aber wir werden auch mehr mit dem Leben, und den Besonderheiten des Ortes bekannt.

Die Brotrede im Johannesevangelium erweckt in mir zunächst einmal den Eindruck einer Umgehungsstraße. Was durch Jesus geschieht, scheint wie von außen betrachtet. Ein Gesamteindruck – so sieht es aus – lässt sich von Jesus gewinnen, aber doch aus einiger Entfernung. Wir treffen auf nicht leichte, aber doch gewandte Redewendungen.

Befassen wir uns aber genauer mit der Brotrede, so stellt sich schnell heraus, dass wir es nicht mit einer Umgehungsstraße, nicht mit einer Umleitung um das Leben herum zu tun haben, sondern dass wir uns wie auf einer Straße, die in die Mitte führt, bewegen, zwar mit Schwierigkeiten und Engpässen, aber in die Mitte des Lebens. Also folgen wir in diese Mitte des Lebens hinein.

In der Brotrede – wie auch in anderen Gesprächen im Johannesevangelium spiegelt sich unsere häufige Erfahrung wider, dass es nicht immer leicht ist, so miteinander zu reden, dass wir uns gut verstehen. Missverständnisse tun sich auf, wir reden aneinander vorbei, als ob wir uns auf zwei Ebenen bewegen.

Es fällt bei Johannes auf, dass Fragen und Einwände, die Menschen im Gespräch mit Jesus vortragen, ganz vernünftig klingen; aber aus der Antwort Jesu wird ersichtlich, dass die Fragen am entscheidenden Punkt vorbeigehen.

Nach dem Brotwunder ist es verständlich, dass die Menschen Jesus suchen und fragen: „Wann bist du hierhergekommen?" (Joh 6,25). In seiner Antwort gibt Jesus aber keinen Zeitpunkt an. Vielmehr entlarvt er ihre Frage als Missverständnis. Aus seiner Antwort heraus wird erst erkennbar, wie falsch die Leute liegen. Sie klammern sich an das Brot; sie rennen Jesus nach und erwarten weiter solche Geschenke. Sie wollen diesen Jesus festhalten, über ihn verfügen. Und da haben wir einiges gemeinsam mit ihnen: Soll er nicht auch unsere Wünsche erfüllen? Wollen ihn nicht manche für ihre Art der Frömmigkeit vereinnahmen? Wollen ihn nicht andere zum Anführer ihrer eigenen Ideen machen? Die Antwort Jesu führt noch weiter: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird.“ (Joh 6,27) Brot ist hier als Gabe des Glaubens gemeint, als Geschenk. Glaube wird von uns nicht gemacht. Dafür bedarf es der offenen, nicht der raffenden Hände. Dafür bedarf es der aufmerksamen, hörenden Gemeinde, die umsichtig ist für Gottes überraschende Wege.

Ähnlich verhält es sich mit der nächsten Frage: „Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?“ (Joh 26,28) Eine Frage, die zum Ausdruck bringt, etwas oder auch viel tun zu wollen, eine Frage von Menschen damals und heute. Dennoch antwortet Jesus nicht mit einem Katalog von Aufgaben, die erfüllt werden sollen. Vielmehr lenkt seine Antwort in eine andere Richtung: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ (Joh 6,29) Diese Antwort zeigt das Vertrauen in Jesus Christus das Gott den Menschen schenkt. Alles hängt davon ab, ihm zu glauben. Jesus Christus ist eine unerwartete Gabe – ein Gesandter, der aus Nazareth kommt und ohne Privilegien unter den Menschen lebt. Er vertraut ihnen, wie und weil Gott Menschen vertraut.

Mit den Worten Jesu bewegen wir uns also nicht auf einer Umgehungsstraße, wir werden in das Herz des Glaubens, in die Mitte des Lebens geführt. So bleibt Jesus im Interesse der Menschen konsequent. Die Leute wollen das Manna in der Wüste für sich reklamieren und fordern Ähnliches. Jesus besteht aber darauf: „Mein Vater gibt euch das wahre Brot.“ „Ich bin das Brot des Lebens!“ (vgl. Joh 6, 32.35)

Es reicht nicht, dass Menschen an irgendetwas glauben, sondern entscheidend ist, dass sie ihre Hoffnung auf Gott setzen und so ihre Mitmenschen neu sehen lernen. Dann artet Glaube auch nicht in Überheblichkeit aus. Dann ist Glaube Gottes Kraft im Leben und für das Leben.


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