Geistlicher Impuls

Gottes Willen erfüllen

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Jesus – von Sinnen! Der Sohn Gottes, der Heiland, der Messias – von Sinnen! Ein unvorstellbarer Gedanke. Aber das sagen keine Bösewichte, nicht seine Gegner; nein, die eigenen Verwandten schätzen ihn so ein. Ich habe den Eindruck, dass sie als Schande empfinden, was da einer aus ihrer Familie tut. Wie stehen sie da? Wie redet man über sie? So kommen sie, um ihn zu holen, ihn mit Gewalt zurückholen.

Die Schriftgelehrten gehen noch weiter: „Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Herrschers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Er paktiert mit dem Bösen, macht gemeinsame Sache mit ihm – das unterstellen sie ihm. Jesus – der Sohn Gottes – von Sinnen! Stände es nicht im Evangelium, wir wagten es nicht, dies auszusprechen.

Die Zuhörer und Begleiter Jesu halten es wohl für richtig, Jesus auf seine Mutter und seine Verwandten aufmerksam zu machen. Was ist naheliegender, als ihn auf sie hinzuweisen? Die Verbundenheit innerhalb der orientalischen Sippe war sehr ausgeprägt und selbstverständlich. Jesus versteht sich ganz und gar als Jude, als Israelit. Er kennt die göttliche Verpflichtung, für die Eltern zu sorgen. Markus erzählt uns nicht, ob Jesus seine Verwandten überhaupt anhört. Auf jeden Fall folgt eine Frage, die sehr distanziert ausfällt. Diese Frage lässt mehr als verwundern: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Gerade der letzte Vers macht deutlich: Jesus geht es nicht darum, aufzufallen, blindlings Traditionen über Bord zu werfen, sich über die Familie hinwegzusetzen und eine Sonderrolle zu spielen. Ihm geht es allein darum, Gottes Willen zu erfüllen und zur Geltung zu bringen. Wir sehen, wie er ganz darin aufgeht, Gott zu entsprechen. Weil er Gottes Absichten im Sinn hat, zieht er sich nicht zurück, er flieht nicht vor dem Leben, sondern wendet sich den Menschen zu. Weil er mit Gottes Menschenfreundlichkeit vertraut ist, geht er auf Menschen zu. Sein Leben wird zum Evangelium: Er heilt, schaut hin, wird zornig, predigt, schweigt, richtet auf. Jesus lebt so gründlich in Gottes Absichten, dass die eigene Verwandtschaft meint, er sei von Sinnen.

Jesus resigniert darüber nicht. Die Menschen sind ihm viel zu kostbar. Er sammelt eine neue Familie, die darin verwandt ist, Gottes Willen aufzugreifen und zu erfüllen. Darin hat dann auch die leibliche Verwandtschaft Platz, wie wir letztlich an Maria sehen. Jesus lebt anstößig. Wer heute in dieser Offenheit für Gott und die Menschen lebt, kann auch heute für andere anstößig werden und zu hören bekommen: „Einmal ist Schluss mit dem Vergeben! Das geht doch nicht mit der Bergpredigt! Du verlangst zu viel! Das ist unrealistisch! Wo komme ich denn hin, wenn...?“ Wir werden eingeladen, uns auf den Weg zu machen und das Evangelium zu leben. Mit Gott werden wir sehen lernen und anders leben. Wir werden neue Verwandtschaft Jesu werden. Gott hat uns in Jesus zugesagt, dass er uns diesen gemeinsamen Weg zutraut. Machen wir uns auf.


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Bild: pixabay.com