Geistlicher Impuls

Gaben der Arbeit und der Freude

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zu Fronleichnam

"In eurem Gottesdienst komme ich nicht vor", sagte mir vor einiger Zeit ein Student. Eine Empfindung, die zum Ausdruck bringt, dass das alltägliche Leben und der Glaube ein voneinander getrenntes Dasein führen. Sonntag und Werktag, Gott und die Welt stehen beziehungslos nebeneinander.

Vielleicht liegt diese Entwicklung in unserer Lebens- und Arbeitswirklichkeit begründet. Wir sind alle auf irgendeine Weise zu Spezialisten geworden. Schon von Schülern und Jugendlichen werden spezielle Fertigkeiten verlangt, zu denen die ältere Generation keinen Zugang hat. Die Anforderungen im Berufsleben werden immer komplizierter und spezifischer, und selbst im häuslichen Leben bestimmen uns immer mehr technische Details. Für jede Lebenslage verfügen wir über einen speziellen Service und eine Zuständigkeit. In dieser Entwicklung wird Religion selbst oft zu einer bloßen „Funktion“. Der Glaube und die religiöse Betätigung sind dann ein gewisser Luxus für bestimmte Anlässe im Leben oder für festliche Stunden frommer Erbauung. Im konkreten Leben aber kommt Gott nicht vor, und in der Kirche scheint das Leben nicht vorzukommen.

Wenn wir heute das Fest des heiligen Leibes und Blutes Jesu Christi, Fronleichnam, feiern, könnten wir eine Brücke zur Überwindung dieser Kluft schlagen. Wir feiern die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Herrn in Brot und Wein, in den Früchten dieser Welt und den Produkten menschlicher Arbeit. Wir müssen nicht krampfhaft versuchen, ein wenig von der Welt, ein wenig vom Leben in unseren Gottesdienst zu holen. Denn der Herr selbst erwählte Brot und Wein für seine bleibende Nähe unter uns in dieser Welt.

Auf den Feldern ist aus der Erde der Weizen gewachsen und wurde zu Brot verarbeitet. Aus den Kräften der Erde und der menschlichen Arbeit ist der Wein gekeltert worden. Das aber, was Natur und Mensch hervorgebracht haben, bleibt nicht in Raum und Zeit, bleibt nicht im Bereich des Alltags eingeschlossen. Der Herr wählt diese Gaben und erhebt sie in die Herrlichkeit seines Leibes und Blutes. Das größte Ziel, die letzte Bestimmung des Brotes ist es also nicht, auf dem Tisch der Menschen den Gang alles Irdischen zu gehen. Die letzte Bestimmung des Weines ist es nicht, die momentane Lebensfreude des Menschen zu erhöhen. Höchstes Ziel von Brot und Wein ist es vielmehr, zum Brot des ewigen Lebens, zum Wein der ewigen Freude zu werden. Damit aber werden uns diese Gaben zu einem sprechenden Zeichen über die Zukunft der Welt und den Sinn unserer menschlichen Arbeit. Die ganze Schöpfung und das Werk des Menschen sind berufen, einer Vollendung entgegen zu gehen in Gott.

Das Leben bleibt nicht ausgeschlossen, wenn wir Gottesdienst feiern, und Gott ist nicht abwesend in unseren Alltäglichkeiten. Wenn wir also am Fronleichnamsfest die bleibende Gegenwart des Herrn in seinem Leib und Blut begehen, geht es uns auch um die Zukunft der Welt und den tiefsten Sinn unserer menschlichen Anstrengung. Die Mühen jedes einzelnen sind nicht für eine Randnotiz der Geschichte bestimmt, sondern es ist ihnen eine „Hoffnung auf Herrlichkeit“ gegeben. Dafür sind Brot und Wein als Leib und Blut Jesu Christi Hinweis und Unterpfand.

Aus dem Wissen um die Gegenwart des Herrn, die dem ganzen Kosmos Hoffnung schenkt, erwächst die Haltung des Gotteslobes und der Anbetung. Wir bekennen damit, dass wir den Sinn und die Vollendung unserer ganzen Existenz nicht selbst schaffen können, dass sie uns vielmehr geschenkt werden, wenn wir bereit sind, zu empfangen. Gott hat Gaben der Arbeit – das Brot – und Gaben der Freude – den Wein – für seine Gegenwart bestimmt. Unser Leben soll im Gottesdienst vorkommen, und der Gottesdienst soll uns Kraft geben für unser Leben. So feiern wir heute, dass unser Gott wirklich unter uns ist und Christus mit uns lebt. Es ist Fronleichnam.


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