Geistlicher Impuls

Freie Zeit, stille Zeit

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Viele von uns haben in den kommenden Wochen Zeit. Ferien und Urlaub schenken jedem die Möglichkeit, still zu werden und somit sich selbst neu zu sehen. Im Alltag bleibt hierfür oft keine Zeit. Wir klagen über Hektik und Stress, über die ständig wachsenden Anforderungen, die an uns gestellt werden. Wir klagen, dass wir getrieben, dass wir „gelebt“ werden und nicht mehr selbst leben können. Dieses Gefordertsein bringt oft neuen Ärger hervor, und wir möchten am liebsten davonlaufen. In vielen Fällen sind unsere Gedanken gar nicht mehr bei dem, was wir gerade erledigen, sondern bereits beim nächsten und übernächsten Tun, so dass wir innerlich zerrissen sind.

Wir brauchen daher Zeiten der Ruhe und der Stille, um wieder zu uns zu finden, um Kraft zu schöpfen. Diese Zeiten der Ruhe und Stille sind nötig, um auch unsere Beziehungen zu überdenken: die Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst. Wenn wir uns diese Zeit nicht gönnen, leben wir im Alltag am Leben vorbei.

Urlaubs- und Ferienzeit schenken uns diese Möglichkeit, Ruhe und Stille zu suchen, um so unser Leben neu zu bereichern. Dabei ist allerdings wichtig, dass wir unnötigen Lärm vermeiden, dass wir uns alleine oder in Begleitung eines lieben Menschen in die Stille begeben: Auf einen Berg wandern, einen Spaziergang durch den Wald, an einen See oder über eine schöne Sommerwiese machen. Wichtig ist aber auch, dass wir diese Stille und Ruhe aushalten, nicht gleich wieder fortstürzen, um etwas "machen zu wollen". Wir sollen bewusst nichts tun, ruhig werden. Dabei lernen wir unser eigenes Ich wirklich kennen und stellen dabei auch fest, was in unserem Leben anders werden muss. In dieser Stille stellen wir uns dann die Frage: Wie sieht mein Verhältnis zu Gott aus? Wann bete ich? Bin ich ihm im Alltag, in dem ich oft unter Druck stehe, ausgewichen und habe mir für Gott keine Zeit genommen? War nicht alles andere wichtiger als fünf Minuten guter Zeit für ihn? Wir Menschen sind auf Gott hin ausgerichtet. Von ihm kommen wir, auf ihn gehen wir hin. Stille Zeit, bewusst mit Gott gestaltet, kann uns diese tiefste Dimension des Lebens wieder aufzeigen und somit unserem Leben ein neues Fundament geben.

Freie Zeit, stille Zeit ist auch die Möglichkeit, die Beziehung zum Nächsten neu zu bedenken: die Beziehung zum Partner, zu den Kindern, zu Arbeitskollegen, zu Nachbarn und Freunden. Weil kein Mensch ohne den anderen leben kann, brauchen wir gute Freunde und gute Bindungen untereinander. In der Hetze des Alltags werden diese Beziehungen oft stumpf, leiden unter der fehlenden Zeit, sind gestört, sterben ab, vielleicht auch, weil ein unbedachtes Wort einen Schatten auf das gute Miteinander geworfen hat. Wir finden näher zu uns selbst, wenn wir alle unsere Beziehungen durchdenken, dort neu ordnen, wo es nötig ist, einen neuen Anfang setzen, die Hand reichen, aufeinander zugehen, wo wir erkennen: Da ist ein Mensch, der braucht einen Teil meiner Zeit, der braucht mich.

Ein Sprichwort sagt: „Wer sich selbst nichts Gutes tut, der kann anderen nichts Gutes tun." Wir sind oft unzufrieden, gereizt, hart im Kritisieren, können uns selbst und die Welt nicht leiden und können deshalb auch nichts Gutes ausstrahlen. Die freie und stille Zeit ist daher auch eine wichtige Zeit, über folgende Fragen nachzudenken: „Wer bin ich, wie bin ich? Wo muss ich an mir arbeiten, wo muss etwas anders werden?“ Es kann sehr heilsam sein, wenn man sich zunächst einmal ehrlich eingesteht, wie man wirklich ist, was tatsächlich von einem ausgeht und was man selbst in den Umgang mit den Mitmenschen einbringt. Ich denke, wer aus der Stille heraus bereit ist, sich zu ändern, dessen Leben wird zufriedener und froher in neuen Bahnen laufen.

Die drei Erfahrungen der Stille, in denen wir uns selbst sehen können, sind: unsere Beziehungen zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst. Darin treffen wir die Erfahrung, die das Evangelium des heutigen Tages anspricht: Jesus will mit den Aposteln, die er gesandt hatte und die zurückgekommen sind, an einem einsamen Ort alleine sein und ausruhen. Jesus will das, weil er weiß, wie wichtig für Menschen Stille und Sammlung sind. Kein Mensch kann immer nur arbeiten. Jedes Leben braucht, um lebendig und gut zu bleiben, Zeiten der Ruhe und der Erholung. Jesus weiß, dass jeder Mensch Zeit braucht, um zu sich selbst zu finden, „um sich selbst zu sehen“. Jesus will dieses wichtige Gut seinen Freunden schenken, er will ihnen bewusstmachen, dass auf Arbeit Ruhe folgen muss.

Wir können nicht Hetze und Stress aus der Welt verdrängen; aber wir können uns ändern, indem wir Phasen der Ruhe und Stille in unseren Alltag einplanen. Urlaub und Ferienzeit können somit Neuanfang sein. Dieser Neuanfang durchzieht dann unseren Alltag, verleiht uns Kraft und gibt uns neue Stärke.  


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Bild: pixabay.com