Bundesebene Geistlicher Impuls

Die Zukunft seines Reiches

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntagsevangelium

Wir feiern heute den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Am nächsten Sonntag ist Christkönig und dann beginnt schon der Advent und damit ein neues Kirchenjahr. Gegen Ende des Kirchenjahres hören wir auch in den Evangelien vom Ende. Vom Ende der Welt. Vielleicht haben uns diese Aussagen erschreckt! Zukunftsängste - Ende der Welt. Wo bleibt die Hoffnung? Wie ist das mit der Friedlosigkeit dieser Welt? Wie ist das mit dem Ende der Welt? Und dann? Ich möchte versuchen, einer Antwort auf Spur zu kommen. Vom Ende, vom Zusammenbruch schreibt auch ein großer Schriftsteller: Erich Kästner. In einem seiner Gedichte, das überschrieben ist mit "Das letzte Kapitel" heißt es:

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde,
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hat die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

Soweit das Gedicht. Erich Kästner hat diesem Gedicht die Überschrift gegeben "Das letzte Kapitel". Alle Hoffnung ist tot. Er ist an der Menschheit verzweifelt. Zu oft hat man in der Geschichte auf Vernunft, Einsicht und Lernfähigkeit der Menschen gehofft, aber immer vergebens. Die größten Tragödien und Katastrophen, die sich in Völkern und Nationen ereignet haben, konnten die Menschen nicht zur Besinnung bringen. Da scheint es nur noch den hier beschriebenen Mord zu geben.

Ist wirklich kein Friede möglich, außer durch die Vergiftung aller Menschen? Ruhe ist kein Friede; Friedhofsruhe ist Tod. Die ständig neu aufflackernden Brände scheinen der Weltregierung des Gedichtes Recht zu geben. Ist es nicht bis heute so? Trotz fortschreitender Bildung, trotz des Druckes der öffentlichen Weltmeinung, trotz nachgewiesener Schuld an den Ursachen der Kriege, trotz einer neuen ethischen Einstellung zum Frieden sind die Gefahren für neue Kriege nicht geringer geworden. Was muss alles noch passieren, um die Menschen zur Besinnung zu bringen?

Die Weltregierung ist unerbittlich. Alles, was den Frieden stört, muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. "Weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt." - Zeichen und Ausdruck des Menschlichen. Wieviel Unschuldige wurden geopfert. Man kann fragen: Hätte man nicht das Böse allein ausrotten können? Aber: Stellt sich das Böse im Menschen chemisch rein dar? Ist nicht in jedem Gutes und Böses? Liegt es nicht in ständigem Kampf? Also: mit dem Bösen auch Gutes vernichten, ist das die Lösung? Warum sind so viele Unschuldige doch schuldig? Weil sie vieles in dieser Welt geschehen lassen! Nicht der Friedfertige ist das Ideal, der den Kopf in den Sand steckt, allen nach dem Munde redet, kritiklos hinter den Führern herläuft, die Welt ihrem Schicksal überlässt, sondern der, der für Recht und Gerechtigkeit eintritt.

Autoritäre Systeme haben immer durch unterwürfige Menschen existiert, die sich ohne eigene Meinung in das System einfügen. Vielleicht sind daher heute Widerstand gegen das Unrecht, Kritik und Ungehorsam, Gewissensbildung und -entscheidungen auch wichtige Aufgaben und Tugenden des Christen. Frieden hat man nicht, sondern muss ihn wegen der sich ständig ändernden Verhältnisse immer wieder neu schaffen. Frieden ist ein dynamischer Vorgang, eine immerwährende Aufgabe.

Wenn ich ein solches Gedicht von Kästner oder ähnliche Texte lese, dann wird mir immer deutlicher: der Mensch aus sich - der Mensch allein - schafft den Frieden nicht. Grundlegende übereinstimmende Werte sind wichtig. Wie können wir das Evangelium umsetzten, ein Leben nach dem Leben Jesu führen? Dann stellt sich auch die Frage nach dem Ende der Welt neu. Denn Leben nach der frohen Botschaft heißt: Nicht der ewige Krieg der Menschen endet im absoluten Zusammenbruch, sondern Menschen versuchen auf dieser Welt in Frieden zu leben und erwarten dann eine tröstliche und hoffnungsvolle Zukunft. Alles nur Utopie? Ich meine, es kommt auf jeden von uns an. Sind wir bereit, den Glauben so in Handeln umzusetzen? Sind wir bereit, Werte, die Leben stiften und Gott zum Inhalt haben, weiterzugeben?

Das Ende der Welt im Evangelium tut etwas Neues auf: Christus erscheint mit Vollmacht und Herrlichkeit. Wenn wir IHN handeln lassen, dann ist in dieser Welt und am Ende dieser Welt nicht Untergang, sondern Fülle. Das ist gerade der Unterschied. Wenn Menschen ohne Gottes Liebe handeln, kann die Vision Erich Kästners eintreten: Vernichtung, Zerstörung, Unterdrückung, Krieg. Wenn Menschen mit Gottes Liebe handeln glaube ich, dass wir mitbauen dürfen an einer guten Zeit und Zukunft. Rechenschaft gegenüber Gott bedeutet verantwortungsvoll in dieser Welt zu leben. Dann ist nicht der Mensch die letzte Instanz. Das ist die Hoffnung des heutigen Evangeliums und unseres Glaubens überhaupt. Auch hier liegt der Wert von Kirche, von Gemeinschaft der Glaubenden.

Diesen Glauben zu leben und weiterzugeben, ist grundlegend wichtig für die Zukunft unserer Welt. Wir wollen Gott alle Möglichkeiten geben und nicht Menschen handeln lassen, die die Welt in Unordnung und Unfrieden treiben. Dieser vorletzte Sonntag im Kirchenjahr lädt ein, sich die Bedeutung des Glaubens neu bewusst zu machen. Glauben an einen Gott, der uns als Zukunft sein Reich vor Augen stellt. Seine Werte wollen wir in unserer Gesellschaft, in uns umsetzen und leben. So heißt es in einem Gebet:

Herr Jesus Christus,
du hast dein Kommen
in diese Welt
mit großer Macht und Herrlichkeit
angekündigt.
Das ist der Beginn
des neuen Himmels
und der neuen Erde.
Vor diesem Ende fürchten wir uns wenig.
Lass uns dein Kommen im Auge behalten
und darauf zuleben,
damit wir die Welt nicht selbst zerstören,
sondern alles von deinem
Kommen erwarten:
Frieden und Heil und Leben.

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland

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