Bundesebene Geistlicher Impuls

Die Weisen aus dem Morgenland

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum heutigen Hochfest

Heute ziehen die "Sternsinger" von Haus zu Haus. Sie singen ihr Lied von den Weisen aus dem Morgenland und ihrem weiten Weg. Ihr Weg hat sie nach Betlehem geführt, dem Ort, von dem die Heilige Schrift zu sagen weiß: "Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel" (Mt 2,6).

Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten kennen die Pilger aus dem Osten diese Weissagung des Propheten (Mi 5,1.3; 2 Sam 5,2) nicht. Aber sie treten als Heiden in den Glauben ein. Weil sie sich aufmachen und suchen, finden sie das Kind. Sie begegnen in ihm dem Sohn Gottes, der für uns Mensch geworden ist.

"Der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar" (Mt 2,9-11).

Nicht nur die "Sternsinger" verweisen auf diese Begegnung. Im Kölner Dom, wo seit dem 12. Jahrhundert die Gebeine der "Heiligen Drei Könige" verehrt werden, und im Erzbistum Köln singt man noch immer:
"Es führt drei König Gottes Hand
mit einem Stern aus Morgenland
zum Christkind durch Jerusalem
zur Davidsstadt, nach Betlehem.
Gott, führ auch uns zu diesem Kind
und mach aus uns sein Hofgesind."

Dieses Lied, das auf den Seelsorger und Dichter Friedrich von Spee (1591 bis 1635) zurückgeht, stammt aus einer Zeit, in der der "Dreikönigenschrein" in Köln Ziel einer der bedeutendsten Wallfahrten des Abendlandes gewesen ist. In seiner letzten Strophe führt das Lied zu einer Deutung der Gaben. Es sagt von den "drei König":

"Durch Weihrauch stellten fromm sie dar,
dass dieses Kind Gott selber war;
die Myrrh' auf seine Menschheit wies,
das Gold die Königswürde pries."

Die drei Gaben der fremden Wanderer sind Zeichen. Sie weisen über sich hinaus. Unter diesen drei Gaben ist es das kostbare Gold, das die "Königswürde" des Kindes offenbart. Die Menschen aus dem Osten haben dieses Kind gesucht. Sie haben mit ihm den verheißenen Messias gefunden. Wir wissen nicht, woher sie gekommen und wohin sie gezogen sind - die Menschen aus dem Osten, von denen da die Rede ist. Das Evangelium spricht von Sternkundigen oder Sterndeutern, nennt aber nicht ihre Zahl und weiß nichts von ihren Namen.

Erst die fromme Verehrung dieser Menschen, die sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht haben und dann in Betlehem "das Kind und Maria, seine Mutter", finden, hat uns die Geschichte "handgreiflicher" oder "anfassbarer" und anschaulicher gemacht. Die volkstümliche Aneignung der Botschaft des Evangeliums hat schon im 4. Jahrhundert dazu geführt, dass man von der Dreizahl der Gaben - Gold, Weihrauch und Myrrhe - auf drei Personen geschlossen hat. Seit dem 9. Jahrhundert nennt man ihre Namen: Kaspar, Melchior und Balthasar. Darüber hinaus bezeichnet man sie als die "Weisen aus dem Morgenland" und verehrt sie als die "Heiligen Drei Könige". In künstlerischen Darstellungen sieht man sie dann auch seit dem 10. Jahrhundert als Könige. Man stellt sie mit gekrönten Häuptern dar. Zweihundert Jahre später tritt einer von ihnen als schwarzer König auf. In der Kunst werden die drei Könige schließlich sowohl zu Vertretern der Lebensalter als auch zu Repräsentanten der Erdteile.

Mag sein, dass jetzt jemand ungeduldig einwendet: 'Mit alledem können wir heute nicht mehr viel anfangen!' Wer so denkt, mag Situation und Sachverhalt durchaus richtig treffen. Offenbar deshalb, weil man mit dem, was sich um das Fest vom 6. Januar rankt, nicht mehr viel anzufangen wusste, konnte es geschehen, dass das Fest der "Heiligen Drei Könige" fast überall in der Welt zu einem Werktag gemacht worden ist. Ob das nicht bezeichnend ist? Dieser Tatbestand ist zugleich bedauerlich! Fehlte das, was man den "Durchblick" nennen könnte?

Dass unser Hochfest vom 6. Januar immer mehr zu verblassen oder gar aus dem Bewusstsein zu schwinden droht, ist ein Verlust. Aus mehreren Gründen. Mir scheint, dies ist vor allem deshalb ein bedauerlicher Verlust, weil es hier ja gar nicht in erster Linie um die "Heiligen Drei Könige" geht, sondern um den König, um den "Herrscher über die Könige der Erde", der uns liebt, uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, uns "zu Königen gemacht" hat " und "zu Priestern vor Gott, seinem Vater" (Offb 1,Sf).

Es ist wohl nicht so ganz falsch, die kundigen Sterndeuter aus dem Osten als die "Weisen aus dem Morgenland" zu bezeichnen. Beginnt nicht alle Weisheit des Menschen damit, dass er Gott findet, ihm allein huldigt und nur vor ihm das Knie beugt? Es ist - scheint mir - auch nicht total verfehlt, die Menschen, die sich aufmachen und dem Stern folgen, der sie zu Christus führt, als königliche Menschen zu verstehen und sie dann selbst Könige zu nennen. Beschreibt nicht der 1. Petrusbrief alle, die zu Christus gehören, als "ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde" (1 Petr 2,9), als Menschen, die aus der Finsternis in sein wunderbares Licht (vgl. ebd.) gelangt sind? Sie kommen "aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern", und der Herr hat sie "zu Königen und Priestern gemacht" (Offb 5,9f).

Trotzdem stehen nicht die Weisen oder die Könige aus dem Morgenland im Mittelpunkt unseres Festes. Sie machen nicht seinen eigentlichen Gehalt aus. Mitte unseres Festes ist Christus, das "Licht der Welt", das uns erschienen ist. Die Geschichte von den Sterndeutern, die in Jerusalem nach dem "neugeborenen König der Juden" fragen, ist durchsichtig und durchlässig. Sie sagt: Die Wallfahrt der Völker (vgl. Jes 60,1-6) ist eine Wallfahrt zu Jesus. Er ist die eigentliche Mitte und das Ziel aller menschlichen Geschichte. In ihm leuchtet Gott; in ihm ist Gott unter uns Menschen da; in ihm ist das wahre Licht aufgestrahlt.

Das Evangelium spricht heute nicht nur von drei Weisen, sondern von allen Menschen, die ihr Leben von Jesus bestimmen lassen und ihm nachfolgen; es spricht von der Kirche, von jenem Volk aus allen Völkern der Erde, dem der wahre Stern aufgegangen ist, "jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht" (Exsultet): Christus, unser Herr. Dieser Stern leuchtet. Und wer ihm folgt, findet die Freude, die "Fülle des Lebens" (vgl. Joh 10,10).

Darum heißt unser Hochfest mit seinem liturgischen Namen "Erscheinung des Herrn". Schon seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts feiern wir dieses Fest der Erscheinung Gottes in Jesus Christus. Die göttliche Größe des Kindes von Betlehem strahlt in die Welt hinaus. Weil Gott in diesem Kind zu uns gekommen ist, sind die Menschen in Bewegung geraten. Sie gehen zu dem, der zu uns gekommen ist. "Die Weisen haben sich aufgemacht ..."

Erkennen wir uns in diesen hochherzigen und weisen Menschen wieder? "Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, dem Herrn zu huldigen." So aktualisiert der Evangelienvers, was wir in der Verkündigung der Frohen Botschaft empfangen.

"Gott, nimm von uns als Opfergut
Herz, Leib und Seele, Ehr und Blut!"

Dies steht im eingangs zitierten Kölner "Dreikönigslied". Wir bringen "nicht mehr Gold, Weihrauch und Myrrhe dar". Der Herr selbst ist unsere Gabe. Übrigens spricht das Kölner Lied auch nachdrücklich von unserer Reise. Mit der Bitte:

"Gott, laß das Licht der Gnad uns schaun,
auf deine Führung fest vertraun."

Ja, er führe auch uns "auf dem Weg der irdischen Pilgerschaft zur Anschauung seiner Herrlichkeit".

Darauf vertrauen wir.

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland

Foto: www.pixabay.com