Bundesebene Geistlicher Impuls

Bartimäus, du hast Mut!

Worte des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntagsevangelium

Es gibt Sonntagsevangelien, die bieten an, über Wunder zu predigen. Dafür wird üblicherweise ein breiter Hintergrund ausgeleuchtet, wird Religionsgeschichte bemüht, wird psychologisiert und ab und an kräftig argumentiert. Unterm Strich ergibt sich für die Zuhörenden ein "Vielleicht war es ja so. Vielleicht war es aber auch anders". Dadurch geht verloren - so sehe ich das - was im Vordergrund der Heilungswunder steht: Ein glaubender Mensch geht auf Jesus zu, wendet sich an ihn, erbittet etwas.

Eigentlich ging der Mensch - hier Bartimäus - schon sein gesamtes Leben gläubig auf Jesus zu. Aber die Erzählung vom Wunder komprimiert diese lange Glaubensgeschichte in wenige Worte, in eine Situation. Bringt sie quasi auf den Punkt. Ich lade Sie ein, Bartimäus genau zu beachten. Um nicht an Bartimäus vorbeizureden und nicht über uns hinweg, will ich Sie mitnehmen in ein - wenngleich einstimmiges - Gespräch mit Bartimäus. Vielleicht können Sie diesem fiktiven Gespräch mit Bartimäus Grundhaltungen, Glaubenshaltungen abgewinnen. Ein Mensch steht vor Gott - am Beispiel des Bartimäus. Hier mein Gespräch mit Bartimäus:

Bartimäus, ich zücke meinen Hut vor dir. Du hast Mut! Du rufst Jesus, und Gegenstimmen lässt du nicht gelten. Deshalb rufst du sogar ein zweites Mal, und ich wette, du hättest noch häufiger gerufen. Dein Vertrauen, dein Hoffen, dein Glauben - ja, deine ganze Aktion ist vorbildlich. Schauen wir, was du an jenem Tag gemacht hast.

Du hast deinen Platz gut gewählt. Du willst von den Pilgern, die nach Jerusalem ziehen, ein paar Cents erbetteln. Und wo du sitzt - am Ortsausgang - müssen alle vorbei, die zum Tempel wollen. Da fällt natürlich dann und wann eine Münze für dich ab. Es ist schon klar, dass dein Platz am Ende der Stadt auch zeigt, wie man dich in Jericho einschätzt. Du bist der, der hier wenig gilt. Du bist für sie der "Krüppel am Rande". Die Leute aus Jericho blicken auf deine Blindheit und meinen, dein Leiden hätte seinen Grund in dem gottlosen Verhalten, das du schon lange an den Tag legen würdest. Und wer dich ganz tief verletzen will, ruft dir hämisch hinterher, du würdest nicht mal mehr deinem eigenen Namen Ehre geben. "Bartimäus": Das heißt ja "der, der Gott ehrt". Heute hast du Glück: Besonders viele Menschen sind in der Stadt. Das Gedrängel wird so groß, dass die Leute dich armen Bettler anrempeln, statt mit Münzen beglücken.

Da fragst du die Menschen: "Was ist los?" Die Antwort: "Jesus von Nazaret ist da." Über das, was dann geschah, kann ich nur spekulieren. Du siehst die Chance deines Lebens - so gut und so ungut es bisher war - vor dir. Für dich gibt es nur diesen Mann. Er kann dir helfen und sonst keiner. Denn die aus Jericho haben nichts für dich getan. Mit Vorwürfen wegen deines Unglücks haben sie dich bedeckt, mit Häme überzogen, an den Rand gedrückt und in den Dreck gestoßen. Du hast leidig erfahren, wie scheußlich es ist, wenn Menschen ohne Mitleid sind. Aber jetzt, in diesem Moment, steht vor dir die Chance deines Lebens. Dieser Jesus aus Nazaret: der Messias, der Mann des Heils. Du brüllst nach ihm, und in deinem Ruf schreit alles, was du erlebt und erlitten hast. Es schreit darin der Ekel vor dir selbst: Aus einem gestandenen Mann wurde ein Bettler. Es klagt darin der endlose Absturz aus dem Leben: Krankheit, Arbeitslosigkeit und Armut haben dich kaputt gemacht. Gegen diese Qual schreist du an: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir." Bewundernswert: Du willst, dass dieser Mann aus Nazaret dich sieht. Dein ganzes Elend willst du zu seinen Füßen legen. Du willst seinen Blick auf dein verarmtes Leben lenken.

Du versteckst dich nicht; du verschweigst dich nicht. Weder Scham, Eitelkeit, Selbstzweifel noch Angst machen dich still. Alle anderen wollten nicht, dass du dein Elend Jesus zeigst. Sie haben ihr eigenes Elend ja auch vor Gott verschwiegen. So war es damals; so ist es heute: Wer von uns traut sich, ein offenes Wort mit Gott zu reden? Wer von uns wagt, ihm die Wahrheit unserer alltäglichen Angst und Not zu sagen? Wer von uns erzählt ihm, wie wackelig unsere Existenz ist und wie schwarz die Zukunft aussieht? Wie vor den Nachbarn wahren wir vor Gott den Anschein des "Ja, danke der Nachfrage. Es geht gut". Worüber wir nicht mit Gott reden, das schreist du hinaus. Bartimäus, du bist stark, du bist klasse.

Was dann passierte, muss dich erschüttert haben: Die, die dich mitleidslos im Dreck lassen, haben heute Verstärkung durch fromme Leute bekommen. Auch die Jesus-Jünger und Tempelpilger wollen dich zum Schweigen bringen. Die Unfreundlichen sagen: "Du unverschämter Mensch, halt die Klappe."

Die Freundlichen sagen: "Jesus kann sich nicht um dich kümmern." Die Frommen sagen: "Jesus ist in Festtagsstimmung. Stör ihn nicht!" Groß ist die Gruppe derer, die dich verschweigen wollen. Sie trennen dich von Jesus. Doch du schreist wieder gegen diese Mauer der Verschweiger und Verdränger an und über sie hinweg.

Jetzt - als dein Schrei über diese Mauer springt - zeigst du, wie tief dein innerer Antrieb ist und worin deine Motivation gründet: Du glaubst, du hoffst, du vertraust! Du hast eine Ahnung von Gottes Liebe, von seinem Mitleid. Deshalb können dir unangenehme Zeitgenossen kein Mundhalten auferlegen und keine Grenzen setzen. Ich und sicher auch andere hatten dir unterstellt, du wärest so stark, weil der Druck deiner Not dir keine andere Wahl ließe. Der Mut des Verzweifelten - damit hatte ich dein Rufen erklärt. Das, merke ich nun, war wohl eine Übertragung meines Kleinglaubens auf dich.

Denn du hast den Mut des Glaubenden, die Kraft des Hoffenden, die Zuversicht des Vertrauenden. Du ahnst, dass Gott dich nicht da lässt, wo du heute bist. Du verlässt dich auf Jesus, auf Gott. Du bist gläubig, du bist vorbildlich.

Und siehe da: Dein Ruf kommt bei Jesus an. Obwohl du, das muss dir gesagt sein, Jesus mit einem Titel angesprochen hast, der ihm so gar nicht liegt. Dein Titel "Sohn Davids" macht einen König aus ihm, einen Politiker, einen Endzeit-Macher. Doch das hat Jesus nicht gestört. Er klopft einen Ruf nicht auf dogmatische Korrektheit ab; er wartet nicht auf korrekte Sprache. Jesus hört nicht auf die Buchstaben; Jesus achtet auf die Worte: Spricht hier die Seele des Menschen? Ist es ein Ruf nach Hilfe? Ist es ein Schrei nach Leben? "Hab Erbarmen mit mir" - das findet seine und Gottes Aufmerksamkeit. Jedes Wort, das ein Glaubender schreit, der vertraut und hofft und auf Gottes Liebe setzt.

Bartimäus, du hast das gewusst oder vermutet. Ohne Zögern, ganz spontan sprichst du ihn an mit Worten, die dir einfielen und geläufig waren. Die innere Not führt deine Zunge. Wäre ich, wären mehr Menschen so freimütig wie du, es gäbe mehr Gebete auf dieser Welt. Und damit mehr Zuwendung zu Gott. An deinem Ruf ist abzulesen, dass mit Gott gesprochen werden kann, wie der Schnabel gewachsen ist. Wer krampfhaft nach Worten sucht, verpasst den entscheidenden Moment des Rufens. Danke, Bartimäus, denn du machst uns das Beten leichter. Viel gesagt habt ihr beide damals ja nicht. Ihr habt euch auf einer anderen Ebene verstanden: Glaubender und Gottessohn begegnen sich tiefer. Faszinierend, dass er dich fragt. Und du - freimütig wie immer - nennst ihm deinen Lebenswunsch: Wieder sehen können. Wieder ganz im Leben stehen können. Endlich die Mitleidslosen sehen können und ihnen ausweichen. Und siehe da: Der Glaubende erhält von Gott, was er für das Leben braucht. Wunderbar.

Bartimäus, dein Glaube ließ dich handeln. Dein Jesus-Ruf öffnete dir den Weg ins Licht. Jetzt ist dir ein neuer Weg freigemacht, und du gehst diesen Weg. Lieber Bartimäus, nimm uns mit auf diesen Weg! Damit wir lernen, an Gott zu glauben, zu ihm zu rufen. Jederzeit und so wie es nötig und möglich ist für uns. In unserem Leben. Heute und Morgen. 

Pfarrer Josef Holtkotte, Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland